Wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt Susanne Wolff es einem ins Gesicht. Lachend, aber deutlich. Es wäre jedoch falsch, die Schauspielerin, Jahrgang 1973, die neben Nina Hoss und Maren Eggert herausragt im mit herausragenden Frauen so gesegneten Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin, als besonders schwierig zu bezeichnen. Selbstbewusst ist sie, streng in ihren Maßstäben. Eine Bühnenbeherrscherin, im Spiel stets ein wenig undurchsichtig, fast verschlossen mit ihrem kehligen Lachen und den grünen Augen, die Blitze schleudern können.
„Ödipus Stadt“, mit dem das Deutsche Theater am Freitag die neue Saison eröffnet, ist auch für Sie der erste Zusammenstoß mit den Großen des antiken Dramas: Sophokles, Aischylos, Euripides. Es ist ein Extrakt aus vier Dramen, das klingt wie eines dieser Exzerpte für Führungskräfte, die keine Zeit haben, sich das ganze Buch durchzulesen.
Es sind im Grunde ja nur drei Stücke in einem: die Geschichte von Ödipus, der Zweikampf seiner Söhne Eteokles und Polyneikes mit der Politisierung Antigones - und dann eben „Antigone“. Als ich von dem Plan das erste Mal gehört habe, dachte ich aber auch: Ach du Scheiße! Dann bekam ich die Fassung und sah: nur 60 Seiten. Wahnsinn! Und jetzt bin ich ein absoluter Fan davon. Ich finde, man begreift alles.
Sie als Kreon und nicht etwa Ulrich Matthes als Ödipus sind die Hauptfigur. Nach Othello spielen Sie damit schon wieder einen Mann. Gibt es keine Frauenrollen mehr für Sie?
Entschuldigen Sie, aber jetzt werde ich mal etwas ausfallend: Das ist eine blöde Frage! Fragen Sie die Regisseure! Die besetzen mich! Punkt. Im Übrigen finde ich es natürlich großartig, weil Männerrollen im Theater fast immer viel interessanter sind als Frauenrollen.
Macht es Ihnen Spaß, auch mal männlichen Sexismus spielen zu dürfen?
Ja! Es gibt auch zwei Sätze im Stück, um die habe ich sehr gekämpft. (Lacht.) Stephan Kimmig hat sie bisher auch beide dringelassen.
Welche?
„Man kann auch auf anderen Äckern säen.“ Und: „Für gute Söhne schlechte Frauen? - Das lasse ich nicht zu.“ Natürlich macht es Spaß, auf der Bühne Dinge zu tun, die man im wahren Leben nicht einmal in Ansätzen tun dürfte. Jetzt bei den Proben habe ich mich teilweise bei den Kollegen entschuldigt, weil ich sie so schäbig behandele.
Sind Sie eine „Kopfschauspielerin“?
Ja, ich will immer alles verstehen. Es ist aber im Laufe der Jahre besser geworden, ich kann auch schon mal Dinge machen, die ich nicht auf Anhieb begreife, in der Hoffnung, dass ich sie verstehe, wenn ich sie gemacht habe. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht mit voller Kraft in eine Sache hineinstürze.
Haben Sie auch schon mal eine Rolle abgelehnt?
Nein, habe ich noch nicht gemacht. Ich kann mir auch nur wenige Rollen vorstellen, die ich nicht spielen wollen würde. Das Gretchen etwa, aber zum Glück besteht die Gefahr nicht mehr. Aus dem Alter bin ich raus. Ich hasse solche Frauenfiguren. Ein schwaches Wesen, das sich dann in eine Verrücktheit flüchtet. Furchtbar! (Lacht.) Aber selbst diese Rolle würde ich vermutlich nicht ablehnen, weil ich mir denken würde: Wenn jemand ausgerechnet mich damit besetzt, dann wird er sich schon etwas dabei gedacht haben.
Im Idealfall merkt man bei Ihnen gar nicht, dass Sie überhaupt spielen. Dann wirkt alles, was Sie auf der Bühne anstellen, völlig natürlich und Sie wie in einem Schwebezustand . . .
. . . es ist schwierig zu erklären, was das genau ist. Schwebezustand trifft es aber ganz gut.
Können Sie durch Technik diesen Zustand für sich herstellen?
Ich denke selber seit geraumer Zeit darüber nach, ob das meine Spielweise ist, die ich mit der Zeit für mich entwickelt habe. Ich glaube mittlerweile, es ist eine Spielweise. Ich versetze mich in einen Zustand, in dem ich die größtmögliche Reaktionsfähigkeit und Offenheit für die Situation habe. Indem ich mich so weit wie möglich zu distanzieren versuche von allen einstudierten Dingen, von Festlegungen, von Wiederholungen aus der letzten Vorstellung.
Stimmt es, dass Sie vor jeder Vorstellung von Ibsens „Nora“ Eminems „Cleaning up my Closet“ gehört haben? Brauchen Sie das?
Bei dieser Inszenierung zumindest brauchte ich es. Da war das ganz extrem. Einmal hatte ich auf einem Gastspiel meine Musik vergessen - und dachte ernsthaft, ohne Eminem kann ich die Vorstellung nicht spielen. Kimmig hat die Musik dann noch irgendwie organisiert. Früher, in Hamburg, habe ich zu fast jeder Rolle eine bestimmte Musik gehört, jetzt habe ich das aber ganz lange nicht mehr gemacht.
Weil Sie sich zu abhängig davon fühlten? Dabei sollen Sie doch Rituale generell schätzen . . .
Ja, total. Aber als ich Penthesilea spielte, das war noch in Hamburg, habe ich zum ersten Mal entdeckt, dass man sich nicht vorher absentieren muss, nicht Musik hören und sich einkitschen muss - jedenfalls nicht immer. Bei „Penthesilea“ haben wir vorher ein bisschen Gymnastik hinter der Bühne gemacht und dabei herumgealbert. Das hat genau die richtige Lockerheit gebracht für diesen doch schweren Abend.
Sie sind 2009 mit Ulrich Khuon vom Hamburger Thalia Theater nach Berlin ans Deutsche Theater gekommen. In der DDR das erste Haus des Landes, danach zerrissen zwischen Ost-Tradition und West-Ansprüchen. Was ist es, nach drei Spielzeiten, für Sie?
Es ist meine Arbeitsstelle. Zu der ich natürlich eine persönliche Verbindung habe. Ich kann nur den Vergleich zu Hamburg ziehen, dort war ich am Thalia elf Jahre lang, das war mein erstes Engagement. Ich habe dort immerhin intern den Wechsel von Jürgen Flimm zu Ulrich Khuon mitbekommen und hatte daher schon eine leise Ahnung, was es heißt, wenn sich ein Ensemble neu bildet. Hier dauert es auf jeden Fall länger.
Gehen Sie selber viel ins Theater?
Nein, ich schaffe es ja nicht einmal, alle Inszenierungen hier am Haus zu sehen. Manchmal brauche ich auch einfach eine Pause. Und ich muss auch zugeben, dass ich es anstrengend finde, im Publikum zu sitzen. Weil mir dabei immer bewusst wird, was für eine Energie in so einem Zuschauerraum herrscht. Glücklicherweise vergesse ich das immer, wenn ich selber auf der Bühne stehe.
Wieso glücklicherweise?
Wenn ich hier bei einer Premiere von Kollegen mitbekomme, wie unaufmerksam viele Leute sind - gerade in Zeiten des iPhones. Mich macht fassungslos, wenn ich sehe, dass jemand während einer Vorstellung Mails checkt und SMS schreibt. Die so etwas tun, sind übrigens gerade die, die hinterher besonders ausrasten.
Ausrasten?
Jubeln! Frenetisch. Da stimmt doch etwas nicht. Oder sind solche Leute so multipel, dass sie das alles zugleich können - lesen, mailen und vom Theater ergriffen sein?
Bekommen Sie diese Veränderung im Zuschauerverhalten, wenn Sie auf der Bühne stehen, gar nicht mit? Es gibt Kollegen, die sagen, Sie sehen ganz genau, wer im Publikum wann eingenickt ist oder in der Nase gebohrt hat.
Erstens erschüttert mich, wenn Kollegen das behaupten. Zweitens glaube ich das nicht, weil man in den meisten Fällen durch die Beleuchtung die Leute gar nicht sehen kann. Manchmal geht es allerdings - und dann bin auch ich nicht immer begeistert. Einmal wäre ich sogar beinahe von der Bühne gegangen, weil ich mich so über einen Zuschauer geärgert habe.
Was hat der gemacht?
Fotografieren ist bekanntlich verboten im Theater. Schon seit geraumer Zeit. Es gibt aber immer wieder Leute, die meinen, sie müssten das tun - gerade seit jedes Handy eine Kamera hat. Die sitzen da wie Erdmännchen mit ihren Dingern, halten sie oft sogar noch hoch und scheinen nicht zu wissen, dass ihre Kamera so einen roten Lichtpunkt abgibt, um den Focus einzustellen oder wofür auch immer, und dass dieser rote Punkt einen auf der Bühne total irritiert. Bei „Öl“ gab es eine Szene, in der ich an der Rampe vorne stehe, und da habe ich einmal sehr lange einen Zuschauer fixiert, dessen Kopf die ganze Zeit hinter einer Kamera steckte. Ratsch - mit einem Ruck verschwand das rote Licht. Ich hatte vorher schon überlegt, ob ich nicht einfach von der Bühne steige und ihm das Ding wegnehme.
Sie arbeiten schon lange unter dem Intendanten Ulrich Khuon und schon lange mit einem Regisseur wie Stephan Kimmig zusammen. Brauchen Sie so etwas wie eine Theaterfamilie?
Was ich brauche, davon bin ich immer noch überzeugt, ist ein Ensemble. Ich möchte an einem Haus mit Leuten zusammenarbeiten, die ich nach und nach besser kennenlerne, weil dadurch einfach bessere und interessantere Ergebnisse zustande kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, frei zu arbeiten. „Familie“ würde ich das aber nicht nennen.
Sie sind nicht besonders harmoniesüchtig, oder?
Nein, ich würde mich in einer Gruppe auch nie in die Mitte setzen, sondern immer an den Rand. Ich nehme gern teil an etwas, brauche aber immer das Gefühl, den Rücken frei zu haben. Und wenn es um eine Kuschelübung ginge, wäre ich die Letzte, die sich dazu meldete.
Die Fragen stellte Volker Corsten.
Sehr geschätzte Frau Wolff
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 30.08.2012, 02:59 Uhr