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Sonny Rollins zum Achtzigsten : Was ein Saxophon leisten kann

  • -Aktualisiert am

Miles Davis bezeichnete Sonny Rollins als den „größten Tenorsaxophonisten aller Zeiten” Bild: Hans Kumpf

Die Melodie darf nicht verschwinden: Bis zum neunzigsten Geburtstag will Sonny Rollins weitermachen und womöglich noch darüber hinaus. Der Klang seines Tenorsaxophons war und ist eine Demonstration der Macht, der Größe und Souveränität.

          Seine dritte eigene Schallplatte nannte er „Saxophone Colossus“. Nicht schlecht für einen Sechsundzwanzigjährigen! Heute, im Rückblick auf die Karriere von Sonny Rollins, kann man dem Mann, der später als Titan, von Miles Davis gar als der „größte Tenorsaxophonist aller Zeiten“ bezeichnet wurde, durchaus etwas Kolossales bestätigen. Und alles war damals, als er nach Gastspielen in den Gruppen von Miles Davis, Max Roach, Art Blakey und anderen seine eigenen Ensembles gründete, schon da.

          Es war vor allem der Ton, der ihn aus den Stars des späten Bebop und beginnenden Hard Bop heraushob. Der Klang des Tenorsaxophons, das nach kurzen Klavier- und Altsaxophonstudien sein Instrument wurde, war und ist eine Demonstration der Macht, der Größe und Souveränität, gebändigter Wildheit, schartiger Wärme, strahlender Schärfe, durchaus auch mit gelegentlichen Essenzen eines Nebelhorns - unangreifbar egozentrisches Bollwerk vitaler Expressivität.

          Die Liebe zur eingängigen Melodie

          Dieser Ton also instrumentiert ein ebenso einmaliges melodisches Ingenium. Rollins ist ein Liebhaber und Erfinder merkbarer, schöner Melodien, also auch der Evergreens, von denen er selbst etliche schrieb, vor allem „St. Thomas“, ein von karibischer Volksmusik angeregter Calypso, zu Ehren der Hauptstadt der Virgin Islands. Dorthin nahm ihn seine Mutter oft mit, wenn sie zum Tanzen ging. Mit „St. Thomas“ eröffnet die Colossus-Platte. Die Liebe zur eingängigen Melodie sicherte ihm einen im Jazz seltenen Pop-Appeal, andererseits aber auch Verehrung aus dem Kreis der Kollegen, Experten und Fortschrittsgläubigen. Denn während die Bebopper und Hardbopper die Evergreens nur als Lieferanten der Harmoniegerüste nahmen, über denen es zu improvisieren galt, bezog Rollins die Melodien ein: in kantig unberechenbaren Verwandlungen und über alle gewohnten Zäsuren hinweg schleudernden Fragmentierungen seiner (weiterhin harmonisch gebundenen) Improvisationen.

          In den siebziger Jahren experimentierte er mit Rock-Jazz und Elektronik
          In den siebziger Jahren experimentierte er mit Rock-Jazz und Elektronik : Bild: Hans Kumpf

          Er hatte damit auf den keimenden Free Jazz einen gewissen Einfluss, auch wenn ihn das, was etwa Eric Dolphy und John Coltrane daraus gemacht haben, nicht mehr interessierte. Mit Coltrane hat er immerhin ein Stück gespielt, „Tenor Madness“ auf der gleichnamigen Platte (1956). Das Thema war ein Blues. Konflikte zwischen dem konservativen Rollins und dem zu neuen Ufern aufbrechenden Coltrane - ein später heiß diskutiertes Spannungsfeld - ergaben sich hier begreiflicherweise noch nicht.

          Die Karriere verlief nicht in ruhigen Bahnen. Schon 1955 ließ er sich in einer Klinik von seiner Rauschgiftsucht befreien - allerdings endgültig. Immer wieder nahm er Auszeiten vom Ruhm. 1959 verschwand er für zwei Jahre aus dem Konzertgeschehen und übte auf der Williamsburg-Bridge. Er wollte seine schwangere Nachbarin nicht stören. Später kommentierte er das legendenumwobene Ereignis so: „Ich wollte meine Kenntnisse vertiefen, und außerdem war ich dabei, mit Rauchen, Trinken und noch einigem anderen mehr meine Gesundheit zu zerstören. Deshalb beschloss ich, mich abzukühlen, mich zu sammeln, um so zu der Musik zu gelangen, die ich vor meinem inneren Ohr hörte.“

          „Reines Vergnügen und Katharsis des Gefühls“

          Jedesmal kam er glorreich und gestärkt zurück, vom Publikum mit Neugier und Begeisterung aufgenommen, etwas reservierter allenfalls, als er in den siebziger Jahren mit Rock-Jazz und Elektronik experimentierte. 1958 veröffentlichte er seine „Freedom Suite“, die zwar die politische Botschaft nicht in der Musik abbildete wie die zwei Jahre später geschriebene „Freedom Now Suite“ von Max Roach, aber immerhin mit seinem auf der Plattenhülle abgedruckten Kommentar zur schweren Lage der Afroamerikaner die frühe Demonstration eines Jazzmusikers zu diesem Thema war.

          Spätere Signale politischen Bewusstseins gab es auf den CDs „Global Warming“ von 1998 und „Without A Song: The 9/11 Concert“. Hier jedenfalls war es nicht nur der Titel, denn Rollins war mit Saxophon und Sauerstoffmaske aus seinem in Sichtweite des World Trade Center liegenden Apartment evakuiert worden und wollte in seinem mit einem Grammy ausgezeichneten Werk „den Schmerz einer ganzen Nation“ ausdrücken.

          Der ungemein selbstkritische, immer nach neuer Vollendung suchende Rollins übt auch jetzt noch zwei Stunden am Tag und reist noch immer um die Welt, ohne Alterserscheinungen und als unbestrittener und dialogferner, wenngleich vor der Kunst demütiger Boss und schüchterne Ansager seiner Gruppen. Als „reines Vergnügen und Katharsis des Gefühls“ beschrieb der Kritiker Gary Giddins das Rollins-Produkt anlässlich einer grandiosen CD mit Konzertmitschnitten von 1980 bis 2007 (“Road Shows, Vol. 1“). Sonny Rollins betrachtet es als Geschenk, sich mit Musik beschäftigen zu können. Bis zum neunzigsten Geburtstag möchte er gern weitermachen und womöglich noch darüber hinaus. Am Dienstag wird er erst mal achtzig.

          Quelle: F.A.Z.

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