Home
http://www.faz.net/-gs3-9mp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schwangerer Hitler in Peking Wenn das der Mao wüsste!

28.06.2011 ·  Seine Schwangerschaft stellt sich am Ende als Blähung heraus, die bloß einen Furz gebärt: Ein merkwürdiges Theaterstück und eine noch merkwürdigere Folklore machen in Peking aus Hitler eine phantastische Gestalt.

Von Mark Siemons, Peking
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Hitler als Taichi-praktizierender chinesischer Rentner mit dem Vogelkäfig an der Hand, Hitler beim Rock ’n’ Roll mit Eva Braun, Hitler schwanger: All das ist im Pekinger „Pionier-Theater des Ostens“ unweit der zentralen Einkaufsmeile Wangfujing zu sehen, aufgeführt von Meng Jinghui, einem der bekanntesten Bühnenregisseure Chinas. Doch zur Annahme, dass Peking jetzt die Berliner Volksbühne in punkto subversivem Trash womöglich überholt, besteht kein Anlass. Hitler kommt in Mengs jüngstem Stück „Hitlers Bauch“ als historische Gestalt nämlich eigentlich gar nicht vor; von Ideologie und Verbrechen ist hier überhaupt keine Rede. Es geht bloß um sein Logo – den Schattenriss mit Haartolle und Bärtchen, dessen Projektion das Bühnenbild abgibt, die Uniform, das Rumgebrülle –, und vor dieser Folie werden dann launige Scherze mit der chinesischen Gegenwart getrieben: Hitler als kurioser Ausländer, den immerhin jeder kennt.

Bevor der Stehgreif-Komödiant Liu Xiao Ye die Bühne betritt, werden Filme von Luftangriffen auf Berlin gezeigt, und zwei junge Männer verlesen Nachrichten aus den letzten Tagen des Weltkriegs. Doch dann kommt der Entertainer und sagt: „Nehmt das jetzt nicht so ernst, ich will mich nur mit euch unterhalten“. Bald hat er das Publikum – junge Angestellte in sommerlicher Garderobe – so weit, dass es sich vor Lachen schüttelt über seine Alltagsfrotzeleien („Alles ist heute stabil, die Wirtschaft ist stabil, die Preise sind stabil, am stabilsten aber sind die Gehälter“). Es ist alles so wie immer im traditionellen Pekinger Improvisationstheater, doch dann wird der Conférencier plötzlich zu Hitler: Er schlüpft in eine Uniform, ruft auf Deutsch irgendeinen Parteitag aus und lässt sich von zwei jungen Tänzern den Hitlergruß entbieten. Später schlüpft der Komödiant auch noch in das Kostüm Charlie Chaplins, der in diesem Stück von Hitler nach dem Film „Der große Diktator“ in den Führerbunker eingeladen wird und ihm dort Zukunftsszenarien vorspielt, die alle im Selbstmord enden. Zwei metrosexuelle Wehrmachtsoldaten ziehen in eine Schlacht, die eher einem Liebesreigen gleicht, zwischendurch immer wieder Tanzeinlagen, und Hitlers Schwangerschaft stellt sich am Ende als Blähung heraus, die bloß einen Furz gebärt. Vor dem Suizid bittet Hitler seine Getreuen, ihn den Chinesen als Schweinefleisch zu verkaufen.

Die Weltmacht mit China teilen

Der Autor bezeichnet das alles als Groteske, als eine Persiflage auf die Geschichte, und vielleicht spielt ja sogar der Versuch eine Rolle, sich im historischen Gewand über die eigene diktatorische Gegenwart lustig zu machen. Doch das Niveau, auf dem die Geschichte da als Vorlage benutzt wird, ist so fernab jeglicher Analyse und Kritik, dass man sich unweigerlich fragt: Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, dass sich im Peking des Jahres 2011 ein in intellektuellen Kreisen angesehener Regisseur in solcher Weise der Welt des zwanzigsten Jahrhunderts nähert, und wie ist es möglich, dass weder in diesen Kreisen noch andernorts irgendjemand etwas dabei zu finden scheint?

Die Antwort dürfte damit zu tun haben, dass Hitler in China auch sonst eine ziemlich irreale Figur ist. Kürzlich erregte ein Eintrag in „Kaixin“, dem chinesischen Facebook, Aufsehen, der behauptete, Hitler sei in Wien von einer chinesischen Familie großgezogen worden. Als Konsequenz habe Hitler zeitlebens Dankbarkeit und Bewunderung für das chinesische Volk bewahrt, und sein letztes Ziel sei gewesen, nach dem Krieg die Weltmacht mit China zu teilen. Nicht weniger als vierzigtausend Kommentare zog dieser Unsinn auf sich; 4,6 Prozent davon bezeichneten Hitler als einen Helden, und dass er von Chinesen aufgezogen wurde, hielten sogar 38,8 Prozent für eine Tatsache.

„War Hitler ein großer Mensch?“

Natürlich hegt das Geschichtsbild der Kommunistischen Partei keine Sympathien für den deutschen Nationalsozialismus; eine seiner Standardideen ist vielmehr gerade, dem japanischen Revisionismus das Vorbild der bundesrepublikanischen Vergangenheitsbewältigung gegenüberzustellen. Doch zu den Kollateralschäden der nationalen Propaganda scheint zu gehören, dass ihre rein funktionale Moral- und Politikbetrachtung Raum lässt für eine Folklore, die der offiziellen Ideologie eigentlich entgegengesetzt ist. Viele deutsche China-Reisende haben zumal auf dem Land schon die irritierende Erfahrung gemacht, dass sie mit dem Hitler-Gruß konfrontiert wurden – als Zeichen des Wohlwollens wohlgemerkt, nicht der Kritik.

Unwissenheit mischt sich da mit einem rüden Geschichtsdarwinismus, dem Beeindrucktsein, dass da jemand sein Land so stark gemacht habe, dass alle vor ihm zittern. Im Internetforum „Baidu Zhidao“ wird ausdauernd die Frage erörtert: „War Hitler ein großer Mensch?“ Viele Antworten lassen einem den Atem stocken, mit welcher Kaltschnäuzigkeit die schiere Macht da alles andere zu relativieren scheint: „Sieger werden geachtet, Besiegte sind Verbrecher“, schreibt einer. „Hätte er die Welt vereinigt, wäre er der größte Sieger der Geschichte.“

Fast schon wie eine Oppositionsveranstaltung

Hitler erscheint da wie ein Widergänger von Chinas Erstem Kaiser, dessen unbestrittene Grausamkeit von manch einem – nicht zuletzt von Mao – damit gerechtfertigt wird, dass er immerhin das Reich vereinigt habe. Auch sonst hat man den Eindruck, dass Hitler weniger als historische Wirklichkeit wahrgenommen wird denn als bloßer Reflex chinesischer Themen, insbesondere der von der Partei vertretenen Priorität, die Nation nach den Demütigungen des neunzehnten Jahrhunderts wieder groß zu machen.

Nicht Hitler sei schuld am Weltkrieg gewesen, meint ein Diskussionsteilnehmer denn auch im Internet, sondern der Versailler Vertrag. Der Versailler Vertrag, der eine frühere deutsche Kolonie nicht China zurückgab, sondern Japan zusprach und so zum Ausgangspunkt der nationalen Wiedererweckungsbewegung wurde, scheint das Bindeglied zwischen realem Hitler und der Stellvertreterrolle zu sein, die er in den absurden Phantasien mancher Chinesen heute spielt.

Ansonsten trägt das propagandistische Prinzip, die Moral wechselnden Kampagnengegenständen zu unterwerfen, Früchte: So böse Hitler auch gewesen sein mag, schreibt ein Forumsteilnehmer, habe er doch die Umwelt geschützt, die Frauen respektiert, die Kunst geliebt und die Philosophie geachtet. Da wundert es nicht, dass ein anderer bündig zusammenfasst: „Hitler ist genauso groß wie Mao – mehr Verdienste als Fehler.“ Unter diesen Vorzeichen nimmt sich die Kinderei im Theater fast schon wie eine Oppositionsveranstaltung aus.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3