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Stardirigent Antonio Pappano : Nichts zum Zurücklehnen

Ein Allround-Genie: Antonio Pappano Bild: Laurie Lewis

Er ist längst einer der ganz großen Dirigenten und auch als Pianist ein begnadeter Könner. Nur in Deutschland ist Antonio Pappano beinahe unbekannt. Langsam beginnt sich das zu ändern.

          Anklopfen oder warten? Wir sind ein paar Minuten zu früh. Klaviertöne dringen durch die stabile Doppeltür, etwas Vertrautes, Großes, gewaltig viele Noten. Beethoven, schlägt Pappanos Agentin Nicky vor. No, this is definitely no sonata. Viel zu dicht, zu bunt. May be, a concerto? Es perlt, es wirbelt, gedämpftes Dröhnen beim Einlauf in die Zielgerade, und gleichzeitig geht uns allen das Licht auf: Chopin! Das erste Chopinkonzert!

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Musik bricht ab, Antonio Pappano reißt, vielleicht weil er uns hat lachen hören, die Türe auf zum Dirigentenzimmer der Accademia di Santa Cecilia in Rom, er ist so unglaublich vergnügt, als habe er selbst dieses kleine Quiz soeben inszeniert. Er müsse üben, sagt er, nächste Woche sei das Erste von Chopin dran, mit Lang Lang gehe es auf Tournee. Capito, guter Witz: Wie man dem tausendfingrigen Kollegen die wahre Art, Chopin zu spielen, zeigt. Räumt das Sofa frei, legt die Ringelsockenfüße auf den Tisch, wird ernst: Wir sollen jetzt aber lieber über Rossini reden.

          Es sind nicht mehr viele Dirigenten heute übrig, die einen Pianisten vollinhaltlich ersetzen und das Klavierkonzert, das sie dirigieren, genauso gut selbst spielen könnten. Unter den älteren: Barenboim. Unter dem halben Dutzend Nachwuchsdirigentenwundern, die derzeit überall entdeckt werden: kein Einziger.

          Lehrmeister Praxis

          Umgekehrt kommt es natürlich öfters vor, dass Pianisten nebenbei das Orchester leiten, vom Flügel aus. Aber als Allround-Genie ist jemand wie Pappano heute ein Unikat. Was ist das Wichtigste für junge Dirigenten, die es an die Spitze schaffen wollen, Talent? Handwerk? „Zeit!“, ruft Pappano: „Das Dirigent-Werden dauert Jahrzehnte. Einen Taktstock in der Hand zu haben und die Technik zu lernen, reicht nicht, wir müssen das Repertoire intus haben. Also erst mal zehn Jahre an einem Ort bleiben, mit einem Orchester arbeiten, dann noch mal zehn Jahre mit dem nächsten. Nach zwanzig Jahren fängt man an, ein bisschen was zu verstehen.“

          Anders als gleichaltrige Dirigenten, etwa Simon Rattle, Riccardo Chailly oder Ingo Metzmacher, hat Antonio Pappano kein Musikstudium hinter sich, nur einen Highschool-Abschluss, in Bridgeport, Connecticut. Ähnlich wie Christian Thielemann hat er das Dirigieren in der Praxis erlernt, „von der Pike“ auf, wie man schön paramilitärisch immer noch zu sagen pflegt im Kreis der klassischen Musik, die ja auch Leitungspositionen nach wie vor mit dem Zusatz „General“ versieht.

          Pappano, als Sohn eines italienischen Gesangslehrers in Epping nördlich von London geboren und in Amerika aufgewachsen, wurde („General“-)Musikdirektor erst in Oslo, danach in Brüssel, zuvor schlug er sich durch als Korrepetitor, Probenpianist und Assistent, unter anderem an der New York City Opera und in Frankfurt, während der Gielen-Ära. Nach wie vor tritt er als Pianist auch solistisch auf. Geradezu legendär gut ist er, deshalb auch höchst begehrt bei den Sängern, als einer jener raren Liedbegleiter, die genau wissen, wie Stimmen funktionieren.

          Politur an großen Häusern

          Aber angefangen hatte er als Barpianist, daran denkt er gern zurück: „Phantastische Showtunes! Das ist die größte amerikanische Erfindung überhaupt: Alles über die Liebe in eineinhalb Minuten.“ Jetzt ist Pappano fünfzig Jahre alt, in der Mitte des Lebens, zweifellos ein Glückspilz, aber auch ein Tüchtiger, ein Berserker und ein Kraftpaket. Im September 2002 hatte er das Royal Opera House in Covent Garden übernommen und das in Hochglanz erstarrte Haus in null Komma nichts wieder ins Leben zurückgeholt. 2005 unterschrieb er zusätzlich einen Vertrag bei dem einst weltberühmten, mittlerweile künstlerisch durch allerhand Pechsträhnen auf schier tragische Weise heruntergewirtschafteten Orchester der römischen Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Es ist keine lokalpatriotische Übertreibung, wenn heute in britischen wie auch italienischen Zeitungen zu lesen steht: Pappano sei es gewesen, der diese Institute wieder zurück auf die Landkarte gesetzt und ihren Ruf neu vergoldet habe.

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