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Loriot-Sketch hatte Vorbild : Der Astronaut lernte vom Tiefseetaucher

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Deutscher Humor, aber mit englischen Wurzeln: Loriot (links) und Heinz Meier proben den Astronauten-Sketch. Bild: SWR/Hugo Jehle

„Sind Sie beim Verkaufen von Versicherungspolicen jemals von irgendeinem großen Fisch angegriffen worden?“ Einer der berühmtesten Sketche von Loriot hat seine Quelle bei einem bekannten englischen Komiker.

          Was verbindet zwei der in ihren Ländern berühmtesten Fernsehkomiker, den Briten John Cleese (auch hierzulande bekannt als Mitglied von „Monty Python’s Flying Circus“ und Schöpfer sowie Hauptdarsteller der Comedy-Serie „Fawlty Towers“) und den Deutschen Vicco von Bülow alias Loriot? Es gibt viele Gemeinsamkeiten bei der Technik ihrer Sketche, und beide haben nach dem Ende ihrer höchst erfolgreichen Fernsehkarrieren noch zwei Drehbücher für Spielfilme geschrieben, in denen sie jeweils auftraten (Loriot führte auch noch Regie): Cleese für „Ein Fisch namens Wanda“ von 1988 und „Wilde Kreaturen“ (1997), Loriot für „Ödipussi“, gleichfalls 1988, und „Pappa ante Portas“ (1991). Auch dabei eine seltsame Parallele: Jeweils der erste Film war ein Riesenerfolg, der zweite wurde von der Kritik ignoriert oder niedergemacht; bei Loriot derart böse, dass er beschloss, keine weiteren Filme mehr zu drehen.

          Stefan Lukschys Loriot-Studie „Der Glückliche schlägt keine Hunde“ aus dem Jahr 2013 bietet den Ansatz zu einer Analyse des Humors seines Gegenstands, erwähnt diesbezüglich Vorlieben von Chaplin über Keaton bis Helge Schneider und spricht von an Jerry Lewis, Blake Edwards und anderen angelehnten „Motiven“. Von Nachahmung ist jedoch keine Rede, und John Cleese findet in Lukschys Buch nicht einmal Erwähnung. Für beides hätte es aber gute Gründe gegeben.

          Haiangriff und Taucherkrankheit

          In seiner kürzlich in Großbritannien erschienenen Autobiographie „So, Anyway ... “ (verlegt bei Random House) berichtet John Cleese auf Seite 208: „In einem anderen Sketch spielte ich einen BBC-Moderator, der sorgfältig seine Fragen für ein Interview mit einem Tiefseetaucher vorbereitet hat. Als er entdeckt, dass sein Gesprächspartner in Wahrheit ein Versicherungsvertreter ist, muss er improvisieren.“

          Das hörte sich in dem 1965 ausgestrahlten Sketch so an:

          „Sie sind kein Tiefseetaucher?“
          „Nein.“
          „Aha ... Wenn ich Ihnen dann einige Fragen darüber stellen dürfte, was es heißt ..., ein Versicherungsvertreter zu sein ...“
          „Selbstverständlich.“
          „Sind Sie beim ... Verkaufen von Versicherungspolicen ... jemals von irgendeinem großen Fisch angegriffen worden, etwa einem Hai?“
          „Eigentlich nicht, nein.“
          „Das ist hochinteressant! Und darf ich fragen ... was die ... größte Tiefe war, in der Sie je gearbeitet haben?“
          „Im Untergeschoss, würde ich sagen.“
          „Tatsächlich! Untergeschoss, ah ja? Das könnte ich nie! Und schließlich ... haben Sie jemals die Taucherkrankheit erlitten?
          „Was bitte?“
          „Die Taucherkrankheit ... Das ist etwas, was manchmal ... Tiefseetauchern widerfährt ... sicherlich etwas seltener Versicherungsvertretern ...“
          „Nein, leider nicht.“
          „Wissen Sie, das war nur so eine Frage ... nach der vagen Möglichkeit.“
          „Tut mir leid.“












          Cleese hat diesen Dialog gemeinsam mit Tim Brook-Taylor und David Hatch geschrieben, aber er ist so typisch für seinen Humor, dass nur er als Hauptverfasser in Frage kommt. Natürlich ist jedem Verehrer Loriots eine verwandte Szene bekannt, die ihren Witz gleichfalls aus der peinlichen Situation zieht, dass einem Fernsehmoderator ein unerwartet banaler Gast gegenübersitzt: Statt des erwarteten amerikanischen Astronauten Wickliff entpuppt sich der Gesprächspartner bei Loriot nach einigen Anfangsfragen (zu Beginn sogar auf Englisch) als deutscher Verwaltungsinspektor Wieland.

          „Herr Wieland. Verwaltungsinspektor. Das ist ein erregender, abenteuerlicher Beruf.“
          „Ja ... äh ...“
          „Um als ... Verwaltungsinspektor unter Tausenden von Bewerbern in die engere Wahl zu kommen, mussten Sie sich ungewöhnlich harten körperlichen Tests unterziehen.“
          „Nein, nicht.“
          „Nicht. Aha. Und die Schwerelosigkeit ist auch wohl nicht das Hauptproblem der ... des ... des ... Verwaltungsapparates.“
          „Nein.“
          „Herr Wieland, ... was war bisher die äußerste Beschleunigung, der Sie ausgesetzt waren?“
          „Ja, ... alles in allem ... in achtzehn Sekunden auf hundert. Mein Wagen ...“
          „Und Ihr Kreislauf hat bisher nicht darunter gelitten?“
          „Nein ...“
          „Nicht ... aha ... Das ... das ist erstaunlich. Herr Wieland, Sie sind verheiratet.“
          „Ja.“
          „Sie haben nicht den Eindruck, dass Ihr Beruf für Ihre Gattin eine unzumutbare Belastung darstellt?“
          „Nein.“
          „Sie vertreten also auch nicht die Ansicht, dass Verwaltungsbeamte grundsätzlich unverheiratet bleiben sollten?“
          „Nein.“
          „Nicht ... hmmh ... ja ... Was war bisher die äußerste Entfernung von der Erdoberfläche, in der Sie gearbeitet haben?“
          „Wir ... arbeiten ... jetzt im ... dritten Obergeschoss.“
          „Aha ... Haben Sie jemals befürchtet, einmal von dort oben nicht mehr zurückzukehren?“
          „Nein.“
          „Nicht? Aber trotzdem können Sie wohl fest damit rechnen, dass Ihnen nach dem Ausscheiden aus dem ... Verwaltungsdienst eine repräsentative Stellung in der Industrie angeboten wird.“
          „Was?“
          „Herr Wieland, wir danken Ihnen für das Gespräch.“





















          Imitation und Steigerung

          Die Loriotsche Version von 1972 ist ersichtlich umfangreicher, ausgearbeiteter. Aber dass Loriots Astronaut nicht ohne den Tiefseetaucher von Cleese existierte, wird an vielen Einzelheiten deutlich, von denen die offensichtlichsten „the bends“ (Taucherkrankheit respektive Beschleunigung), die Entfernung von der Erdoberfläche (einmal nach unten, das andere Mal nach oben) und natürlich die jeweilige Irritation des Moderators angesichts der ersten Erkenntnis, dass sein Gast nicht der richtige ist, sind. Nennen wir das eine milde Form der Nachahmung. Aber erwähnen können hätte Herr von Bülow sein Vorbild schon mal.

          Wie übrigens auch im Falle Jacques Tatis. Deutlich geklaut aus dem Werk des französischen Filmkomikers ist zumindest eine Szene aus „Die Ferien des Monsieur Hulot“: Die versuchte Korrektur eines schief hängenden Bildes durch den Protagonisten, der die gerade korrigierte Hängung unbewusst wieder zerstört, einschließlich einer ungewollten Aufräumaktion, findet sich in Loriots Sketch „Zimmerverwüstung“ leicht gesteigert wieder. Sollen wir Loriots Werk deshalb aber auch nur um ein Jota weniger lieben? Nein.

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