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Silvesterkonzerte bei ARD und ZDF Ein Prost von der Orgel

 ·  Schauen die Freunde klassischer Musik das Jahr über bei ARD und ZDF normalerweise in die Röhre, durften sie zu Silvester eine Überraschung erleben: Nahezu zeitgleich zeigten beide Sender die Berliner Philharmoniker. Diese Dublette war kein Zufall. Und Harald Schmidt als Conférencier leider auch nicht.

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Dass man als Freund klassischer Musik bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern in der allerersten Reihe sitze, dürften nicht einmal notorisch gutwillige Konsumenten von ARD und ZDF behaupten. Ein paar breitenwirksame Konzertübertragungen und ähnliche Alibiveranstaltungen, einige wenige Kulturmagazine, meist zu nächtlicher Unzeit - und für das Übrige verweist man nur allzu gern auf zielgruppenspezifische Nebenprogramme wie 3sat und ARTE.

Umso erstaunlicher also, was sich zu Silvester bei ARD und ZDF abspielte: Nahezu zeitgleich schien beide Sender völlig unvermittelt eine neue Begeisterung für die klassische ernste Muse erfasst zu haben. Während im Ersten der Dirigent Simon Rattle zusammen mit den Berliner Philharmonikern live das Silvesterkonzert für 2009 bestritt, zeigte das Zweite - nur um eine Viertelstunde zeitversetzt - das „Beste aus 30 Jahren Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker“.

Neuerdings mit Schmidt

Ein Schelm, wer Böses dabei unkt, hätte man sich in Jahresendfeierlaune achselzuckend sagen können - wollten wir nicht ohnehin gerade die Zweitkanalaufzeichnung an unserem frisch ausgepackten Festplattenrekorder testen? Doch die eigentümliche Programmdublette war beileibe kein Zufall; sie ist vielmehr der Vorbote eines noch ungleich seltsameren Wettstreits, den die Zuschauer ab 2010 jeweils zum Jahreswechsel bei den Öffentlich-Rechtlichen erleben dürften. Nach über dreißig Jahren hat das ZDF nämlich 2009 einen Vertrag mit den Berliner Philharmonikern beendet, der dem deutschen Spitzenorchester einen festen Programmplatz für die Live-Übertragung seiner Silvesterkonzerte einräumte. Damit endete eine Tradition, die 1977 noch unter der Ägide des großen Herbert von Karajan begründet worden war - nicht zuletzt in bewusster Konkurrenz zu den berühmten Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker.

Nicht mehr nach Wien oder Berlin, sondern nach Sachsen richtet das ZDF künftig Ohr und Blick: 2010 wird das Zweite erstmals ein Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden übertragen, geleitet von Christian Thielemann, dem größten Hoffnungsträger der deutschen Dirigentenzunft, der 2012 Chefdirigent in Dresden wird. Doch auch die Berliner gehen unterdessen keineswegs leer aus: Ihr musikalischer Jahresausklang hat schon am gestrigen Abend eine neue Heimstatt in der ARD gefunden, bei nahezu gleichem Konzept und ästhetischem Anspruch - und mit nur einer ins Auge springenden Änderung: Ab sofort begleitet der Entertainer Harald Schmidt die Zuschauer vor den Bildschirmen durch das Programm. Das Silvesterkonzert 2009 war zugleich der Auftakt für eine ganze Reihe von weiteren Übertragungen in der ARD, die unter anderem das Europa- und das Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker umfasst; beide sollen ebenfalls von Schmidt präsentiert werden.

Er unterbot alle Niveau-Tiefschläge

Ob sich die ARD und die Berliner Philharmoniker allerdings mit dieser populären Personalie einen Gefallen getan haben, erscheint fraglich - zumal wenn es 2010 wirklich zu einen direkten Konkurrenz mit der Dresdner Staatskapelle im ZDF kommen sollte. Zwar hatte ARD-Programmdirektor Volker Herres im Vorfeld den vollmundigen Slogan ausgegeben: „Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker präsentiert von Harald Schmidt - so schön kann Kultur im Ersten sein!“; doch was Schmidt dann am vergangenen Silvesterabend tatsächlich bot, war weder „schön“, noch hatte es mit „Kultur“ im engeren Sinne zu tun. Es unterbot dafür nahezu alles, was es an Niveau-Tiefschlägen in der öffentlichkeitswirksamen Vermittlung von Hochkultur in den letzten Jahren im gebührenfinanzierten deutschen Fernsehen gegeben haben dürfte.

Die wenigen Sätze, die Deutschlands angeblich bester Entertainer zwischen die beiden musikalischen Werke des Programms - Sergej Rachmaninows Zweites Klavierkonzert und Auszüge aus dem „Nussknacker“ von Tschaikowsky - einstreute, waren weder witzig noch geistreich; sie irrlichterten vielmehr irgendwo im kulturellen Bermudadreieck zwischen Kaffeetantenklatsch und Wurstbudenstammtisch. Und dass das Ganze vorher aufgezeichnet worden war, um Schmidt am Silvesterabend einen Live-Auftritt im Stuttgarter Theater zu ermöglichen, machte die Sache nur noch schlimmer. So fiel Schmidt nach ein paar angelesenen Fakten zu Rachmaninow nicht viel mehr ein als die mit beflissener Klavierschülermiene vorgetragene Bemerkung, diese Musik sei „ideal, um sich wieder an das Instrument zu gewöhnen“. Hatte uns vorher jemand die Lust auf das Klavier, immerhin das wichtigste Ausdrucksmittel von Mozart, Beethoven und Brahms, abgewöhnt? Womöglich jemand aus dem bösen ZDF? Während wir noch über mögliche Kandidaten grübelten, schickte Schmidt die Zuschauer bereits ins Hörabenteuer, notdürftig gewappnet mit dem Hinweis, man solle doch einmal besonders auf das Ende des zweiten Satzes achten. Was es hier zu entdecken gebe, wurde dann allerdings nicht mehr recht deutlich - wahrscheinlich meinte er jene ach so eingängige Herz-Schmerz-Romantik, auf die Rachmaninows stilistisch ambivalente Musik zumeist reduziert wird.

Der hatte Stil

Nach diesem matten Auftakt erreichte die Moderation dann bereits bei der Ansage der Zugabe ihren Höhepunkt. Soeben hatte sich der chinesische Starpianist Lang Lang fernsehwirksam bei Rachmaninows Klavierkonzert verausgabt, nun bedankte er sich für den Jubel mit einer angenehm differenzierten Wiedergabe der As-Dur-Etüde op. 25 Nr. 1 von Frédéric Chopin. Harald Schmidt kommentierte diesen freudigen Umstand, ausgerechnet ex cathedra vom Spieltisch der Orgel in der Berliner Philharmonie, mit einem Glas Champagner in der Hand - Chopin erinnere ihn halt immer an Schampus. „Na, prost!“, wollte man da erleichtert ausrufen: Angesichts des Chopin-Gedenkjahres 2010 muss sich nun zumindest die Schaumwein-Industrie keine Sorgen mehr machen!

Den weiteren Verlauf des von Simon Rattle und den Philharmonikern untadelig, aber stellenweise arg routiniert absolvierten Konzertprogramms mit Evergreens aus dem „Nussknacker“ überlassen wir danach frohgemut dem Festplattenrekorder. Und wir wechseln auch nicht zur direkten Konkurrenz im Zweiten: Die Wiederbegegnung mit den Heroen früherer Jahreswechsel von Karajan und Kissin bis zu Abbado und Quasthoff könnte uns, selbst im Häppchenformat, den Niveauverlust des Jahres 2009 nur umso ernüchternder vor Augen führen. Stattdessen halten wir uns an das gleich mehrfach ausgestrahlte „Dinner for One“. Anders als bei den Silvesterkonzerten hat „The same procedure as every year“ hier einen unverwüstlichen Reiz, obendrein braucht Butler James zum Betrinken keinen Chopin, und der Moderator, Heinz Piper, ist nicht nur überaus dezent, er ist ein echter Conférencier. Er hatte Stil.

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