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Shakespeare in München Sommernachtsabschaum

 ·  Shakespeares tollste Komödie wird unter Michael Thalheimers Regiedampfwalze in München zu einer Horrorschau aus Blut und Hoden, Irrsinn und Gewalt. Also eine ganz und gar konventionelle Inszenierung.

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© Matthias Horn Regisseur Michael Thalheimer hasst Komödien: Michele Cuciuffo und Andrea Wenzl im düsteren Widerstand

Irgendwann, es muss vor ungefähr vierzig Jahren gewesen sein, hat man auf den Theatern dem „Sommernachtstraum“ des William Shakespeare den Sommer wie den Traum ausgetrieben. Denn was ist denn, wenn Theseus, der Herzog von Athen, um Hippolyta, die Königin der Amazonen, mit Waffengewalt freite, um sie jetzt mit Pomp und Festlichkeiten zu ehelichen? Wenn Oberon, der König der Elfen, mit Titania, der Königin der Elfen, um einen Inderknaben streitet, den sie behüten, er ihn aber sich zu seiner Lust „auf der Jagd“ reservieren möchte? Wenn der junge Demetrius die Hermia, diese aber den Lysander, diesen aber wiederum die Helena liebt, die keiner liebt, und Hermia zur Hochzeit mit Demetrius gezwungen werden soll? Wenn im Wald am Johannistag zur Sommersonnenwende alles spukt und elft und flirrt und tobt und sich umstürzt? Wenn Titania durch einen Zaubersaft, ihr aufs schlafende Auge geträufelt, sich einem Esel hingibt, in den Oberons Zaubergeselle Puck den Handwerker Zettel verwandelt hat, der mit seinen Kollegen im Wald eine unsäglich komische Tragödie probt, die sie zur Hochzeit des Herzog aufführen wollen? Wenn durch ebenjenen elfischen Zaubersaft die jungen, in den Wald geflohenen Liebenden durcheinanderkommen und begehrensmäßig über Kreuz geraten, Demetrius wie Lysander sich auf Helena stürzen und Hermia wegwerfen wie einen nassen Lappen?

Muss man dann nicht in dieser scheinbar heiteren, hellen, huschend spukenden Komödie, die sozusagen in übersinnlich grell strahlendem C-Dur die Sinne durcheinanderwirbelt, nicht dunklere, düstere Töne hören: g-Moll mit d-Moll-Sforzato-Launen? Sind denn da nicht höhere und niedere Gewalt, brutale Herrschaft, Triebunterdrückung und Triebabfuhr im tollen, bösen Spiel? Doch, sie sind’s. Und wird, wer nur neckische Elfen im flauschigen Tütü auf Mondstrahlen entlangtaumeln lässt und mit „Simsalabim!“ und „Bäumchen wechsle dich!“ die Liebe und ihre Verkehrungen folgenlos sich folgen lässt und wie mit einem luftigen Mechanismus ein- und ausschaltet, der Tragödie in der Komödie gerecht? Er wird’s nicht.

Ein Regisseur für Tragödien

Das ist seit ungefähr vierzig Jahren Standard. Als eine fortdauernde Entdeckung. Von damals. „Sommernachtstraum“ - bitte recht düster. Gewalttätig. Pervers. Hübsch hässlich. Das ist die Konvention. Seit vierzig Jahren. Damals, als düsterer Widerstand gegen eine alte, neckisch heitere Konvention erfunden, die in Frage stand. Die aber heute längst fraglos gewordene Antikonvention von damals wird jetzt sozusagen als Superkonvention im Münchner Residenz Theater vom Regisseur Michael Thalheimer zelebriert. Gleichsam als die Hohe Schwarze Messe der Konvention. Thalheimer, ein großer Regisseur für große Tragödien (die kann er grandios, siehe zuletzt seine „Medea“ in Frankfurt), hasst große Komödien. Sie zertritt er und walzt sie nieder. Also kommt seinem Hass der „Sommernachtstraum“ gerade recht. Den er auf der Regiedampfwalze der Konvention plattmacht: völlig im Einklang mit der eisernen Tradition.

Für ihn ist das Stück ein Sommernachtsabschaum. Die Bühne Olaf Altmanns besteht aus einer hohen Doppelwand eiserner Walzen, zwischen denen die Figuren lustvoll zerrieben werden. Gleich zu Beginn versucht sich Hippolyta schreiend und kreischend da reinzuquetschen, wird aber von Theseus abgefangen, der sie niederringt und unter Aufbietung aller Keuch-, Stöhn- und Unterleibskünste vergewaltigt. Diese beiden sind dann auch Oberon und Titania. Sibylle Canonica: ganz Hysterie und Panik; Götz Schulte: ganz Wahnsinn und Geilheit, die arme, irre Sau, die wie angestochen blutüberströmt dorthinrennt, wohin ihr Schwanz sie zwingt. Es ist, als peitsche und prügele eine Art Chefdramaturg namens Sexus aus der Kulisse nicht nur auf sie, sondern aufs ganze übrige Personal ein - und sie winden sich in masochistischem Gezucke, das bei Männlein wie Weiblein der Devise folgt: Orgasmus sofort! Onanie en masse! Lauter Unterleibhaftige in trüb wichsendem Aufruhr.

Begrapschen, bezüngeln und befummeln

Der falstaffmäßige halbnackte Wabbel-Puck, den Oliver Nägele gibt, beträufelt die Augen der schlafenden Liebenden weniger mit dem Zaubersaft, mehr mit seinem Ejakulat. Demetrius wie Lysander präsentieren den Mädels wie dem Publikum als blutbeschmierte nackte Rampensäue in den Schmächtigkeitskörpern von Norman Hacker und Michele Cuciuffo stundenlang ihr Pimmelreich, dem sie verrückt hechelnd und hündisch winselnd gerne auch handreichend die Opfergaben des Königs Onan darbringen. Helena wird von den theaterprobenden Handwerkern, die ihre spritzenden Bierdosen masturbieren, sofort vergewaltigt, was die Strumpfhosenschlampe, als die Britta Hammelstein sie ordinär nöhlend darbietet, ebenso nahelegt wie die Strumpfhosenschlampe der Hermia, die in Gestalt von Andrea Wenzl als geil-dummes Herbheitstrutscherl alb- und abschaumtraumgerecht nicht nur die Beine für Bäume breit macht, sondern sich von allen möglichen Herren (Oberon und Puck auch dabei) begrapschen, bezüngeln und befummeln lässt. Und Zettel der Weber trägt, wie Markus Hering ihn als theater- und rollengeilen Selbstdarsteller gibt, als Esel in Titanias Armen keine langen Ohren, dafür ein langes Geweih als baumelndes Gemächt.

Und weil da kein Ton herauskommt, der nicht gebrüllt, keine Geste sich zeigt, die nicht gewalttätig, keine Szene geformt wird, die nicht völlig geisteskrank geriete, jede Liebe sofort zu angeekelter Liebäh!, jedes Gefühl zu Gewalt, jede Sehnsucht zu Terror, jedes Begehren zu Horror wird und auch die Handwerker ihr Blödsinnspiel von „Pyramus und Thisbe“ zu einer Art Lustmörderei aufblasen - fragt man sich doch: Ob nicht die Herstellung eines Hellen, Heiteren, Übersinnlichen, Schönen, C-Dur-Tollen erst die Voraussetzung wäre, um das Düstere, das g-Moll-Finstere in Shakespeares Komödie zu spüren? Ob nicht das dauernde konventionelle, eilfertige Kopfnicken zu Blut und Hoden, Sex und Horror nicht den Kopf dazu bringen könnte, irgendwann mit dem Kinn lange weilend auf dem Brustkorb einzuschlafen? Ob es nicht an der Zeit wäre, mit diesem ganzen, immer nur sich selbst bestätigenden öden, eingesauten und mit allen Erd- und Ausscheidungsfarben beschmierten Schwachsinn fertig zu sein?

Ob es nicht auch mal wieder an der Zeit wäre für eine neue Entdeckung? Den „Sommernachtstraum“ samt Sommer und Traum und Zauber - und Düsternis. Und alles zusammen als Geheimnis. Als Fest. Als Komödie. In Abgründen funkelnd. In Funken abgrundsprühend. Der alte Quark, den Thalheimer hier noch einmal anrührt, hat gründlich ausgestunken. Die Konvention darf endlich aufs Altenteil geschickt werden. Beifall für die Schauspieler. Buhs für den Regisseur. Na, bitte.

Die nächsten Vorstellungen werden am Mittwoch, den 20. Juni, am darauffolgenden Mittwoch, den 27. Juni, sowie am Samstag, den 30. Juni, jeweils um 19:30 Uhr im Residenztheater in München gespielt.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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