Home
http://www.faz.net/-gqz-752bm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Shakespeares „Coriolanus“ in Berlin Der Irrweg nach Rom

William Shakespeares „Coriolanus“ ist ein schwieriges Stück, das Fragen aufwirft. Dachte man zumindest bisher. Im Deutschen Theater ist aus der Tragödie jedoch ein schlimmes Trauerspiel geworden.

© Arno Declair Ein Trauerspiel: Natalia Belitski, Susanne Wolff und Judith Hofmann

In William Shakespeares Drama „Coriolanus“ geht es um den komplizierten Zusammenhang zwischen Hunger und Käuflichkeit, Eltern und Kindern, Volk und Regierung, Macht und Politik, Krieg und Frieden. Es ist ein sehr schwieriges Stück; wer sich damit beschäftigt, muss gute Gründe und einen langen Atem haben. Und es ist ein Stück, das Fragen aufwirft. Dachte man zumindest bisher.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist „Coriolanus“ allerdings überhaupt nicht mehr schwierig, sondern zur empörenden Banalität geschrumpft, und es wirft auch nur noch eine einzige, dafür um so drängendere Frage auf: Warum bloß hat Rafael Sanchez das Stück zu inszenieren versucht? Sie wird in den zwei Stunden der Aufführung, die sich ohne jede Idee, Inspiration und Leidenschaft in die Länge ziehen, nicht im entferntesten beantwortet. Aus der Tragödie des „Coriolanus“ ist hier ein schlimmes Trauerspiel geworden.

Dabei möchte es der Schweizer Regisseur doch gern lustig haben: Er hat ein Ensemble aus fünf Frauen versammelt, die im fliegenden Wechsel sämtliche weiblichen und männlichen Rollen übernehmen. Er lässt sie am Anfang in schicken Ausgehklamotten durch den Zuschauersaal hereinspazieren und zu herziger Partymusik tanzen. Sie lachen und scherzen und schmeißen die gestiefelten Beine vergnügt durch die Luft. Was immer sie uns auf diese Art zeigen wollen - unübersehbar ist lediglich, dass es sich um reine Verlegenheitsgesten handelt. Die werden zwar später äußerlich modifiziert, verlieren aber nie ihren Charakter von Zufälligkeit und Scham.

Arrogant, dreist und überflüssig

Gespielt wird auf dem schmalen Streifen vor einer Wand aus mehr als fünfhundert quadratischen Kästchen, von denen einige beim Öffnen Requisiten enthalten, während sich andere wie Balken herausschieben lassen, über die man in die Höhe steigen kann (Bühne: Simeon Meier). Folglich klettern die Darstellerinnen in ihren diversen Mehrfachrollen tüchtig hinauf und hinunter, setzen sich Schnurrbärte und Perücken auf, machen extrem verspannt auf intrigante Politiker, empörte Bürger, feindliche Angreifer, Soldaten, Diener, Volk. Sie singen und begleiten sich pantomimisch auf dem Schlagzeug oder mit dem Fagott. In ihrer Not, in die sie die Abwesenheit jedweder Regie gebracht hat, fangen sie schließlich sogar an, Tiere nachzuahmen, seltsame Geräusche von sich zu geben oder gleich auf allen vieren auf den Hund zu kommen.

Mehr zum Thema

Judith Hofmann schlüpft in die Lederjacke des römischen Kriegshelden Coriolanus, der fürs ortsansässige Volk nichts übrig hat, weshalb er trotz seiner Verdienste verbannt wird, zum Gegner überläuft und mit ihm die Heimat angreift. Sie ist ebenso wenig zu beneiden wie Susanne Wolff als Coriolanus’ ziemlich junge Mutter, die ihn zum Einlenken überredet, Natalia Belitski als seine Ehefrau, Barbara Heynen als sein bester Freund und Jutta Wachowiak als sein wesentlich älterer Todfeind Aufidius. Denn sie können wie die ganze pathetische Musik, die aufwendigen Filmeinblendungen und abgedroschenen Spiel- und Sporteskapaden nicht über gähnende Leere und arrogante Dreistigkeit dieser überflüssigen Veranstaltung hinwegtäuschen. Alle Wege führen nach Rom? Oh nein, dieser nicht!

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fatima Grimm Eine der Ersten in Deutschland

Ihr Vater war ein belasteter Mann, der SS-Obergruppenführer Karl Wolff, unter dessen Taten sie schon als junge Frau gelitten hatte. Offenkundig war die Welt des Islams fremd und fremdartig genug, um der 1934 geborenen Helga Wolff als Antidot zu dienen - als Weg, eigenständig zu werden. Mehr Von Wolfgang Günter Lerch

18.08.2015, 10:55 Uhr | Politik
Flugzeugunglück Die schwierige Aufgabe der Seelsorger

Alle Beteiligten versuchen ihren eigenen Weg des Umgangs mit dieser Tragödie zu finden. Am Düsseldorfer Flughafen standen nach Bekanntwerden des Unglücks sofort Seelsorger bereit. Mehr

27.03.2015, 14:19 Uhr | Gesellschaft
Manchester Norwegische Konzertpianistin ermordet

Sie füllte Konzertsäle in aller Welt: Jetzt wurde die bekannte norwegische Konzertpianistin Natalia Strelchenko in ihrem Haus in Manchester ermordet aufgefunden. Mehr

01.09.2015, 10:31 Uhr | Gesellschaft
Piratenschatz Käpt’n Kidds Blei und Molenschrott

Der vermeintlich gefundene Schatz des berüchtigten Piratenkapitäns William Kidd vor Madagaskar besteht nach Angaben der UNESCO aus einem Bleigewicht, das vermeintliche Schiffswrack ist Molenschrott. Mehr

16.07.2015, 14:52 Uhr | Gesellschaft
Serena Williams bei US Open Die Chance auf den heiligen Gral

Serena Williams jagt den Grand Slam und den Rekord von Steffi Graf. Doch beweisen muss die Amerikanerin niemandem mehr etwas. Sie ist immer noch das Maß aller Dinge und hat das Tennis verändert. Mehr Von Peter Penders

31.08.2015, 15:10 Uhr | Sport

Veröffentlicht: 14.12.2012, 18:11 Uhr

Glosse

Terrorverdächtiges Archiv

Von Gina Thomas

Gut beraten? Trotz Forschungswert nimmt die British Library ein Archiv zum Taliban-Regime nicht in seinen Bestand auf: Es verstößt gegen das Anti-Terror-Gesetz. Mehr 0