http://www.faz.net/-gqz-74rnu

„Siegfried“ und „Götterdämmerung“ : Verschleierung links und rechts des Rheins

  • -Aktualisiert am

Die mit der Goldkante: In Achim Freyers Mannheimer Inszenierung freut sich Brünnhilde (Judith Németh) über Siegfried (Jürgen Müller), der ihr zu Füßen liegt Bild: Hans Jörg Michel

Opern-Gipfel der Musterschüler: Achim Freyer inszeniert „Siegfried“ in Mannheim, Hansgünther Heyme „Götterdämmerung“ in Ludwigshafen In beiden Fällen feiert die Brecht-Gardine fröhliche Urständ.

          Sie teilt die Welt in ein Davor und Dahinter. Scharf zerschneidet ein Fetzen Stoff jede Illusion. Die sogenannte Brecht-Gardine gehört zu den traditionellen Requisiten kritischer Theatermacher, die jede unreflektierte Identifikation der Zuschauer mit dem Bühnengeschehen unterlaufen wollen. Wer den Blick hinter die Gardine wagt, so die Idee, schaut buchstäblich auf Kulissen, durchschaut also den Trug, dem er aufgesessen ist: alles inszeniert, alles nur gespielt, alles Theater.

          Die schöne Idee ist seit Brechts Zeiten ein wenig in die Jahre gekommen. Längst ist auch ein klassisches Opernpublikum ganz andere Mittel der Verfremdung gewohnt - zumindest eine Videokamera mit Live-Zuspielung muss es heute sein, und so manches Bühnenbild sieht von vornherein so kritisch verkargt aus, als blicke man von hinten auf irgendwelche Kulissen. Wie erstaunt war man daher, dass am Wochenende gleich zwei Regisseure den alten Fetzen wieder aus dem Fundus zerrten.

          Traumtheater und moralisches Endspiel

          Beide sind sozusagen im Schatten der Gardine sozialisiert worden - der eine, Achim Freyer, nennt sich noch heute stolz einen Brecht-Schüler; der andere, Hansgünther Heyme, begreift sich als Parteigänger von dessen Kampfgenosse Erwin Piscator. Beide Musterschüler inszenierten Wagner, je einen Teil aus dem „Ring des Nibelungen“. Der eine schlug sein Theaterzelt östlich des Rheins im Nationaltheater Mannheim auf, der andere westlich, im benachbarten Ludwigshafen, auf der Bühne des Theaters im Pfalzbau. Beide verantworteten neben der Regie gleich noch Szenenbild und Kostüme mit: zwei gestandene Haudegen im Dienste des Gesamtkunstwerks!

          Dass einer die Premiere des anderen besuchte, verstand sich von selbst. Viel weiter reichten die Gemeinsamkeiten freilich nicht. In seinem Ludwigshafener „Ring“- Zyklus, der in Koproduktion mit der Oper Halle entsteht, zeigt Heyme Wagners „Götterdämmerung“ als Endspiel einer moralisch durch und durch korrumpierten Welt, in der ein unangepasster Gutmensch wie Siegfried zur tragischen Figur werden muss. Achim Freyer dagegen führt in Mannheim seinen Traumtheater-“Ring“ mit dem „Siegfried“ fort und besinnt sich mit höchst eigenwilligen Bildmetaphern auf den Märchencharakter dieser mythenverbrämten Teenager-Komödie.

          Innerliche Entfremdung

          Wie aber kommt die Gardine ins Spiel? Bei Heyme ist sie fast omnipräsent, sie trennt als mehrfach unterteilter Gazevorhang die Vorder- von der Hinterbühne, ohne wirklich separate Räume zu schaffen. Die Hauptfiguren können so, ganz klassisch, aus dem Geschehen in die Vereinzelung treten, wann immer der Regisseur den Fokus auf ihre seelischen Nöte und Wandlungen legen will.

          Heyme nutzt das vor allem bei Brünnhilde und Siegfried, die sich über ihrer äußerlichen, von Intrigen beschleunigten Entfremdung auch innerlich fremd werden. In der Gibichungenhalle erscheinen auch die Götter auf solchen Schleiervorhängen - man schmückt sich in diesen machtbewussten Kreisen noch mit Religion, verschleiert sich damit zur Not den Blick auf die Wahrheit, während der Bösewicht Hagen (Christoph Stegemann) seinen Machtanspruch längst unverschleiert anmeldet.

          Weitere Themen

          Wem die Stunde schlägt

          Der Duft der Bücher : Wem die Stunde schlägt

          Dieser Kritiker soll ein letztes Mal die Nase in ein Buch stecken! Der Täter übt. Und wird erkannt und verwechselt und verfolgt. Zweiter von drei Teilen des F.A.Z.-Buchmessekrimis „Der Duft der Bücher“.

          Befangenheitsanträge verzögern NSU-Prozess Video-Seite öffnen

          Zwangspause : Befangenheitsanträge verzögern NSU-Prozess

          Im Münchner Prozess um die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds sollten am Mittwoch eigentlich die Nebenklage-Plädoyers beginnen. Eine Serie von Befangenheitsanträgen seitens der Verteidigung verhinderten das.

          Topmeldungen

          Mitte September in München: Urteilsverkündung im Prozess gegen zwei mutmaßliche islamistische Kämpfer aus Syrien. 2017 leitete die Bundesanwaltschaft schon mehr als 900 Verfahren wegen Terrorismus ein.

          Bundesanwaltschaft : 2017 schon mehr als 900 Terror-Verfahren

          Die Zahl der Terrorismus-Verfahren in Deutschland nimmt deutlich zu. Das geht einem Bericht zufolge aus den aktuellen Zahlen der Bundesanwaltschaft hervor. Der rapide Anstieg stellt die Behörde vor große Probleme.
          Auch Andrea Nahles hat in der deutschen Politik schon häufig Erfahrungen mit Sexismus gemacht.

          SPD-Fraktionschefin : Nahles: Viel Sexismus in der deutschen Politik

          Sexismus in der deutschen Politik? Überall, immer wieder, sagt Andrea Nahles und beschreibt typische Situationen. Zumindest in der SPD will die neue Fraktionschefin das nun ändern. Frauen sollten Männer mit ihren eigenen Waffen schlagen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.