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Regisseur Sven-Eric Bechtolf : Der mächtigste Mann der Theaterwelt

  • -Aktualisiert am

Was ist für diesen Intendanten, der aus dem Dunklen kommt, ein Problem? Alles – und damit eigentlich nichts. Sven-Eric Bechtolf gibt sich wenig marktförmig und doch erstaunlich demütig. Bild: Luigi Caputo

Er gelte, sagt er selbst, als arrogant, schnöselig, karrieregeil. Dabei will Sven-Eric Bechtolf eigentlich nur spielen. Ein Besuch bei dem Schauspieler, Regisseur und Chef der Salzburger Festspiele.

          Seit vergangenem Sommer ist der Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf der wohl mächtigste Mann der Theaterwelt. Denn zusammen mit der seit 1995 amtierenden Präsidentin Helga Rabl-Stadler ist er künstlerischer Direktor der Salzburger Festspiele, des größten und berühmtesten Theaterfestivals der Welt. Im vorigen Jahr standen an 45 Tagen 188 Aufführungen an vierzehn Spielstätten auf dem Programm. Das Budget lag bei rund sechzig Millionen Euro. Der ideelle wie marketingtechnische Wert für alle Beteiligten ist enorm. Ein Engagement in Salzburg ist für jeden Künstler ein Ritterschlag mit hohem Multiplikationsfaktor. Bechtolf sitzt auf seinem Chefsessel indes nur interimistisch und fast zufällig. 2011 berief ihn der neue Intendant Alexander Pereira, bei dem er schon am Opernhaus Zürich erfolgreich inszeniert hatte, zum obersten Herrn über das Schauspiel. Als Pereira dann vorzeitig an die Mailänder Scala weiterzog und zwei führungslose Jahre bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Markus Hinterhäuser drohten, sprangen für 2015 und 2016 Rabl-Stadler und Bechtolf ein.

          Jetzt haben sie in Salzburg mit dem üblichen Trara ihr zweites und letztes gemeinsames Programm vorgestellt, Motto: „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind.“ Neben zahlreichen Konzerten, Lesungen und dem obligatorischen „Jedermann“ gibt es sechs Neuproduktionen, darunter Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Hier wird Sven-Eric Bechtolf nach Jahren auch wieder selbst Theater spielen und in der Rolle des Doktors sagen: „Das Theater / insbesondere die Oper / geehrter Herr / ist die Hölle!“

          Er kann halt nichts dagegen tun

          Er lacht darüber und reibt sich fast die Hände. Sein spartanisch eingerichtetes Büro liegt neben dem der Präsidentin in den Verwaltungsräumen im Großen Festspielhaus: viel Platz, wenig Papier, dicker Zigarettenqualm. Das Fenster ist geöffnet. Von draußen hört man Passanten, Glocken, das Klappern von Pferdehufen, sobald ein Fiaker vorbeifährt. Wenn dies ein Elfenbeinturm ist, so einer voll reiner Energie und geradezu preußischer Disziplin. Oder sollte man sie besser hanseatisch nennen? Denn Sven-Eric Bechtolf, 1957 in Darmstadt geboren, wuchs in Hamburg auf, und wenn er nicht aufpasst, schneidet in sein leicht österreichisch umschmeicheltes Hochdeutsch manchmal das harte „Nich“, mit dem er Sätze fragend wie fordernd abschließt.

          Er gibt nicht gern Interviews und hat irgendwann seine Pressechefin gebeten, ihn den Medien wie die späte Greta Garbo anzudienen - also möglichst gar nicht. Man hat ihm dies ebenso wie seinen reservierten, bestimmten Habitus und vor allem seine konservativen, entschieden nicht marktkonformen Aussagen zu Kunst, Kommerz, Regietheater bald übelgenommen. Sven-Eric Bechtolf hat keinen guten Ruf, stimmt’s? „Viel schlimmer“, korrigiert er, „ich habe einen miserablen Ruf, gelte als snobistisch, arrogant, schnöselig, karrieregeil“. Es klingt nicht so, als wäre ihm dies völlig egal, sondern, als könne er halt nichts dagegen tun. Diplomatisch ist er nicht und Anpassung nicht sein Ding. Missgunst mag überdies erregt haben, dass die Laufbahn des Bankierssohns immer steil bergauf gegangen ist: Ausbildung am Salzburger Mozarteum, Engagements in Zürich, Bochum und natürlich am Thalia Theater in Hamburg, wo er ab 1996 zum Direktorium von Jürgen Flimm zählte.

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