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Shakespeares „Coriolanus“ in Berlin Der Irrweg nach Rom

William Shakespeares „Coriolanus“ ist ein schwieriges Stück, das Fragen aufwirft. Dachte man zumindest bisher. Im Deutschen Theater ist aus der Tragödie jedoch ein schlimmes Trauerspiel geworden.

© Arno Declair Vergrößern Ein Trauerspiel: Natalia Belitski, Susanne Wolff und Judith Hofmann

In William Shakespeares Drama „Coriolanus“ geht es um den komplizierten Zusammenhang zwischen Hunger und Käuflichkeit, Eltern und Kindern, Volk und Regierung, Macht und Politik, Krieg und Frieden. Es ist ein sehr schwieriges Stück; wer sich damit beschäftigt, muss gute Gründe und einen langen Atem haben. Und es ist ein Stück, das Fragen aufwirft. Dachte man zumindest bisher.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist „Coriolanus“ allerdings überhaupt nicht mehr schwierig, sondern zur empörenden Banalität geschrumpft, und es wirft auch nur noch eine einzige, dafür um so drängendere Frage auf: Warum bloß hat Rafael Sanchez das Stück zu inszenieren versucht? Sie wird in den zwei Stunden der Aufführung, die sich ohne jede Idee, Inspiration und Leidenschaft in die Länge ziehen, nicht im entferntesten beantwortet. Aus der Tragödie des „Coriolanus“ ist hier ein schlimmes Trauerspiel geworden.

Dabei möchte es der Schweizer Regisseur doch gern lustig haben: Er hat ein Ensemble aus fünf Frauen versammelt, die im fliegenden Wechsel sämtliche weiblichen und männlichen Rollen übernehmen. Er lässt sie am Anfang in schicken Ausgehklamotten durch den Zuschauersaal hereinspazieren und zu herziger Partymusik tanzen. Sie lachen und scherzen und schmeißen die gestiefelten Beine vergnügt durch die Luft. Was immer sie uns auf diese Art zeigen wollen - unübersehbar ist lediglich, dass es sich um reine Verlegenheitsgesten handelt. Die werden zwar später äußerlich modifiziert, verlieren aber nie ihren Charakter von Zufälligkeit und Scham.

Arrogant, dreist und überflüssig

Gespielt wird auf dem schmalen Streifen vor einer Wand aus mehr als fünfhundert quadratischen Kästchen, von denen einige beim Öffnen Requisiten enthalten, während sich andere wie Balken herausschieben lassen, über die man in die Höhe steigen kann (Bühne: Simeon Meier). Folglich klettern die Darstellerinnen in ihren diversen Mehrfachrollen tüchtig hinauf und hinunter, setzen sich Schnurrbärte und Perücken auf, machen extrem verspannt auf intrigante Politiker, empörte Bürger, feindliche Angreifer, Soldaten, Diener, Volk. Sie singen und begleiten sich pantomimisch auf dem Schlagzeug oder mit dem Fagott. In ihrer Not, in die sie die Abwesenheit jedweder Regie gebracht hat, fangen sie schließlich sogar an, Tiere nachzuahmen, seltsame Geräusche von sich zu geben oder gleich auf allen vieren auf den Hund zu kommen.

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Judith Hofmann schlüpft in die Lederjacke des römischen Kriegshelden Coriolanus, der fürs ortsansässige Volk nichts übrig hat, weshalb er trotz seiner Verdienste verbannt wird, zum Gegner überläuft und mit ihm die Heimat angreift. Sie ist ebenso wenig zu beneiden wie Susanne Wolff als Coriolanus’ ziemlich junge Mutter, die ihn zum Einlenken überredet, Natalia Belitski als seine Ehefrau, Barbara Heynen als sein bester Freund und Jutta Wachowiak als sein wesentlich älterer Todfeind Aufidius. Denn sie können wie die ganze pathetische Musik, die aufwendigen Filmeinblendungen und abgedroschenen Spiel- und Sporteskapaden nicht über gähnende Leere und arrogante Dreistigkeit dieser überflüssigen Veranstaltung hinwegtäuschen. Alle Wege führen nach Rom? Oh nein, dieser nicht!

Quelle: F.A.Z.

 
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