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Streik am Broadway Vier Überstunden mit dem Wischmopp

25.11.2007 ·  Der Ausstand der Bühnenarbeiter am Broadway ist eine altmodische Sache. Von Theaterleuten wäre eigentlich mehr Dramatik zu erwarten. Bald könnten hier die Lichter wieder angehen. Denn anders als Hollywoods Autoren fühlen sich die Streikenden hier von keiner digitalen Zukunft bedroht.

Von Jordan Mejias
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Es keimt die Hoffnung auf ein nahes Ende des Streiks, aber noch drehen die Bühnenarbeiter vor dunklen Theatereingängen ihre Runden. Mal schlendern sie im Uhrzeigersinn, mal gegen ihn, schwenken dabei friedlich Plakate oder verteilen Flugblätter: „On Strike Against Takebacks“. Sie streiken, weil sie nichts von dem zurückgeben wollen, was sie sich über die Jahrzehnte erkämpft haben.

Der Ausstand der Bühnenarbeiter am Broadway ist eine ganz altmodische Angelegenheit. Auch deshalb strahlen die gleichförmigen Szenen vor den sechsundzwanzig Theatern, die seit zwei Wochen bestreikt werden, eine Routine aus, der zwischen Rinnstein und Verpflegungstisch jegliche Dramatik abgeht. Von Theaterleuten wäre eigentlich mehr zu erwarten.

Montag oder Dienstag könnten die Lichter wieder angehen

Sollten die angekündigten Verhandlungen zwischen Bühnenarbeitern und den nicht immer am selben Strang ziehenden Produzenten und Theaterbesitzern erfolgreich verlaufen, könnten an diesem Montag oder Dienstag schon wieder die Lichter am Broadway angehen. Und der Unfriede wäre schnell vergessen. Denn im Gegensatz zu Hollywoods Drehbuchautoren, die in eine mediale Revolution verwickelt sind, fühlen sich die rund vierhundert streikenden Mitglieder der „International Alliance of Theatrical Stage Employees“ von keiner digitalen Zukunft bedrängt oder gar bedroht.

Sie brauchen auch nicht zu fürchten, wie die Musiker, die am Broadway zuletzt vor vier Jahren streikten, von Computern ersetzt zu werden. Ihnen geht es allein darum, den Besitzstand zu wahren, den ihre Gewerkschaft seit hunderteinundzwanzig Jahren zu mehren vermochte, ohne einen einzigen Arbeitskampf. Gehen die Drehbuchautoren mit ihrem Streik klar in die Offensive, stellen die Bühnenarbeiter ihre Forderungen viel manierlicher aus der Defensive heraus.

Sittsam und traditionsverbunden

Vielleicht geht es deshalb so sittsam und traditionsverbunden vor den verriegelten Theatern zu. Sicher aber liegt es in der Natur der Sache, dass die alten Verträge und Arbeitsregeln von den Bühnenarbeitern anders eingeschätzt werden als von ihren Arbeitgebern. Stimmt es, dass manchen Produktionen mehr Bühnenarbeiter aufgezwungen werden, als im Laufe der Proben und Vorstellungen je zu beschäftigen sind? Oder dass sie nur für genau umrissene Tätigkeiten zur Verfügung stehen, dass also ein Kulissenschieber nie dazu zu bewegen wäre, einen Besen in die Hand zu nehmen? Oder dass ein Stundenlohn von 54 Dollar jedes Mal fällig wird, wenn einer die Bühnenbretter vor der Aufführung moppt? Oder auch dass nach einer Überstunde die nächste angefangene Minute automatisch vier bezahlte Stunden nach sich zieht, somit der Mann, der fürs Einschrauben einer Glühbirne einen zusätzlichen halben Arbeitstag berechnet, nicht unbedingt der Phantasie eines gestressten Theaterproduzenten entstammt?

Alles Übertreibungen und Entstellungen, sagen die einen, alles leider wahr, die andern. Hinter vorgehaltener Hand klagen auch Schauspieler gern, dass sie mit ihrer gewerkschaftlich ausgehandelten Mindestgage, zurzeit 1215 Dollar pro Woche, von der Entlohnung eines Bühnenarbeiters, der sich geschickt mit Überstunden und Sonderdiensten eindeckt, nur träumen können.

Gewiss kein Zufall

Es ist gewiss kein Zufall, dass sich ausgerechnet jetzt die „League of American Theaters and Producers“ auf einen Streik eingelassen hat. Offenbar zieht sie in ihr Kalkül die Schwächen einer Arbeiterbewegung ein, die von Detroit bis Paris unter Druck geraten ist. In New York scheinen nicht einmal die Bühnenarbeiter an eine komplette Wahrung ihrer Besitzstände zu glauben. Da dürfte es auch kein Trost sein, dass „Local 1“, die für den Broadway zuständige Abteilung der Bühnenarbeitergewerkschaft, es geschafft hat, die Mehrzahl der Broadwaytheater zu schließen und damit für Einnahmeverluste in Millionenhöhe zu sorgen.

Niemand weiß, wie der Streik wirklich zu Buche schlägt. Im Theaterdistrikt sind viele Restaurants leer, andernorts soll es dafür mehr Gäste geben. Gastronomen, Souvenirhändler, Parkwarte, Taxifahrer geben widersprüchliche Auskünfte. Schlimm genug, dass die lukrativen Tage um Thanksgiving am vergangenen Donnerstag herum dem Streik zum Opfer fielen. Noch schlimmer wäre allerdings, wenn auch das Weihnachtsgeschäft in die Binsen ginge. Während die Stadtverwaltung schätzt, dass die New Yorker Wirtschaft pro Tag 2 Millionen Dollar verliert, jammert die Liga der Produzenten und Theaterbesitzer über tägliche Verluste von 17 Millionen. Wie auch immer, die Bühnenarbeiter haben bereits robustere Resultate vorzulegen als die Drehbuchautoren, deren Arbeitsverweigerung sich im Fernsehen allmählich, im Kino aber noch lange nicht bemerkbar macht.

Die Touristen leiden zuerst

Wenn Endloshits wie „Chicago“ und „The Lion King“ in Zwangspause gehen, leiden zuallererst die Touristen. Selbst für sie aber, die am Broadway die solide Mehrheit der Theaterbesucher bilden, besteht kein Grund zu verzagen. Vom Streik unberührt bleiben die weihnachtlich beineschwingenden Rockettes in der Radio City Music Hall ebenso wie alle nichtkommerziellen Bühnen des Lincoln Center. Zudem spielen am Broadway neun Theater weiter, für die andere Arbeitsverträge gelten. Sie bieten, und das ist die Überraschung dieser Tage,

ein Programm, dem es an Abwechslung und künstlerischen Höhenunterschieden nicht fehlt. Wer den musikalisch aufgepeppten Bühnenklamauk sucht, wird sich von der Klischeeflut, die Mel Brooks für seinen „Young Frankenstein“ von der Leinwand auf die Bühne umgeleitet hat, nicht abschrecken lassen. Wer es lieber klassisch mag, kann es mit Shakespeares rarer „Cymbeline“ versuchen. Und sogar Disney-Fans müssen nicht darben, solange eine streikfreie „Mary Poppins“ auf sie wartet. Der betagte „Lion King“ wird so gar nicht mehr vermisst.

Unverhoffte Chancen für die Off-Bühnen

Zeitungen und Zeitschriften sind dazu übergegangen, alternative Unterhaltungsangebote zu empfehlen, was fast wie ein Affront gegenüber den Streikenden wirkt. Für Theater, die sich zwar im Theaterdistrikt befinden, aber wegen der im Vergleich geringen Zahl ihrer Sitzplätze als Off- und Off-Off-Bühnen eingestuft und deshalb nicht bestreikt werden, bieten sich in der Tat unverhoffte Chancen.

Ja, es sei zugegeben, enttäuschte Mel-Brooks-Fans werden sich kaum mit einer szenischen Aufbereitung von Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ im Theater 59E59 trösten wollen oder den Weg nach Downtown wagen, wo Edward Albee ein frühes und ein spätes Stück bravourös zu „Peter and Jerry“ zusammenmontiert hat. Aber ganz auszuschließen ist es nicht, dass der Streik die Aufmerksamkeit von den Broadway-Knallern auf weniger spektakuläre, womöglich sehenswertere Aufführungen lenkt. Als Streikfolge eine Verfeinerung des Theatergeschmacks? Warum nicht, zu träumen war am Broadway noch nie verboten. Die Realität könnte sich sonst darin erschöpfen, Theaterbesucher an die andere New Yorker Großunterhaltung zu verlieren, ans Einkaufen.Jordan Mejias

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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