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Steve Winwood zum Sechzigsten : Funken aus der Phantasie-Fabrik

Taktgeber: Steve Winwood wird siebzig. Bild: dpa

Zu jung für neun Leben: Steve Winwood beschenkt sich zum sechzigsten Geburtstag mit einer neuen Platte, die auf fast schon zu verschwenderische Art beweist, dass ihm zum Musizieren fast jeder Stil recht ist.

          Es ist nicht paradox, sondern nur das Pech der Frühreifen, dass sie, in Ausübung ihres Berufs, bestimmte Erfahrungen entweder verspätet nachholen oder nie machen. Zusätzlich haben sie oft Mühe, das früh unter Beweis gestellte Niveau zu halten oder zu überbieten. Dinge wie Sterilität, Stillstand oder Ausgebranntsein drohen jedem Künstler. Man könnte meinen, dass dies in der Popmusik weniger der Fall ist. Aber diese Probleme stellen sich gerade hier. Michael Jackson musste in einem Alter über Dinge singen, von denen er noch keine Ahnung haben konnte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Unter den Weißen ist Steve Winwood der bekannteste, aber nicht annähernd so prekäre Fall, der es in fast jeder Hinsicht besser hatte als Jackson: Er war früher selbständig, er war vielseitiger, und er wusste sich rocktypischen Imagezwängen, die sich zuweilen so ruinös auswirken, zu entziehen. Zwar brachten ihn gesundheitliche Krisen mehrmals in die Nähe des Todes, aber das hatte nichts mit seinem Lebenswandel zu tun.

          Ein Wunderkind

          Ungewöhnlich genug war es jedenfalls, dass, während die Rabauken in London auf den Putz hauten, sich im Frühjahr 1967 ein noch nicht Neunzehnjähriger nach ersten, freilich sehr durchschlagenden Gruppenerfahrungen mit der Spencer Davis Group aufs Land zurückzog, um hier sein erstes eigenes Projekt vom Stapel zu lassen. Das waren Traffic, die sogleich mit einem psychedelisch gut abgehangenen Optimismus von sich reden machten. Das Dumme war nur, dass Winwood, der seine Stücke meistens zusammen mit dem Schlagzeuger Jim Capaldi und dem Saxophonisten/Flötisten Chris Wood schrieb, sich nicht richtig durchsetzen konnte; denn der Gitarrist Dave Mason glänzte durchaus auch als Hitlieferant, wenn er auch ein unsicherer Kantonist war, der schon nach der ersten, grandiosen Platte „Mr. Fantasy“ (1967) aus- und dann mehrmals wieder einstieg. So standen ausgetüftelt-phantasievolle Lieder wie „Coloured Rain“ oder „Dear Mr. Fantasy“ der Soulhymne „Feelin' Alright“ gegenüber.

          Diesem ersten Traffic-Kapitel war etwas vorausgegangen, was in der ganzen an Popmusik interessierten Welt als Sensation empfunden wurde und sich in einer Frage bündeln lässt, die man sich zumindest in England sicherlich hundertmal gestellt hat, die aber nirgends überliefert ist: Wozu brauchen wir hier Ray Charles, wenn wir doch Steve Winwood haben? Wenn man sich die Aufnahmen der Spencer Davis Group anhört, weiß man, warum: Keiner wäre jemals auf die Idee gekommen, dass bei dieser durch und durch schneidend-schwarzen, unglaublich tiefkehligen Intonation auch nur irgendetwas an Feeling und Echtheit gefehlt hätte - das machte der blinde Amerikaner auch nicht besser. Zwar hatten sich auch Leute wie Mick Jagger und Van Morrison der Rhythm & Blues-Welle rückhaltlos ergeben. Aber Winwood hat sich danach von allen am meisten weiterentwickelt, sowohl im Repertoire als auch in der Beherrschung der Instrumente, was ihn vollends zum Wunderkind machte.

          Eine absolute Promiband

          Natürlich gab es eine Zeit, in der selbst er zu jung war, als dass er Blues-Standards wie „Dimples“ oder „Crossroads“, die eigentlich nur für Erwachsene gedacht waren, selber hätte fabrizieren können; deswegen sang er sie absolut gefühlsecht einfach nach, wie eben zunächst auch die von Jackie Edwards geschriebenen Blockbuster „Keep on Running“ und „Somebody Help Me“; da war er, höchstens, siebzehn. Um der restlichen, ihm hoffnungslos unterlegenen und wohl von Anfang an auch zu engen Spencer Davis Group zu zeigen, was eine Harke ist, krähte er dann achtzehnjährig noch die Eigenkompositionen „Gimme Some Lovin'“ und „I'm a Man“ hinterher und verschwand dann, um Traffic aus der Taufe zu heben.

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