28.03.2009 · Vor sieben Jahren kam er als Chefdirigent zu den Berliner Philharmonikern, das verflixte Jahr ist bei ihm das sechste: Im Interview spricht Sir Simon Rattle über den feinen Rhythmus der Franzosen, das große Musikherz der Briten, die globale Krise und den Niedergang der Plattenindustrie.
Vor sieben Jahren kam er als Chefdirigent zu den Berliner Philharmonikern, das verflixte Jahr ist bei ihm das sechste: im Interview spricht Sir Simon Rattle über den feinen Rhythmus der Franzosen, das große Musikherz der Briten, die globale Krise und den Niedergang der Plattenindustrie.
Sir Simon, vor sieben Jahren kamen Sie als Chefdirigent zu den Berliner Philharmonikern. Wir haben in Deutschland eine Redensart: „Das verflixte siebte Jahr“. Und „verflixt“ bedeutet nichts Gutes. Nebenbei, sprechen Sie eigentlich mittlerweile Deutsch?
Ja, natürlich! Mein Deutsch ist vielleicht noch ein bisschen primitiv, aber ich verstehe alles! Am besten fragen Sie mich auf Deutsch, und ich antworte auf Englisch. By the way, auch wir Engländer kennen dieses Sprichwort. „The seven year itch“ heißt der Film mit Marilyn Monroe. Ehen kriegen eine Krise im siebten Jahr . . .
Wie steht es denn zur Zeit so um Ihre philharmonische Ehe?
Sie müssen wissen, dass bei mir persönlich immer das sechste Jahr verhext ist. Das ist jetzt gerade vorbei. Wir haben es glücklich hinter uns. Die Krise haben jetzt die anderen! Unglaublich, was zur Zeit passiert.
Sie sprechen von der globalen Wirtschaftskrise?
Ja. Mein Gott, ich bin sicher, das Ausmaß ist noch nicht mal halbwegs sichtbar. Ich habe zwei Söhne, einer ist drei Jahre alt, der andere sieben Monate. Neulich dachte ich, Himmel, wenn die eines Tages erwachsen sind, werden sie den großen Crash aus dem Jahr 2008 studieren wie ein historisches Ereignis. Vielleicht werden sie dann auch wissen, wie wir da überhaupt wieder herausgefunden haben. Reden Sie heute mit Bankleuten (ich meine: mit ehrlichen Bankleuten), dann merken Sie, dass selbst die nicht weiterwissen. Alle Werte sind auf den Kopf gestellt. Ich frage Sie: Ist Gold etwas Wirkliches oder Einbildung? Das ist eine philosophische Frage! Natürlich ist echtes Gold echtes Gold, aber imaginär ist der Wert, den es für Sie und für mich hat, denn das ist schließlich nur eine Vereinbarung. Wer hat aber zur Zeit noch das Vertrauen, sich auf eine Vereinbarung zu verlassen? Vielleicht hatte Marx also doch recht! Und das zu einem Zeitpunkt, wo wir alle gerade dachten, der Kommunismus ist Vergangenheit, der Kapitalismus funktioniert. Verrückt!
Wie wird sich das auf die Kultur auswirken?
Schwer zu sagen. Es ist zu viel in Bewegung geraten. Die physikalischen Wissenschaften sind längst zur Kosmologie geworden. Wer heute Physik studiert, hat weniger zu tun mit trockenen Formeln, eher mit Religion, und die Ökonomie bewegt sich irgendwo zwischen Religion und Chaostheorie. Mir kommt es so vor, als wäre es neuerdings viel einfacher, in klaren Worten über Musik zu reden als über Wirtschaftsfragen. Dabei weiß doch jeder, dass man über Musik in Worten gar nichts Vernünftiges sagen kann. Das ist ja auch der Grund, warum wir lieber Musik machen! Heute ist das musikalische Vokabular ein vergleichsweise verlässliches Terrain.
Gut, reden wir über Musik. Sie haben in den letzten Jahren auffallend viel französisches Repertoire aufgeführt: Berlioz, Debussy, Messiaen, jetzt Ravel. Darunter auch echte Raritäten wie „La Mort de Cloptre“. Woher diese Liebe zur französischen Musik bei einem britischen Dirigenten?
Ich habe die französische Musik schon lieben gelernt, als ich noch ein kleines Kind war. Wenn Sie nämlich Ihre musikalische Laufbahn als Schlagzeuger anfangen, dann schneiden Sie Ihr Leben dabei heraus.
Ist das eine britische Redensart? Was meinen Sie damit?
Ich meine: Wir Engländer hören uns alles an und spielen alles, ohne uns dabei zu fragen, ob das nun richtig ist oder falsch. England gilt als das „Land ohne Musik“. Anyway (lacht). Der Vorteil ist: Deshalb gehört auch alles zu unserem Spielplatz. Wir stellen uns nicht die Frage, ob dieses oder jenes Stück nun unbedingt zum großen klassischen Kanon gehört. Das ist eher eine spezifisch zentral-euopäische Denkweise. Wir Engländer schauen als Außenseiter darauf, wir sind neugierig auf alles.
Bitte nicht die paar britischen Komponisten vergessen, die irgendwie auch zum zentraleuropäischen Kanon gehören, Purcell, Britten, Elgar! Das Besondere an der französischen Musik ist aber ja, dass sie einen so ausgeprägten Nationalstil hat. Wie kommt es zu dieser klaren Traditionslinie von Fauré bis hin zu Messiaen und sogar Boulez?
Wenn Sie wollen, können Sie mit dieser Linie schon bei Rameau anfangen! Ich bin trotzdem ganz sicher, wenn wir heute wieder mehr französische Musik vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts spielen würden, was ja leider etwas aus der Mode gekommen ist, dann könnten wir deutlich hören, wo Wagner seine Wurzeln hatte. Richard Wagner hat viel gestohlen aus der französischen Musik, die er doch so verachtete, auch aus der Revolutionsmusik.
Was lieben Sie am meisten an der französischen Musik? Die Farben? Den Rhythmus?
Im Rhythmischen gibt es diesen besonderen Sinn fürs Feingewichtige. Wie Debussy boshafterweise sagte: Es ist wie ein Orchester ohne Füße. Diese Musik hat keine Bodenhaftung, sie kann fliegen, bleibt dabei aber enorm präzise und zielgerichtet. In dieser Beziehung sind Wagners „Parsifal“ und Debussys „Pelléas“ eng miteinander verwandt. Bei „Parsifal“ muss ich immer an dieses große, hölzerne Flugzeug von Howard Hughes denken, die „Spruce Goose“. Ich habe sie in Long Beach besichtigt, das Ding hat fast die Größe eines Fußballfeldes. Man ist nicht darauf vorbereitet, ein Flugzeug in dieser Größenordnung zu sehen, besonders keines aus Holz. Aber es ist sogar geflogen, für etwa drei Minuten, davon gibt es einen Film. Und als ich diesen gigantischen Vogel über das Wasser fliegen sah, war mein erster Gedanke: Parsifal! Weil auch Wagner sich letztlich emporhebt, genau wie Pelléas, ohne Füße. Ein ganz einfacher Grund für unser Repertoire ist übrigens, dass sich die Berliner Philharmoniker mehr französische Stücke gewünscht haben. Sie wollten diese Musik erkunden, deshalb erarbeiten wir das jetzt Stück für Stück.
Mit Haydn haben Sie hier angefangen vor sieben Jahren. Als Haydn erstmals nach England kam, war er schon ein alter Mann. Er konnte kein Wort Englisch sprechen.
Aber er lernte schnell! Wissen Sie, wie viele gute Freundinnen Haydn in London hatte?
Das waren Musikerinnen, Schülerinnen, keine Groupies! Haydns Ruhm eilte ihm voraus. Er wusste das genau, er war so selbstbewusst, dass er sagen konnte: „Meine Sprache versteht man in der ganzen Welt.“
Er hatte recht, genau so war es. Man hat die Musik Haydns in London sofort verstanden. Diese Musiksprache ist eine wahre Lingua franca! Natürlich gilt das nicht nur für Haydns Musik, auch für Mozart oder Johann Christian Bach. Es war die Zeit der Aufklärung. In gewisser Weise hat Haydn die klassische Musik regelrecht erfunden, denn ohne ihn, ohne seine Symphonien, Sonaten und Quartette, wäre die Sonatenform nicht zu dieser Ausbildung gelangt.
Warum sagen die Dirigenten immer so gerne, Haydn sei gut fürs Orchesterputzen?
Das ist nicht nur eine Frage der Hygiene. Natürlich kann man ein Orchester mit einer Haydn-Symphonie gut auf Vordermann bringen, das weiß jeder. Aber vor allem hat Haydn Musik über Musik komponiert, das ist das Faszinierendste daran. Seine Musik spricht für sich selbst, sie ist durch und durch dramatisch, sie ist Komödie und Tragödie in einem. Diese Idee, dass ein großes Instrumentalmusikstück wie ein Theaterstück von Shakespeare funktioniert, mit einer Lösung am Schluss, die ist so außerordentlich plausibel, dass alle Menschen in allen Ländern das damals leicht verstehen konnten.
Das gilt bis heute. Ist die klassische Musik deshalb eine Art Gefühls-Esperanto geblieben, obwohl doch die musikalischen Nationalstile sich längst aufgelöst und einander angeglichen haben?
Ja, leider, es sieht so aus in der zeitgenössischen Musik, als gäbe es da keine nationalen Unterschiede mehr. Aber ich bin mir sicher, dass man in fünfzig Jahren rückblickend feststellen wird, das ein Stück Musik aus England oder Frankreich oder Deutschland ganz verschieden klingt. Verschiedensprachige Menschen haben nun mal unterschiedliche Wege, sich auszudrücken.
Und wie steht es mit so einer entschieden deutsch-romantischen Spezialität wie Robert Schumanns Oratorium „Paradies und Peri“? Höchst beliebt im neunzehnten Jahrhundert, dann total vergessen und heute seltsam fremdartig.
Aber nein! Ich halte die „Peri“ für ein absolutes Meisterwerk! Wahrscheinlich das beste Stück, das Schumann je für Orchester geschrieben hat. Carlo Maria Giulini hatte mir zum ersten Mal davon erzählt, das ist jetzt dreißig Jahre her. Ich habe die „Peri“ seither immer wieder aufgeführt. Das Stück ist echt deutsche Romantik, in seinem Rückblick auf die historische Tradition, aber auch in den Vorausblicken auf die Zukunft, und darin, dass hier die verschiedensten musikalischen Genres zusammenfließen, Oper, Oratorium, Kantate.
Wird es eine Plattenaufnahme geben von der famosen Berliner „Peri“-Aufführung, die Sie unlängst hier gezeigt haben?
Wird es überhaupt je wieder Plattenaufnahmen geben? (lacht)
Die korrekte Antwort muss natürlich lauten: Nein! Schon bald wird es gar keine Plattenfirmen mehr geben.
Sicher ist es für uns ein Verlust, wenn die Plattenindustrie immer tiefer in die Krise rutscht. Aber dafür kann heute jeder in die digitale Konzerthalle gehen und sich selbst die Live-Konzerte aussuchen, die er hören will. Das wird uns vielleicht helfen, ein bisschen ehrlicher zu werden. Das Ideal der Makellosigkeit, das die Plattenindustrie aufgestellt hat, wird egal werden, die fehlerfrei polierte Interpretation wird nicht mehr so wichtig sein.