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Simon Rattles Abschied : Sechzehn Jahre Schafskälte

„Ich glaube, Sie lieben Märsche“: Für „Pomp and Circumstance March No. 1“ von Sir Edward Elgar hatten sich alle Blechbläser der Philharmoniker Simon-Rattle-Lockenperücken auf den Kopf gestülpt. Bild: Reuters

Das tiefe Missverständnis zwischen ihm und der Stadt tritt noch einmal wie unter einem Brennglas hervor: Sir Simon Rattle nimmt Abschied von den Berliner Philharmonikern.

          Marschtritte im Tritonus, Triumph des Teufels, aber immerhin: ein Triumph! Die „Pinien der Via Appia“, Finale der „Pini di Roma“ von Ottorino Respighi, waren das Lieblingsstück von Benito Mussolini. Der Duce fühlte sich erkannt, denn natürlich hatte hier sein musikalischer Bewunderer Respighi, politisch naiv, aber sehr italienisch gesinnt, Mussolinis „Marsch auf Rom“ anno diaboli 1922 in ein dröhnendes Historiengemälde verwandelt. Mit dieser kolossalen Schwarzhemdensymphonik ließ Sir Simon Rattle am Johannistag den offiziellen Teil seines Konzertes mit den Berliner Philharmonikern, also seinen letzten Auftritt in offizieller Funktion als Chefdirigent dieses Orchesters, ausklingen. Vielleicht empfand er das ja als eine gerade noch der Schicklichkeit genügende Reverenz an den Ort, so unweit vom Olympiastadion. Auf diese Weise jedenfalls waren die Italiener, „unsere lieben Mitfaschisten“, wie der Verleger Klaus Wagenbach sie einmal zärtlich genannt hatte, auch vertreten in einem Programm, das ansonsten nur die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs versammelte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Anfang hatten die Amerikaner gemacht mit gutgelaunter Zuckerrohrsymphonik in Gestalt von George Gershwins „Cuban Ouverture“ samt schmelzend süßen Soli von Wenzel Fuchs an der Klarinette. Dann folgten die Franzosen mit der „Pavane“ von Gabriel Fauré und den „Chants d’Auvergne“ des – immerhin – Vichy-Collaborateurs Joseph Canteloube: schöne, ländliche Musik, herzerwärmend gesungen mit der barfüßigen Stimme eines Dorfstrolchs von Rattles Frau Magdalena Kožená. Und schließlich riss es die dreiundzwanzigtausend Hörer, die geduldig im Dauerregen und in der Schafskälte mit Daunenmänteln und Gefrierbeuteln als Duschhaubenersatz auf den Haaren ausharrten, von den Sitzen, als die Lesginka – Stalins Lieblingstanz übrigens – den Abschluss des sowjetischen Blocks markierte: Tänze aus dem Ballett „Gajaneh“ von Aram Chatschaturjan 1941 bis 1943 geschrieben, virtuose Erntehelfersymphonik im Stil des zaristischen Kolonialismus, mit dem schon Alexander Borodin und Nikolaj Rimski-Korsakow die kaukasischen und mittelasiatischen Expansionsbestrebungen Russlands musikalisch meisterhaft begleitet hatten.

          Die Briten kamen dann endlich in der Zugabe an die Reihe. „Ich glaube, Sie lieben Märsche“, wandte sich Sir Simon an die Berliner. „Wir in Großbritannien auch, aber etwas ironischer“. Was dann folgte, war der „Pomp and Circumstance March No. 1“ von Sir Edward Elgar, das denkbar unironischste Stück englischer Musik, geschrieben von einem grundehrlichen, todernsten Mann, für den britischer Imperialismus und Humanismus deckungsgleich waren. „Wider still and wider shall thy bounds be set. God, who made thee mighty, make thee mightier yet“, singen die Briten bis heute zur Melodie des Mittelteils. Das heißt so viel wie: „Heute gehört uns England und morgen die ganze Welt“. Nun ja, wenn die bunten Fahnen wehen, ist der Verstand in der Trompete, sagen die Böhmen, und die Trompeter, auch die Posaunisten, alle Blechbläser der Philharmoniker, hatten sich für diese Nummer Simon-Rattle-Lockenperücken auf den Kopf gestülpt.

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