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Stockhausen in New York : Auf Socken in den Kosmos

Baden, staunen, lauschen und sich auch schon mal berauschen: Stockhausens großartige Klangfluten Bild: Stephanie Berger

Kommt und zieht eure Schuhe aus. Weiße Ponchos liegen für euch schon bereit: Stockhausens „Oktophonie“ als rituelle Kulthandlung in der New Yorker Armory.

          Wenn schon Kult, dann aber richtig. Dachten sich wohl alle, die dabei waren, das Publikum inbegriffen. Und darum scheute sich auch keiner von uns mitwirkenden Zuhörern und zuhörenden Mitwirkenden, die Schuhe auszuziehen und einen weißen Umhang, eine Art klerikalen Poncho, überzuziehen, auf dass wir auf den weichen, weißen Sitzgelegenheiten auf dem weißen Teppichboden auf der weißen Publikumssitzplatte gleichsam in der tönenden Idee aufgingen, der wir uns in konzentrischen Kreisen anvertraut hatten.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Eine geometrisch angedeutete Mondszenerie hatten der ausstattende Aktionskünstler Rirkrit Tiravanija und der Lichtvirtuose Brian Scott im Sinn, aber das war viel zu zaghaft gedacht, denn wir, die wir da mitten in den Klangfluten badeten und lauschten und staunten und uns auch schon mal berauschten, wir sollten uns eins fühlen mit Größerem, Weiterem, ja, sagen wir’s ruhig, mit dem ganzen Kosmos.

          Acht Lautsprecher für eine Reisegruppe

          Ohne die Musik wäre das glatt schiefgegangen. Aber ach, diese Musik, jeder Widerstand ist vergeblich gegen dieses gewaltige Bassgedonner, das jeden Körper in einen Resonanzkörper verwandelt, gegen dieses markdurchdringende Sirenengeheul und betörende Sirenengezwitscher, diese scheppernden, krachenden, jaulenden, zersplitternden Sprengsätze, dieses vorbeiflutschende Gerausche, diese metallischen Kollisionen und ohrenbetäubenden Explosionen, diese sanft verwehenden Silberfäden. Abstürze, Schüsse, Klangbomben, hohe Spritzer und Schleifen verzeichnet die Partitur mit mathematischer Formelstrenge.

          Das alles kommt aus acht Lautsprechergruppen, aufgehäuft und aufgehängt in den acht Ecken eines imaginären Riesenwürfels, darinnen wir, die Reisegruppe, gebucht in die kosmische Unendlichkeit. So hat es Karlheinz Stockhausen jedenfalls vorgesehen für seine aus acht Klangquellen gespeiste „Oktophonie“, die wiederum nur ein kleiner Teil seiner Heptalogie ist, also des Zyklus von sieben Opern, die, benannt nach den sieben Wochentagen, noch ihrer ersten gemeinsamen Aufführung als „Licht“ harren.

          Kathinka Pasveer regelte den Verkehr

          Selbst in der Park Avenue Armory, der gigantischen Exerzier- und Partyhalle aus dem New Yorker Gilded Age, vermochte sich der Klangwürfel nicht auf seine volle Höhe auszudehnen. Aber für Stockhausens elektronische Universalbotschaften gibt es doch kaum eine eindrucksvollere Kultstätte. „Gruppen“ war hier letztes Jahr der Hit, den „Oktophonie“ jetzt mystisch locker übertraf. Der Andrang war so groß, dass zu den sechs geplanten Aufführungen noch drei hinzugefügt wurden. Was lediglich in sparsamen Lichteffekten angedeutet wurde, bekam die weißgewandete Gemeinde, oft in ein undurchdringliches Dunkel getaucht, genauestens zu hören. Dafür sorgte nicht zuletzt Kathinka Pasveer, zwischen Computern und Schaltpult die Herrin der Elektronik, Stellvertreterin des Meisters und Hohepriesterin am Altar des zentralen Cockpits, umgeben von Klanggläubigen.

          Die langjährige Mitarbeiterin Stockhausens regelte den Verkehr über unseren Köpfen, wo Luzifer und der Erzengel Michael mit ihren Heerscharen gegeneinander wüteten. Sankt Karlheinz hat uns das akustisch überliefert und ausgemalt. Aber auch Hollywood könnte die Action in pompösestem 3 D nicht plastischer schildern. Gerade die Abwesenheit von Bildern entgrenzte nun erst den Raum wie die Phantasie und schloss uns in zeitlupenhafter Bombastik den Zugang zum endlosen Universum auf.

          Wir in Socken, aber egal. Stockhausen soll sich als Aufführungsort für die Raumopernszene einen ungenannten Platz draußen im All gewünscht haben. Mit ihren militärischen Verstrickungen und künstlerischen Sehnsüchten hätte ihm die Armory eigentlich noch besser gefallen müssen, um, ganz nach seinem Wunsch, in der „Oktophonie“ den Krieg in Kunst zu verwandeln und Waffen in Musik.

          Quelle: F.A.Z.

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