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Shooting-Star Paul Potts Du hast nur eine Chance, Baby, nutze sie

31.07.2008 ·  Die Stimme in der Yukkapalme: Wie Legendenbildung funktioniert, lässt sich am Fall des Engländers Paul Potts studieren, der in einer Talentshow entdeckt wurde und nun als Werbemittel und Opernsänger Karriere macht.

Von Gesine Hindemith
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Als Gänsehautstimme mit emotionalem Tiefgang ist er seit zwei Wochen in aller Ohr; als Mann, der beim besten Willen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, in aller Auge und spätestens seit dem Start der neuen Telekom-Kampagne „Erleben, was verbindet“ redet auch alle Welt über ihn. Paul Potts, dessen Karriere im Licht der telekommunikativen Öffentlichkeit mit dem ersten Platz bei einem britischen Talentwettbewerb im Sommer 2007 begann, ist das mediale Phänomen par excellence.

Mit dem Telekom-Spot rückte der zuvor in Deutschland kaum beachtete Potts ins Scheinwerferlicht der Medienmaschinerie, und seine Single „Nessun dorma“ mit der berühmten Arie aus Puccinis Oper „Turandot“ hält sich nach zwei Wochen immer noch auf Platz vier der deutschen Single-Charts. Bisher nur als Download verfügbar, wird sie vom 15. August an auch als CD verkauft. Am selben Tag soll Potts beim Saisonstart der Bundesliga in der Allianz-Arena zu München für Gänsehautwallungen sorgen.

Ein Plattenvertrag bei Sony

Am Anfang dieser Karriere steht der mittlerweile sagenumwobene Auftritt von Potts bei der britischen Castingshow „Britain's got talent“ am 9. Juni vergangenen Jahres. Bis zu jenem Tag war Potts ein armer Schlucker, der nach mehreren Schicksalsschlägen im Supermarkt Regale einräumte und als Handyverkäufer arbeitete. Im Jahr 2003 beginnt mit einem Blinddarmdurchbruch eine regelrechte Pechsträhne. Im Krankenhaus wird ein gutartiger Tumor an der Niere diagnostiziert, und kaum entlassen, stürzt Paul Potts vom Fahrrad und bricht sich das Schlüsselbein. Dann bewirbt er sich bei der Castingshow, der erste Platz ist sein Durchbruch. Neben dem Gewinn von 100.000 Pfund erhält Potts einen Plattenvertrag mit Sony BMG in Höhe von einer Million Pfund.

So weit die Legende, nachlesen kann man sie auf Potts' Homepage, die von Sony BMG gesponsert wird. Hier besteht auch die Möglichkeit, das Schicksal des Paul Potts psychologisch bis in seine Kindheit zurückzuverfolgen: Er wird als Außenseiter inszeniert, der schon in jungen Jahren von seinen Mitschülern unterdrückt wurde. Den Ausweg aus dieser Hölle bot der Gesang: „Die bösartigen Worte seiner Peiniger wurden ersetzt durch wunderschöne Texte und Melodien, die sein Herz und seinen Geist erquickten.“

Dramaturgisches Meisterwerk

Tatsächlich versteht es Potts, stimmlich eine tiefe Emotionalität zu transportieren. Der Auftritt kommt einem dramaturgischen Meisterwerk nahe: Der schüchterne Potts betritt die Bühne in einem billigen Anzug (der Legende nach hat er fünfundzwanzig Pfund gekostet), misstrauisch beäugt von den kritischen Mitgliedern der Jury - darunter der stark an Dieter Bohlen erinnernde Simon Cowell -, die schon belustigt die Gesichter verziehen, und sagt: „Ich will Oper singen.“ Dann legt er mit der Arie des unbekannten Prinzen Kalaf aus „Turandot“ los und entfacht mit seinem „Nessun dorma“ ein Gefühlsfeuerwerk, dem sich auch die Jury nicht entziehen kann.

Dieses denkwürdige Ereignis, das in der Folge im Internetportal „You Tube“ in Endlosschleife weiter zelebriert wurde, verwendet nun die deutsche Telekom in einem Werbefilm. Zu sehen sind dort zahlreiche Menschen, die den Auftritt über Fernsehen, Internet und Mobiltelefone mitverfolgen und dabei zu Tränen gerührt sind. Am Ende kommt dann das pinke „T“ mit den fünf charakteristischen Tönen der Telekom-Werbemelodie, und jeder fragt sich: Warum jetzt Telekom? Oder, wie sich ein Blogger anlässlich der Erstausstrahlung des Spots ausdrückte: „Die Werbung ist sehr gut, nur habe ich mich gefragt, was das mit den T-Komikern zu tun hat, und ich habe für mich die Antwort gefunden: Nichts.“

„Ich mag diese Typen“

Nun transportiert Werbung natürlich Wunschvorstellungen, und die Telekom als telekommunikatives Unternehmen will uns nur zu gern glauben machen, sie fördere mit ihrer neuen „Markenarchitektur“ ebenjene Telekommunikation. Dass sie mit Paul Potts ins Schwarze getroffen hat, darüber sind sich auch die Telekom-Kritiker einig. Die Blogger in jenem zitierten „Basic Thinking Blog“ beispielsweise überschlagen sich vor Begeisterung: „Gänsehaut plus Menschen (wie wir!) minus Realität (das, was da gezeigt wird, ist echt passiert): Ich glaube, selten war Werbung so realistisch nah.“ Oder: „Ich mag diese Typen, die eigentlich so gar nicht in die durchgestylte Medienwelt passen und dann mit ihrem reinen Können und großer Begabung für Begeisterung sorgen.“

Paul Potts ist also der Sympathieträger schlechthin. Aber, passt er wirklich so gar nicht in diese durchgestylte Medienwelt? Er hat durch sein Können überzeugt, denn singen kann er wirklich. Nur ist das kein Wunder - Potts ist nämlich kein unbeschriebenes Blatt, wie uns die Sony-Legende weismachen will, weder sein Gesang ist vom Himmel gefallen, noch tritt er zum ersten Mal vor großem Publikum auf. Potts hat bereits 1999 die Talentshow „My Kind of Music“ gewonnen. Zuvor versuchte er sich, ausgerechnet als Luciano Pavarotti verkleidet, in einem Karaoke-Wettbewerb. Mit dem Gewinn finanzierte er eine professionelle Gesangsausbildung in Italien, nahm Unterricht an Opernschulen bei Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli. Von 1999 bis 2003 trat er in nicht weniger als sechs Inszenierungen der Opera of Bath auf - eine Amateur-Bühne zwar, aber immerhin. Es gab auch einen Auftritt mit einem Ensemble des Royal Philharmonic Orchestra im Jahr 2003.

Heruntergespielt oder verschwiegen

Diese biographischen Details werden in der Sony-Legende konsequent heruntergespielt oder einfach verschwiegen. Auch Potts selbst vermeidet in Interviews, diesen Teil seines Werdegangs zu erwähnen, da würde ja dann der „dramatische Mangel an Selbstbewusstsein“, den er sich selbst attestiert, auch kaum mehr passen. Bei der Telekom passt Potts jedoch ideal ins Bild: ein Handyverkäufer! Und noch dazu hat er seine Frau Julie-Ann im Internet kennengelernt. Wenn das nicht telekommunikativ vermitteltes Leben pur ist.

Als Potts noch als Handyverkäufer arbeitete, sagten ihm die Kollegen, er sei der geborene Verkäufer. Dazu liest man auf der Homepage: „Aber ich wusste, dass ich das nicht bin. Wenn ich verkaufte, fühlte ich mich, als würde ich schauspielern. Nur wenn ich sang, hatte ich das Gefühl, ich selbst zu sein. Mein wirkliches Ich.“ Sein „wirkliches Ich“ ist paradoxerweise nun aber der Verkaufsschlager. Dafür steht sein Album „One Chance“ - eine Ansammlung von Opernausschnitten und schmonzettenhaften italienischen Remakes im Stil so bekannter Songs wie „Everybody Hurts“ oder „My Way“ - und nicht zuletzt sein Auftritt in der Telekom-Kampagne. Die Legende Paul Potts passt eben doch in unsere auf Berühmtheiten versessene Medienwelt.

Ein bisschen von beidem

Was aber ist mit dem wirklichen Potts, dem Paul Potts, der sich mit tiefer Überzeugung, ungebrochenem Enthusiasmus und vielen Kosten und Mühen der Oper verschrieben hat? Diesen Potts fürchtet man: „Wie leicht wir doch zu beeindrucken sind. Stellt euch vor, Potts wäre - so würde herauskommen - ein Opernsänger mit professioneller Ausbildung. Man hätte ihn geschminkt und uns eine Story aufgetischt“, mahnt ein Blogger. Jemand, der hart für etwas gearbeitet hat, passt eben nicht ins Bild einer Castingshow mit der Botschaft, Talent könne man an jeder Ecke auf der Straße finden. Das würde auch den Effekt „Erleben, was verbindet“ der Telekom-Kampagne schmälern, denn so gewendet könnte man auf den Gedanken kommen, der Auftritt sei nicht etwa emotional authentisch, sondern schauspielerisch professionell. Dabei ist Paul Potts wahrscheinlich ein bisschen von beidem - ein Außenseiterphänomen, das Karriere macht, ist er in jedem Fall.

In Sachen Vermarktung macht Potts auch zusehends Schule. Im Internet wird bereits die Pavarotti-Version von „Nessun dorma“ als MP-3-Download angeboten, zusammen mit einem „You Tube“-Video des Arienschlagers. Die Paul-Potts-Fangemeinde sieht ihren Helden schon auf einer Stufe mit dessen Vorbild Pavarotti, gar als Reinkarnation. Auf „You Tube“ lässt ein Besucher Potts und Pavarotti im virtuellen Duett singen, und beim Internethändler Amazon findet man den Hinweis, dass Kunden, die sich „Das Beste von Luciano Pavarotti“ kaufen, auch Potts' Album „One Chance“ mitbestellen. Stimmlich muss er zwar noch ein bisschen arbeiten, für seine Fans ist Potts jedoch bereits ein Opernstar.

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