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Shakespeare am Schauspiel Frankfurt Verjuxt und zugenäht

16.01.2012 ·  Schwerer Verdacht: Shakespeare war ein schwuler Antisemit. Jedenfalls so, wie Barrie Kosky den „Kaufmann von Venedig“ im Schauspiel Frankfurt inszeniert. Dort stellen sich nun einige Fragen.

Von Gerhard Stadelmaier
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© Schauspiel Frankfurt Wolfgang Michael als Shylock: sonst ein wunderbarer Melancholiedarsteller, hier missgelaunt in die antisemitische Ecke zurückgeifernd

Die Aufführung des „Kaufmanns von Venedig“, einer Komödie William Shakespeares aus dem Jahr 1595, beginnt im Schauspiel Frankfurt um halb acht: mit einer Beschneidung. Dem unter einem bühnenhohen Vorhang liegenden alten Juden Shylock, von dem nur die nackten Füße zu sehen sind, wird von einem eleganten Juden im gut geschnittenen Straßenanzug (samt Edelkippa) die Vorhaut abgeschnitten, die ein gewaltiger Penis liefert, der aus dem Vorhang hervorgeholt wird. Aber wieso werden Juden neuerdings erst im Alter beschnitten und nicht, wie das mosaische Gesetz es will, ein paar Tage nach der Geburt?

Aber offenbar will Shylock erst ins Gesetz hinein. Denn der elegante Jude, der sich später als Tubal, Freund des Shylock, herausstellt, liest aus der blutigen Vorhaut, naturgemäß videoverstärkt, Franz Kafkas Prosastück „Vor dem Gesetz“. Dann singt Tubal das „Sch’ma Jisrael“ (Höre Israel), den Beginn des jüdischen Glaubensbekenntnisses. Man kann sich fünf nach halb acht schon ganz viel dabei denken. Man kann es aber auch bleiben lassen.

Die Aufführung endet gegen elf Uhr in der Nacht: mit einer Nähnummer. Denn nach einer peinlichen Gerichtsverhandlung, bei der Shylock seinem christlichen Schuldner Antonio, weil dieser dreitausend Dukaten nicht zurückzahlen konnte wie auf dem Schuldschein vereinbart, ein Pfund Fleisch „nahe dem Herzen“ herausschneiden wollte, wobei ihm die christlichen Venezianer mit einem Trick das schon gezückte Messer aus der Hand schlagen: Ja, bitte, schneid’ nur zu, Jud’, aber bitte kein Tröpfchen Blut!, sonst bist du des Todes, das Tröpfchen Blut steht nicht im Schuldschein! - kommt es zur Zwangstaufe des gedemütigten und seines Vermögens beraubten Juden. Und so muss der Frankfurter Shylock die Vorhaut, die ihm gegen halb acht abgeschnitten ward und seitdem in einer Plastiktüte an der Bühnenwand baumelte, um elf Uhr sich selbst wieder annähen. Mit blutiger Unterhose, Zwirn und Nadel. Man kann sich jetzt gar nichts mehr denken, sollte es aber nicht bleiben lassen.

Gläsernes Showtablett statt lebendiger Bühnenwelt

Denn was aber war zwischen halb acht und elf? Eine fortgesetzte Beschneidung. Von Shakespeares Stück. Der Regisseur Barrie Kosky, ein Australier jüdischen Glaubens, designierter Intendant der Komischen Oper Berlin, der naturgemäß sonst immer Opern beschneidet und offenbar einen artigen jüdischen Selbsthass pflegt, den er zum Beispiel gerne mit jüdischen Zwergen oder Nutten in Wagner-Werken (samt Pappkartonsonderzug nach Auschwitz in der „Götterdämmerung“) garniert, macht den Juden Shylock dreieinhalb Stunden lang fertig. Nach allen Regeln der gehobenen Unterhaltungsindustrie.

Dazu schneidet er von Shakespeares Stück erst mal die Hälfte ab. Es ist die Hälfte, die den Frauen gehört. Portia, die schöne, eiskalte Erbin auf Belmont, der Gegenwelt Venedigs, die alle Freier, die das richtige Kästchen, in dem ihr Bildnis ist, nicht raten können, in Verbannung, Kastration und Tod schickt, diese Portia, die tolle, grausame Männerschacherin, ist gestrichen. Mitsamt ihrer Welt (der Hälfte des Stücks). Es ist, wie zuletzt immer im Schauspiel Frankfurt, aber überhaupt keine Welt zu erkennen. Sondern nur eine Art riesiges, gläsernes, von unten beleuchtetes rundes Showtablett, umgeben von einer hohen, dreigliedrigen, runden Holzgalerie.

Aufs Glastablett tritt eine gewisse Sophie aus Vitebsk, die bei Shakespeare nicht vorgesehen ist, hier aber in tiefdekolletierten Paillettenkleidern, Babyschleifen oder auch mit Federn auf dem Kopf und Engelsflügeln überm Po Stolzings Preislied aus den „Meistersingern“ oder den Hochzeitsmarsch aus dem „Lohengrin“ oder den „Rheingold“-Beginn verjiddelt und verswingt und verkabarettelt: musikalisches Hallodri-Parodie-Baisergebäck, von einer mitswingenden Dreiercombo begleitet. Dies alles ist die Beilage kultiviertester Barunterhaltung edelster, lockerster, sympathischster, bestangezogener Schwuler, eben der Kaufleute von Venedig. Die Entourage von Antonio.

Im Lokal „Zum fröhlichen Antisemiten“?

Man knufft und knutscht sich, ist bester Laune, tänzelt, macht dauernd Party. Selbst Ausfälle gegen den Juden kommen geschmackvoll und distinguiert daher. Auch wenn sie mal über die Stränge schlagen und eine Pappejudensau auf die Showfläche tragen oder mit jüdischen Riesenfratzenschwellköpfen sich in karnevalistischer Büberei versuchen, sah man bei einer Inszenierung des „Kaufmanns von Venedig“ noch nie so sympathische, so nette, reizende Christen. Selbst als Dr. Martin Luther (der bei Shakespeare auch nicht vorgesehen ist) auftritt und gefühlte Stunden lang aus seinen antisemitischen Vernichtungsschriften zitiert (Juden bitte sofort alle verbrennen!), selbst dieser von der Regie irgendwie alibimäßig herbeigezwungene Holzhammerantisemit und evangelisch-theologische Menschenhasspapst von 1543 findet in Gestalt des wohlgebildeten und sanft und geschmackvoll artikulierenden Schauspielers Peter Schröder in dieser Aufführung immer noch seinen wohlgerechtfertigten Amboss. Diesen Juden nämlich.

Wolfgang Michael, sonst ein wunderbarer Schauspieler tiefgefühlter weltgeekelter Melancholien, setzt den Juden Shylock in eine derart misslaunige, böse, verkrampft-dumpfe, Pistazienkerne spuckende Semitenecke, dass um sie herum die lustigen guten Arier ihren Liebesspielen und ihren anständigen, schwulenbedingten (Ach, der arme, liebe Junge braucht halt Geld!) Schuldenmachereien besten Gewissens nachgehen können. Dass Bassanio, der Geliebte des Antonio, um den sich der Kaufmann so bös verschuldet, ein eiskalter Mitgiftjäger ist, der sich die reiche Portia angeln will, kommt hier nicht nur mangels Portia nicht zum Tragen, sondern auch deswegen, weil Christoph Pütthoff den Christenschwengel ganz naiv und ungebrochen liebenswürdig über die Showtanzfläche des Nachtlokals daherschlenzt, das hier den Namen „Zum fröhlichen Antisemiten“ tragen könnte, wo man die schönsten jiddisch verjazzten Wagner-Verhohnepipelungen-Songs toleranzschlau gleich mitliefert.

In einem zweifelhaften Zustand

Michael Goldberg wird als Antonio immer diskreter, duldsamer, leiser und leidender; ein sanfter Heiland, der sich um der Liebe willen an jedes schwule Kreuz nageln lassen würde. Wolfgang Michael als Shylock wird dagegen immer böser, geifernder, krampfiger, menschen- und christenverachtender, armfuchtelnd und fingerstechend. So wird aus Shakespeares großer Komödie, in der ein Mensch (Shylock) wenigstens mit einem absurd ausgehandelten Schuldstück Fleisch die Schuldnähe zu einem anderen Menschen (Antonio) sucht, der ihn hasst und bespeit - hier ein schwules antisemitisches Machwerk. In dümmlichst bonbonbunter Mise-en-scène. Die Frankfurter Schauspieler sind wie immer: ansehbar, nett, aber völlig gedankenfrei. Und wie zuletzt bei den Tiefgaragen-“Räubern“ oder dem Modenschau-“Hamlet“ sind sie von aller Welt und Gesellschaft, und guten Geistern sowieso, verlassen.

Es stellen sich jetzt doch ein paar Fragen an das Frankfurter Haus. Gibt es dort keinen Intendanten, der seinen regieführenden Leuten mal sagen würde: Kinder, seid ihr noch bei Trost? Oder eine Dramaturgie, die, außer ein paar Wohlfühl-Saison-Pseudokonzeptphrasen à la „Haben und Sein“ plakativ zu verzapfen, auf Stücke und Figuren inhaltliche Gedanken verschwenden würde? Das Haus, das vor zwei Jahren so vielversprechend wieder begann, befindet sich im Zustand verbrezelt-verjuxter Beliebigkeiten. Und das Publikum? Beifall für die Schauspieler. Buhs für den Regisseur. Immerhin.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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