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Billett aus Schwarzenberg (I) Die notwendige Illusion des wahren Ausdrucks

Ian Bostridge und Graham Johnson eröffnen die Schubertiade in Schwarzenberg, wo die entspannte Atmosphäre einer ganz selbstverständlich auf das Kanonische gerichteten Liebhaberei den Ton im Publikum angibt.

© F.A.Z.

Ist das Schubert? Nein, das Eröffnungskonzert der Schubertiade in Schwarzenberg beginnt mit einem Lied von Robert Schumann, „Dein Angesicht so lieb und schön“. Erst als Zugabe singt der englische Tenor Ian Bostridge, von Graham Johnson am Klavier begleitet, ein Schubert-Lied, „Du schönes Fischermädchen“ aus dem „Schwanengesang“. Die erste Schubertiade in Vorarlberg fand 1976 statt. Nach dem Plan des Baritons Hermann Prey sollten über zwölf Jahre sämtliche Werke Schuberts in chronologischer Reihe zur Aufführung gebracht werden. Wie das Schubert-Werkverzeichnis im diesjährigen Programmbuch dokumentiert, sind in 35 Jahren tatsächlich fast alle Werke Schuberts in Hohenems und Schwarzenberg dargeboten worden. Ausnahmen sind Rarissima wie das Lied des Sechzehnjährigen „Auf den Sieg der Deutschen“ nach einem unbekannten Dichter für Singstimme, zwei Violinen und Violoncello. Aber eine Gesamtaufführung in zeitlicher Folge war logistisch zu anspruchsvoll. Seit 1984 werden auch andere Komponisten in den Programmen der Schubertiade berücksichtigt.

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Bostridge und Johnson bieten eine Hälfte Schumann und eine Hälfte Brahms, von Schumann ausschließlich Heine-Vertonungen, vier Lieder von 1850/51 und den Liederkreis op. 24 von 1840. Im Foyer wird ein soeben bei Faber & Faber erschienenes Buch von Ian Bostridge verkauft, „A Singer's Notebook“. Es versammelt Rezensionen aus dem „Times Literary Supplement“, CD-Annotationen zur „Winterreise“ und zur „Schönen Müllerin“ sowie das Tagebuch, das der Sänger in den Jahren 2008 und 2009 für die neokonservative Londoner Zeitschrift „Standpoint“ führte. Das Titelfoto ist eine Schwarzweißfotografie in der Manier von Julia Margaret Cameron. Zerzaust wie ein viktorianisches Junggenie blickt Bostridge nach links aus dem Bild, gehüllt in einen dicken Mantel und in einen schweren Schal. Vorne zerfließt das Bild, dagegen treten die Konturen des Sängerkopfes scharf hervor, die hohen Wangenknochen, die gebogene Nase, die Augenhöhlenränder und die vorspringende Haartolle.

Worte aus Melodie

Die Rückseite des Buchumschlags schmückt das Gemälde eines im Lampenschein lesenden Mannes von Georg Friedrich Kersting von 1814. Der Dargestellte sitzt am Schreibtisch vor einer lindgrünen Tapete in einem blauen Hausmantel, hat den Kopf in die Hand gestützt und liest in einem dicken Buch. Der Kontrast könnte größer nicht sein zwischen diesen beiden Inszenierungen von Einsamkeit, dem pathetischen Starporträt und dem Biedermeier-Interieur. Auf den zweiten Blick sieht man, dass auch dem Büchermenschen Kerstings eine Haarwelle auf die Denkerstirn fällt. Die beiden Profile decken sich, sogar die Nase ist dieselbe. Nebeneinandergelegt ergeben Vorder- und Rückseite ein witziges Selbstporträt des Buchautors. Das Exzentrische seines unverkennbaren Gesangsstils, gibt Bostridge uns zu verstehen, ist Kehrseite und Ergebnis ruhigen Studiums.

In diesem Sinne deutet Bostridge in einer seiner Betrachtungen für „Standpoint“ eine Bemerkung Tolstois über das Singen in „Krieg und Frieden“ - fast möchte man sagen, er deutet die Passage aus dem siebten Buch um. Dort wird nämlich die Sangesweise der Bauern beschrieben, die „volle und naive Überzeugung, dass die ganze Bedeutung eines Liedes in den Worten liegt , dass die Melodie sich von selbst ergibt und dass außer den Worten keine Melodie da ist, die nur existiert, um den Worten den Takt vorzugeben“. Wenn der Sänger auf die Melodie gar nicht achtgebe, klinge sein Lied wie Vogelgesang. Die Verwirklichung dieses Ideals der reinen Natürlichkeit, erläutert nun Bostridge, verlangt vom Konzertsänger Technik und Kunst - im englischen „artifice“ klingt auch die List mit, der heimliche Aufwand, wie ihn die Hexen betrieben haben sollen, mit denen sich die Oxforder Doktorarbeit des Historikers Bostridge befasste.

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