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„Ein Sommernachtstraum“ : Vortanzen zur Dreifachhochzeit

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Und irgendwo träumt Zettel: Das Ensemble der „Sommernachtstraum“-Inszenierung von Ewelina Marciniak am Theater Freiburg Bild: Birgit Hupfeld

Ein Stück wie ein Renaissancegemälde voller Grazie, Schönheit und gebändigter Leidenschaft: Shakespeares „Sommernachtstraum“ am Theater Freiburg.

          Herzog Theseus und Feenkönig Oberon sind in diesem „Sommernachtstraum“ identisch: autoritäre Führer, die mit schwachem Kopf und harter Hand regieren; leidenschaftlich Liebende und die ehrlich beflissenen Theaterlaien der Handwerkertruppe haben bei ihnen nichts zu lachen. In der Inszenierung der polnischen Regisseurin Ewa Marciniak ist Hermia das unschuldige Mädchen, das von den Männern begrapscht, herumgeschubst und verkuppelt wird. Um ihre Geschlechtsreife zu überprüfen, schneidet Theseus ihr eigenhändig ein Schamhaar ab und beschnuppert es sabbernd.

          Aber die Herrschaft der Väter über Kinder und Narren endet an den Grenzen des Fantasiereichs. Die träumerischen Verrückungen und erotischen Verzückungen hier entziehen sich der Logik männlicher Herrschaft. Es gibt keine Mauern mehr zwischen Mann und Frau, Tier und Mensch, Aristokraten und Arbeitern, Schauspielern und Publikum: Alle sind überwiegend nackt und frei wie im Paradies. Die Athener Jugend, dirigiert von einem betont lässigen Puck, tollt im Adamskostüm herum, ahmt Tierlaute nach, spielt Wahnsinn und Verzweiflung und liebt sich klassen- und geschlechtsübergreifend.

          Allerdings, wenn sie dann auch noch in den Saal ausschwärmt, um das Publikum mit Blumen und Schokolade zu mehr Schönheit, Empathie und Harmonie und weniger Scham zu ermuntern, kippt der Summer of Love in Hippiekitsch um. Es geht zu wie beim Guru im Tantra-Seminar: Löwen werden zahm, sanfte Hirschkühe wild, Erwachsene wieder Kinder, und aus dem alten Esel Zettel wird sogar ein flauschiger Stofftierphallus. Der Hof hat keinen Zutritt zum Sommerfest der Utopie, aber er sorgt dafür, dass am Ende alle wieder brav und lustlos zur Dreifachhochzeit antanzen.

          Marciniak ist für starke Bilder bekannt

          Das Spannungsverhältnis zwischen autoritärer Politik und Kunstfreiheit kennt Ewa Marciniak aus eigener Erfahrung. Vor zwei Jahren, nach dem Wahlsieg der rechtskonservativen PiS, forderten der neue Kultusministers Piotr Glinski und Demonstranten eines „Rosenkreuz-Kreuzzug für das Vaterland“ die Absetzung ihrer angeblich pornographischen Inszenierung von Elfriede Jelineks „Der Tod und das Mädchen“ am Breslauer Teatr Polski. Die Premiere war ein Erfolg, aber der Theaterskandal blieb nicht ohne Folgen: Das Teatr Polski hat jetzt einen neuen Intendanten, und Marciniak darf öfter im Ausland arbeiten.

          Eigentlich ist sie mehr für ihre starken Bilder und ihr sinnliches Körpertheater als für Provokationen bekannt geworden. Das zeigt auch ihr deutsches Theaterdebüt in Freiburg: Es gibt zwar viel nackte Haut und dunkle Lust zu sehen, Shakespeares Zauberwald glitzert, wie einst bei Max Reinhardt, in vielen Farben und Facetten. Aber es ist kein böses, animalisch wildes oder gar pornographisches Treiben, sondern ein Renaissancegemälde voller Grazie, Schönheit und gebändigter Leidenschaft, angereichert mit viel Musik, Pantomime, Tanztheater und gereimten Textergänzungen.

          Die Kostüme und das Bühnenbild von Katarzyna Borkowska sind ein Traum: In einer gemalten Ideallandschaft schwimmen drei Rieselmuscheln, die mal als verschlossene Austern, mal als Bettstatt sexueller Verirrungen dienen. Botticellis „Geburt der Venus“ wird mit allen Wolkenschiebern und geflügelten Halbgöttern nachgestellt. Als schaumgeborene Aphrodite erscheint Titania, bei Janna Horstmann eine starke Frau, die Oberon und Puck lange Widerstand leistet und am Ende doch resigniert. Die Klügere gibt nach und lässt die Männer hecheln, befehlen und toben. Marciniak und ihr weibliches Regieteam führen nicht nur polnische Kulturkreuzzügler, sondern auch das Patriarchat schlechthin am Nasenring durch die schlüpfrige Arena.

          Der Gipfel von Carps Welttheater

          Der neue Freiburger Intendant Peter Carp will seinem Haus eine dezidiert internationale Handschrift verpassen. Seine Vorgängerin Barbara Mundel positionierte das Freiburger Theater selbstbewusst als „Heart of the City“, vergaß aber vor lauter Workshops, Projekten und Diskursen das Publikum mit großen Theatererlebnissen in der Gegenwart zu bewirten. Carp setzt nun auf die Neugier der Freiburger, auf „Menschen“ und ihre Erzählungen: Sein Theater soll ein „Weltempfänger“ ohne dezidiertes Sendungsbewusstsein werden. Getanzte Theorieseminare wird man bei ihm eher nicht zu sehen bekommen; schließlich hat er im armen Oberhausen Demut gelernt, und das kommt auch in der Wohlfühlmetropole Freiburg gut an.

          International war Carps Start jedenfalls. Zum Saisonauftakt überschrieb der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani Tschechows „Kirschgarten“ mit den Problemen einer globalisierten Postmoderne, in der man die Verfahren von Aus- und Einschluss, Erbe und Erneuerung an Whatsapp-Gruppen, Club-Türstehern und Kokslinien nachbuchstabiert. Es gab außerdem: ein politisch korrektes Doku-Drama aus Afrika („Crudeland“), eine schöne, holländisch nüchterne Interpretation von Strindbergs „Totentanz“, eine charmant verquaste französische Baustellenvariante von „Hoffmanns Erzählungen“, eine schrille belgische „Lulu“ und eine spanische Wiederentdeckung von Kurt Weills „Love Life“ als schmissige Antikapitalismus-Revue.

          Marciniaks polnischer „Sommernachtstraum“ ist der bisherige Gipfel von Carps Welttheaters, auch wenn er am Ende ein wenig schwächelt. Die traumhaften Bilder, die ihr Geheimnis nicht gleich preisgeben, offenbaren sich nach der Pause als selbstreflexives Geplänkel und „plumpes Spiel“ mit doppeltem Boden. Die als Laien verkleideten Profidarsteller, die schon vor Beginn ihrer Castingshow Pralinen verteilten, fordern jetzt die Zuschauer inständig zum Mitmachen auf: beim großen Prozess-Projekt der Weltverbesserung durch Kunst.

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