20.06.2003 · Zuerst war der Theatertext da, vor zwei Jahren als schmales Bändchen unter dem Titel "Happy" erschienen, aber keine Bühne wollte das Drama spielen. So machte Doris Dörrie den Film "Nackt" daraus, und in dessen Windschatten folgte nun auch die Uraufführung von "Happy".
Von Hans-Dieter SeidelVor dem Film ist nach dem Film. Zuerst war da der Theatertext, vor zwei Jahren als schmales Bändchen unter dem Titel "Happy" erschienen, aber keine Bühne wollte das Drama spielen. Für Doris Dörrie gewiß eine ungewohnte Situation. Schließlich hat es die Regisseurin nicht nur als ihre beste Drehbuchautorin, sondern auch als Erzählerin zu einigem Ansehen für ihr Geschick gebracht, dem Zeitgeist den Puls zu fühlen und dessen Pochen ins Lächerliche oder tragisch grundierte Komische zu verstärken. Die erste Probe aufs Theaterexempel aber schien nicht gelingen zu wollen. Also machte Doris Dörrie aus "Happy" kurzentschlossen den Film "Nackt", der im vergangenen September ins Kino kam, dem Publikum recht gut, den meisten Kritikern weniger und der Jury des Deutschen Filmpreises so sehr gefiel, daß sie ihm vor Tagen die Auszeichnung in Silber zusprach. Und nun, im Windschatten des Films, ist endlich das Staatstheater Braunschweig zur Stelle, "Happy" zur Uraufführung zu verhelfen. Es hätte das lieber lassen sollen.
Doris Dörrie nennt ihr Stück mit Recht "Drama" und nicht "Komödie". Ähnlich den Liebesexperimenten, die ein Marivaux so schätzte, genügt es dem strengen Schema der Versuchsanordnung. Symmetrie ist das oberste Gebot von neun Szenen, in die sechs Figuren verstrickt werden. Drei Paare, Anette und Boris, Charlotte und Dylan, Emilia und Felix, verkörpern die verschiedenen Phasen des Aggregatzustands und des Reizpotentials, die man gemeinhin Liebe nennt. Von A bis F buchstabiert Doris Dörrie das Unvermögen der Menschen, das Glück zu benennen und festzuhalten. Sie kreist das Verlangen ein, das sich mit Vorliebe auf einen Punkt konzentriert, den jeder zu fühlen glaubt, aber nicht definieren kann, und sie scheut dabei nicht die Banalität, die Leben heißt. Die Figuren, besonders die drei Frauen, mögen sich in noch so elegante Roben werfen - ihr innerer Mangel läßt sich nicht verdecken. Wie die Hamster im Laufrad hecheln die sechs ihrer Sprachlosigkeit hinterdrein, unverdrossen sich mitteilend und selbst am meisten verblüfft, wenn sie unversehens vom Hauch tieferer Erkenntnis gestreift werden.
Einst schienen alle gut befreundet, doch die Dinge haben sich abgeschliffen. Wo zuvor ein herzliches Miteinander gewesen sein mochte, herrschen jetzt Mißtrauen, Unaufrichtigkeit und Neid. Eine verrückte Idee, die jäh bei einer Essenseinladung auf den Tisch kommt, bringt nur Spannungen zum Bersten, die ohnehin virulent waren. Die kognitive Verhaltensforschung, behauptet Emilia, habe erwiesen, daß selbst Männer und Frauen, die jahrelang zusammenlebten, einander mit verbundenen Augen allein mittels des Tastsinns nicht zu erkennen vermöchten. Die unvermeidliche Wette führt dazu, daß sich vier der sechs bis auf die Unterwäsche und danach, im natürlich folgenden Streit, allesamt seelisch vollkommen entblößen. Zwar sind sich Anette und Boris, Charlotte und Dylan sicher, einander ertastet zu haben, doch diese Gewißheit ruht auf brüchigem Fundament. Von Felix hinterhältig getäuscht, geben sie dem Zweifel ein Recht, das sich gegen sie selbst kehrt.
Indem sie das Schematische dieser Konstruktion vom Reißbrett im Film "Nackt" keinen Augenblick aufzuheben suchte, schuf Doris Dörrie jenen Kunstraum, den das Geschehen braucht, damit das alltägliche Mißverstehen, der Wirklichkeit abgelauscht, nicht einem planen Realismus erliegt. Es genügte, das Kino zum Theater zu verfremden, um jenen notwendigen Grad von Künstlichkeit zu erzielen, der jetzt im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters schmerzlich vermißt wurde. Denn der Uraufführungsregisseur Kay Neumann ging den entgegengesetzten Weg: Er inszenierte den Text gleichsam eins zu eins, unternahm also alles, jede Verfremdung im Keim zu ersticken, tat so, als sehe er unmittelbar dem Leben zu, und nötigte seine Schauspieler damit zum Erbarmen in ein Hersagen der Dialoge, die nicht länger von Marivaux inspiriert schienen, sondern einem elend schlechten Wolfi Bauer glichen.
Das Bühnenbild von Dorit Lievenbrück hätte den Weg weisen können: eine Art überdimensionaler Schuhkarton, der sich drehen und nach mehreren Seiten zu den drei unterschiedlichen Behausungen der Paare öffnen ließ und doch immer derselbe Objektträger unter dem Mikroskop blieb. Aber Neumann wollte offenbar nicht den Laborversuch, sondern die gewichtige existentielle Auseinandersetzung, für die Doris Dörries Text denn doch zu flink in seinen Befunden und für die das Ensemble dieser Inszenierung zu unsicher in seinen Haltungen ist. So blieben Figuren, die erfühlt sein sollten, größtenteils nur Behauptung, und winzige Momente von Wahrhaftigkeit, die sofort aufmerken ließen, verflüchtigten sich gleich wieder im Wust der schief angesetzten, häufig zu scharfen oder verrutschenden Töne und in unfreiwilliger Verlegenheit. Ein Abend der Dissonanzen, aber anders als von der Autorin intendiert. Dennoch lang anhaltender Beifall. Doris Dörrie freilich ließ sich nicht blicken. Auf ihre Ahnungen kann sie sich eben verlassen.