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Stockhausen in Birmingham Luft von anderen Kamelen

Nacholympisch: Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ feierte in Birmingham die britische Erstaufführung. Die Regie blieb hinter Stockhausens Wünschen zurück, die Musik war exzellent.

© Helen Maybanks Vergrößern Völlig losgelöst von der Erde: Trapez-Geigerin der Birmingham Opera Company, mittwochs in „Licht“

Merkwürdig, wie wenig Rumor es im Vorfeld dieser Premiere gab. Mitwirkende sprechen von finanziellen Problemen, die vor rund zwei Monaten fast zur Absage geführt hätten. Vermutlich kostet der Spaß rund zwei Millionen Euro, die wesentlich noch aus dem Kulturtopf der Olympiade stammen. Doch niemand nennt konkrete Zahlen und Fakten. Vielleicht möchte man eine Situation wie die in Köln verhindern: Dort klaffte nach der szenischen Premiere von Karlheinz Stockhausens „Sonntag aus Licht“ ein riesiges Defizit im Budget der Oper, bald darauf musste Intendant Uwe Erik Laufenberg seinen Hut nehmen.

Auch in Birmingham diskutierte man im Vorfeld, ob ein Teil der Gelder nicht sinnvoller in die lokale Off-Szene fließen sollte. Sei es drum, vor neun Monaten begannen die Proben, und am Mittwoch dieser Woche fand die britische Erstaufführung von „Mittwoch aus Licht“ statt, exakt zu Stockhausens vierundachtzigstem Geburtstag. Mehrere Chöre wirkten mit, eine große Schar von Musikern und unzählige, unbezahlte Statisten.

Um das Stockhausensche Mammut-musiktheater drückten sich ja bislang erfolgreich fast alle Regisseure und Intendanten. Ein singendes Kamel, fliegende Politiker oder ein Streichquartett, das buchstäblich im Himmel auftritt? Nicht nur teuer ist das, es scheint auch kaum realisierbar. Zur Olympia-Idee passt das jedoch nicht allein des Rekordgedankens wegen, schließlich möchte Stockhausen mit diesem Werk die Völker und Nationen, den Himmel mit der Erde versöhnen – auf seine Weise.

Der Tag der „spatialen Phantasmen“

In allen sieben nach den Wochentagen benannten Teilopern von „Licht“ tauchen die biblisch inspirierten Figuren Eva, Michael und Luzifer auf. Eva verkörpert das Urweibliche und Beständige, Michael ist ein ewig Reisender und Suchender, Luzifer wirkt als Störenfried. Jeder Tag hat spezifische Eigenschaften, Farben, Formen und Gesten. Den Mittwoch bestimmt die Farbe Gelb.

Aus einem konzentrierten musikalischen Grundmaterial, der sogenannten Superformel, leitet Stockhausen weitere Formeln für die einzelnen Tage und die Protagonisten ab. Durch Spreizungen oder Komprimierungen der Formel(n) schuf er einen ganz eigenen Klangkosmos, dessen Komplexität freilich selbst geübte Neue-Musik-Ohren ganz erfassen können. Oft liegen mehrere Schichten übereinander. Phrasen werden in unterschiedlichen Tempi parallel gespielt, es mischen sich Gesang, Instrumentalstimmen und Live-Elektronik zu einem meist eher unruhigen Gesamtklang.

Karlheinz Stockhausen nennt den Mittwoch einen Tag der „spatialen Phantasmen“. Das beginnt mit dem „Mittwochs-Gruß“, einem knapp einstündigen Elektronikfeuerwerk, Rauschen, Knistern, Knacken, Wummern aus unzähligen Lautsprechern. Der Aufführungsort in Birmingham erinnert an die industriellen „Kraftplätze“ der Ruhrtriennale – alles findet in zwei Hallen einer ehemaligen Chemiefabrik statt. Man sitzt auf kleinen Stühlen oder auf dünnen Schaumstoffmatten, das wird bei über sechs Stunden Spieldauer zu einer harten Prüfung. Unbestimmbare Figuren treten auf zu Beginn, Miniszenen aus Licht und Schatten finden statt, Kämpfe werden angedeutet, die sich als Umarmungen entpuppen, ein mit Grünzeug geschmücktes Mädchen erinnert an Daphne. Im Nachbarraum wartet dann ein groteskes „Welt-Parlament für Chor a cappella und singenden Dirigenten“. Natürlich qiuetschgelb sind die beweglichen Podeste, darauf thronen schrill bemalte Wesen, schneiden Grimassen und trällern in Phantasiesprachen.

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