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Walser-Aufführung in Stuttgart : Feierbiester im Wirtschaftswunderland

Schöner Scheitern: Verena Wilhelm und Felix Klare in „Ehen in Philippsburg“. Bild: dpa

Blick zurück nach sechzig Jahren: Stephan Kimmig dramatisiert Martin Walsers Debütroman „Ehen in Philippsburg“ als Uraufführung am Schauspiel Stuttgart.

          Er hätte dabei sein können. Nach sechzig Jahren. Welchem Autor ist es schon vergönnt zu erleben, wie der Roman, der seinen Ruhm begründete, sechs Jahrzehnte nach seinem Erscheinen erstmals für die Bühne bearbeitet wird? Martin Walser, von Anbeginn ein verletzter und verletzender Idealist, muss sich selbst historisch geworden sein. Mit der Uraufführung von „Ehen in Philippsburg“ ist das Werk des bald Neunzigjährigen jetzt zu seinen Anfängen zurückgekehrt. Walser hätte im Stuttgarter, also Philippsburger Schauspielhaus verfolgen können, wie sich das Provinztalent Hans Beumann, dem er damals einige seiner Züge lieh, maßlos müht und abstrampelt, bis er schließlich Aufmerksamkeit und Anerkennung einer Gesellschaft errungen hat, die er vollständig verachtet. Viel tiefer als dieser Hans Beumann kann man gar nicht steigen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Walsers Roman ist ein Stück Literaturgeschichte, das von einer Zeit erzählt, als die Bundesrepublik noch jung war. Die Hurra-wir-leben-noch-Phase war 1957 längst vorüber, das Wir-sind-wieder-wer-Gefühl hatte drei Jahre zuvor in Bern begonnen. Thomas Mann war seit zwei Jahren tot, Benn und Brecht seit einem. Hermann Hesse hatte zugestimmt, dass zu seinem achtzigsten Geburtstag ein Preis gestiftet wurde, der junge Schriftsteller fördern und sie an „Vergangenheit und Tradition“ erinnern sollte. Walsers Roman spielt in Kreisen, die alles vergessen möchten, was sie in ihrer Erfolgsgeilheit behindern könnte: Prinzipien, Moral und natürlich die deutsche Geschichte. Hier schaut niemand zurück, nur Klaff, der Krüppel, Schriftsteller und Ausgestoßene. Er bringt sich am Ende um.

          Auf dem Sprung: Das Ensemble des Schauspiels Stuttgart bringt Walsers Text in Bewegung.
          Auf dem Sprung: Das Ensemble des Schauspiels Stuttgart bringt Walsers Text in Bewegung. : Bild: dpa

          Mit zehntausend Mark war der Hesse-Preis einer der am höchsten dotierten im Lande, zehnmal so hoch prämiert wie der Preis der Gruppe 47, den Walser 1955 für eine Erzählung erhalten hatte. Ein VW Käfer kostete damals 3770 Mark. Am 4. Juli 1957 erschien in dieser Zeitung ein Bericht über die Karlsruher Preisverleihung, bei der Walser von der Jury bescheinigt wurde, dass sein noch unveröffentlichter Debütroman eine „eigene und selbständige Gestaltungsfähigkeit“ erkennen lasse. Mit diesen ein wenig herablassenden Worten nahm die Karriere eines der wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur ihren Anfang. Von nun an war Martin Walser, was er bis heute geblieben ist: ein Unaufhaltbarer.

          Sechzig Jahre später flimmern Bilder der Wochenschau von damals über die Vorhänge im Stuttgarter Schauspielhaus: Die Deutschen dürfen erstmals nach Kriegsende wieder Gold kaufen, das „Deutsche Fernsehen“ vermeldet eine Million Zuschauer. Der Unternehmer Arthur Volkmann macht ein Vermögen in der Rundfunkbranche, die weitaus blühender ist als seine Tochter Anne, die Beumann noch von der Universität her kennt. Beumann hat Zeitungswissenschaften studiert und bewirbt sich bei Harry Büsgen, dem Chefredakteur der „Weltschau“ und ungekrönten König von Philippsburg, wird aber nicht vorgelassen. Im Hause Volkmann lernt Beumann die sogenannte bessere Gesellschaft der Stadt kennen: den Gynäkologen Dr. Benrath und seine Geliebte, die mondäne Cécile, Büsgen und seinen Lustknaben, den Anwalt Dr. Alwin und seine Frau Ilse, eine geborene Frau von Salow, die bei Manja Kuhl Ehrgeizanfälle erleidet, als wären es elektrische Schläge:zuckend vor Angstlust und Aufstiegsgeilheit. Ihr Mann soll in die Politik: mit der „christlich-sozial-liberalen Partei Deutschlands“ zunächst in den Landtag, später vielleicht mehr. Paul Grills Alwin schwitzt schon im Stand-by-Modus vor Ambition. Sobald Musik erklingt, verwandelt er sich in einen hysterischen Pan, dessen enger Zweireiher nirgendwo so sehr kneift wie im Schritt.

          Kopfüber: Matti Krause (links) und Paul Grill in der Walser-Inszenierung von Stephan Kimmig.
          Kopfüber: Matti Krause (links) und Paul Grill in der Walser-Inszenierung von Stephan Kimmig. : Bild: dpa

          In Stephan Kimmigs Inszenierung ist das pietistisch geprägte Stuttgart von hemmungslosen Feierbiestern bevölkert. Katja Haß hat ihnen eine Art rotierenden Tanzstundenpavillon gebaut, luftig und auf sparsame Art elegant. Das Wirtschaftswunder war ja auch ein Partywunder – swinging Philippsburg. Eine Revue-Nummer jagt die nächste, auf Fred Bertelmanns „Lachenden Vagabunden“ folgen Jacques Brel und „Blue Bayou“. Das Ensemble zeigt Rhythmusgefühl und einen starken Hang zur Polonaise-Bildung auf engstem Raum. Die Männer lassen bei ihren Fruchtbarkeitstänzen gern die Hosen herunter und tragen Federn am Hintern, behalten aber seriöserweise die Kniestrümpfe an.

          Hier wird gefeiert, geschmeichelt, intrigiert und vor allem betrogen. „Der Körper der modernen Ehe wird geröntgt, und zum Befund der Röntgenbilder werden viele sagen müssen, ja, so ist es“, schrieb ein junger Lektor namens Siegfried Unseld damals in seinem Gutachten, das im Programmheft und in einer Vitrine im Foyer als Leihgabe aus dem Marbacher Literaturarchiv jetzt erstmals nachzulesen ist. Ehebruch erscheint bei Walser als natürlicher Vorgang in einem Milieu, in dem keiner Not leidet, sondern alle einfach nur mehr von allem wollen. Es muss vorangehen, koste es, was es wolle.

          Matti Krause als Hans Beumann muss den größten Teil des Abends auf der Stelle treten. Stephan Kimmig macht ihn zum Solo-Strampler, der auf seinem kleine Laufbändchen ständig in Bewegung bleiben muss, um nicht sofort wieder zurückgespült zu werden in die Provinz. Anne Volkmann, eindringlich gespielt von Sandra Gerling, ist sein gesellschaftlicher Anker und sein erotischer Bremsklotz. Die Passage, in der sie ihre qualvolle Abtreibung schildert, wollte Peter Suhrkamp damals nicht im Roman haben. Walser, der weiß, was Männer Frauen zumuten können, setzte sich durch. An diesem mit fast vier Stunden allzu langen Abend, der allzu oft in Schlagerseligkeit versandet, bildet Annas Bericht zusammen mit dem Selbstmord von Benraths Ehefrau Birga, gespielt von Verena Wilhelm, die stärksten und beklemmendsten Szenen. Walsers Roman ist ein böses, satirisches Sittenbild, das Stephan Kimmigs Dramatisierung zuspitzt: auf getriebene Aufsteiger, die lustlos über Frauenleichen gehen.

          Quelle: F.A.Z.

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