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„Siegfried“ und „Götterdämmerung“ Verschleierung links und rechts des Rheins

Opern-Gipfel der Musterschüler: Achim Freyer inszeniert „Siegfried“ in Mannheim, Hansgünther Heyme „Götterdämmerung“ in Ludwigshafen In beiden Fällen feiert die Brecht-Gardine fröhliche Urständ.

© Hans Jörg Michel Die mit der Goldkante: In Achim Freyers Mannheimer Inszenierung freut sich Brünnhilde (Judith Németh) über Siegfried (Jürgen Müller), der ihr zu Füßen liegt

Sie teilt die Welt in ein Davor und Dahinter. Scharf zerschneidet ein Fetzen Stoff jede Illusion. Die sogenannte Brecht-Gardine gehört zu den traditionellen Requisiten kritischer Theatermacher, die jede unreflektierte Identifikation der Zuschauer mit dem Bühnengeschehen unterlaufen wollen. Wer den Blick hinter die Gardine wagt, so die Idee, schaut buchstäblich auf Kulissen, durchschaut also den Trug, dem er aufgesessen ist: alles inszeniert, alles nur gespielt, alles Theater.

Die schöne Idee ist seit Brechts Zeiten ein wenig in die Jahre gekommen. Längst ist auch ein klassisches Opernpublikum ganz andere Mittel der Verfremdung gewohnt - zumindest eine Videokamera mit Live-Zuspielung muss es heute sein, und so manches Bühnenbild sieht von vornherein so kritisch verkargt aus, als blicke man von hinten auf irgendwelche Kulissen. Wie erstaunt war man daher, dass am Wochenende gleich zwei Regisseure den alten Fetzen wieder aus dem Fundus zerrten.

Traumtheater und moralisches Endspiel

Beide sind sozusagen im Schatten der Gardine sozialisiert worden - der eine, Achim Freyer, nennt sich noch heute stolz einen Brecht-Schüler; der andere, Hansgünther Heyme, begreift sich als Parteigänger von dessen Kampfgenosse Erwin Piscator. Beide Musterschüler inszenierten Wagner, je einen Teil aus dem „Ring des Nibelungen“. Der eine schlug sein Theaterzelt östlich des Rheins im Nationaltheater Mannheim auf, der andere westlich, im benachbarten Ludwigshafen, auf der Bühne des Theaters im Pfalzbau. Beide verantworteten neben der Regie gleich noch Szenenbild und Kostüme mit: zwei gestandene Haudegen im Dienste des Gesamtkunstwerks!

Dass einer die Premiere des anderen besuchte, verstand sich von selbst. Viel weiter reichten die Gemeinsamkeiten freilich nicht. In seinem Ludwigshafener „Ring“- Zyklus, der in Koproduktion mit der Oper Halle entsteht, zeigt Heyme Wagners „Götterdämmerung“ als Endspiel einer moralisch durch und durch korrumpierten Welt, in der ein unangepasster Gutmensch wie Siegfried zur tragischen Figur werden muss. Achim Freyer dagegen führt in Mannheim seinen Traumtheater-“Ring“ mit dem „Siegfried“ fort und besinnt sich mit höchst eigenwilligen Bildmetaphern auf den Märchencharakter dieser mythenverbrämten Teenager-Komödie.

Innerliche Entfremdung

Wie aber kommt die Gardine ins Spiel? Bei Heyme ist sie fast omnipräsent, sie trennt als mehrfach unterteilter Gazevorhang die Vorder- von der Hinterbühne, ohne wirklich separate Räume zu schaffen. Die Hauptfiguren können so, ganz klassisch, aus dem Geschehen in die Vereinzelung treten, wann immer der Regisseur den Fokus auf ihre seelischen Nöte und Wandlungen legen will.

Heyme nutzt das vor allem bei Brünnhilde und Siegfried, die sich über ihrer äußerlichen, von Intrigen beschleunigten Entfremdung auch innerlich fremd werden. In der Gibichungenhalle erscheinen auch die Götter auf solchen Schleiervorhängen - man schmückt sich in diesen machtbewussten Kreisen noch mit Religion, verschleiert sich damit zur Not den Blick auf die Wahrheit, während der Bösewicht Hagen (Christoph Stegemann) seinen Machtanspruch längst unverschleiert anmeldet.

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