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Sopranistin Hildegard Behrens : Man muss der Stimme ein Gesicht geben

  • -Aktualisiert am

Hildegard Behrens, 1937 - 2009 Bild: dpa

Mit jeder Phrase und jeder Ausdrucksgeste erzwang sie auf hypnotische Weise Aufmerksamkeit: Zum Tod der Sopranistin Hildegard Behrens, die unter den bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit gesungen hatte.

          Eben noch berichtet Chrysothemis in der „Elektra“ von Strauss vom blutigen Kampf des Orest gegen Ägisth und ruft ihrer Schwester zu, ob sie den Jubel nicht höre. „Ob ich nicht höre? Ob ich die Musik nicht höre?“, erwidert Elektra, „sie kommt doch aus mir.“ In der Darstellung durch Hildegard Behrens gehörte diese Szene zu den stärksten Erfahrungen der Opernbühne Sie habe das Gefühl, so sagte sie in einem Gespräch, dass ihr Körper „in gewisser Weise die spirituelle Idee der darzustellenden Figur sich aneignet“. In ihren zentralen Partien - Elettra im „Idomeneo“, Salome, Leonore in „Fidelio“, Senta, Brünnhilde und Isolde - hat sie sich physisch wie psychisch restlos verausgabt. Viele Sänger mögen, so sagte James Levine, „tiefe Empfindungen haben, aber nur wenige besitzen die Fähigkeit, sie sichtbar zu machen. Hildegard hat dieses einzigartige Gesicht, auf dem innere Vorgänge zu sehen sind.“ Dazu gehörte auch das Gesicht ihrer Stimme.

          Die aus Varel gebürtige Arzttochter studierte nach dem juristischen Staatsexamen an der Freiburger Musikhochschule, wurde 1973 an die Düsseldorf-Duisburger Rheinoper engagiert und am Tag der der Hauptprobe für Bergs „Wozzeck“ (1974) von Herbert von Karajan, der zufällig im Theater war, entdeckt. Als er sie nach ihren Wunschrollen fragte, nannte sie prompt die Salome. Karajan erwiderte, er warte seit zehn Jahren auf eine Salome. „Vielleicht habe ich ja jetzt eine gefunden.“ 1977, in Salzburg, war es dann so weit. Die Idee, den Tanz von einer Ballerina tanzen zu lassen, konnte sie dem Dirigenten allerdings nicht ausreden. „Es war schrecklich. Wenn Salome nach dem Tanz mit Herodes spricht, so muss das knapp und atemlos klingen. Aber ich war nicht außer Atem, und jeder im Theater hatte wahrgenommen, dass ich nicht getanzt hatte. Ich hatte etwas vorzutäuschen. Und ich fühlte mich elend.“ Zwar hat sie nach der Salome auch die Leonore unter Karajan gesungen. Doch weil sie sich nicht allen seinen Vorstellungen beugte, kam es zum Bruch.

          Wie ein Ausbruch glühender Lava

          Ihre internationale Karriere hatte schon drei Jahre vorher mit einer Londoner Aufführung des „Fidelio“ unter Reginald Goodall begonnen. Obwohl ihr Tenorpartner sie vor den langsamen Tempi des Dirigenten warnte, nahm sie das Risiko auf sich, die lange klimaktische Phrase - „die Liebe wird's erreichen“ - auf einem Atem zu singen. Im Oktober 1976 debütierte sie als Giorgetta an der Met. Zwei Jahre später eroberte sie Publikum wie Kritiker in einer Reihe von „Fidelio“- Aufführungen mit dem großen Jon Vickers als Partner. 1979 debütierte sie unter Karl Böhm als Ariadne in Salzburg. Als die Met im Oktober 1982 für Luciano Pavarotti Mozarts „Idomeneo“ herausbrachte, wirkte Elettras Final-Arie - „Oreste, d'Aiace!“ - wie ein Ausbruch glühender Lava.

          Als Elektra in Richard Strauss' gleichnamiger Oper 1998 in Trier
          Als Elektra in Richard Strauss' gleichnamiger Oper 1998 in Trier : Bild: dpa

          Ihr Bayreuther Debüt gab sie 1983 als Brünnhilde in den „Ring“-Aufführungen unter Georg Solti und in der Regie von Peter Hall, worin sie zwar durch ihre Bühnenpräsenz überzeugte, aber in stimmlicher Hinsicht etwas unausgewogen agierte. Einen bedeutenden Erfolg hatte sie im Dezember 1983 als Isolde an der Met, weil, so der Kritiker Patrick J. Smith, „ihr Agieren mit der Stimme die widersprüchlichen Emotionen Isoldes auf heftige wie auf sanfte Weise deutlich machte. Der zweite Akt mit Isoldes fiebriger Erwartung war weniger wirksam, der Liebestod in seinem langsamen Aufbau von Emotionen grandios.“

          Bis an die Grenzen

          Ein Problem, noch verstärkt durch die die hochdramatischen Partien, lag darin, dass sie die Register der Stimme nicht immer sicher zusammenhalten konnte. Der durchdringend brillanten hohen Lage fehlte das Klangfundament der mittleren, in der große Teile von Partien wie Leonore und Brünnhilde liegen. Ihre beste Aufnahme hat sie mit ihrem Schallplatten-Debüt - als Salome unter Karajan - gemacht. Mit jeder Phrase (viele davon in einem fast gewisperten Tonfall vorgetragen) und jeder Ausdrucksgeste erzwingt sie auf hypnotische Weise Aufmerksamkeit. Schon damals ging sie bis an die Grenzen. Der expressive Gestus war für sie wichtiger als der Wohllaut. Dass ihr für die Partie der Agathe, die sie in der von Rafael Kubelik dirigierten „Freischütz“-Aufnahme (1979) sang, die Stetigkeit eines lyrisch sich verströmenden Tons nicht zu Gebote stand, rührte auch daher, dass ihr ein Mädchen, das aus dem tiefen Schacht seiner Gefühle nicht herausfindet, wesensfremd war.

          Ihre beste Partie im „Ring“ - aufgenommen unter James Levine - war die „Siegfried“-Brünnhilde, deren hohe Lage ihrer leuchtkräftigen Stimme entgegenkam. Zu den Perlen ihrer Diskographie gehört die Einspielung der „Frau ohne Schatten“ unter Solti, ein Triumph von Ausdrucksmut und Energie über die Grenzen der Stimme. Nichts passt besser auf sie als das Lob Richard Wagners für Wilhelmine Schröder-Devrient. Nach der Stimme seiner Muse befragt, erwiderte er: „Nein! Sie hatte gar keine ,Stimme‘; aber sie wusste so schön mit ihrem Atem umzugehen, . . . dass man dabei weder an Singen noch an Stimme dachte!“ Am 18. August ist Hildegard Behrens im Alter von zweiundsiebzig Jahren in Tokio während eines Festivals gestorben.

          Quelle: dpa

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