Home
http://www.faz.net/-gqz-6zzp8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.05.2012, 19:21 Uhr

Schlingensiefs Afrika-Projekt Weit und breit keine Oper

Fast alle Bilder, die wir von Afrika kennen, haben wir gemacht. Das wollte Christoph Schlingensief ändern. Deshalb entsteht dort ein Dorf und bald auch ein Festspielhaus.

© ador Bei diesem Schild noch einmal rechts: Dann ist man im Operndorf

Burkina Faso ist eins der ärmsten Länder der Welt. Es liegt in Westafrika, nördlich von Ghana oder der Elfenbeinküste, die Lebenserwartung liegt für Männer bei 52, für Frauen bei 56 Jahren, fast drei Viertel der Bevölkerung können nicht lesen und schreiben. Das Auswärtige Amt rät derzeit bei Reisen in dieses Land zu erhöhter Vorsicht, da das Entführungsrisiko für Ausländer im an Mali grenzenden Norden gestiegen sei - die Hauptstadt, Ouagadougou, galt bisher als ziemlich sicher, sie scheint es aber nicht länger zu sein, doch dazu später mehr.

Johanna Adorján Folgen:

Dass Christoph Schlingensief ausgerechnet hier ein „Operndorf“ geplant hat, klingt zunächst absurd. Die Burkinabé, wie man die Bewohner nennt, benötigen sicher vieles dringender als Opern oder ein Festspielhaus, muss denken, wer nichts weiter über das Projekt weiß.

Ein Extralehrer für Kunst

Am vergangenen Wochenende war Horst Köhler, vorletzter Bundespräsident a. D., vor Ort, um sich zum ersten Mal persönlich ein Bild von dem Projekt zu machen, dessen Schirmherr er ist. Schlingensiefs Frau Aino Laberenz, die mit ihren 31 Jahren viel zu jung dafür wirkt, Witwe genannt zu werden, ist aus Berlin angereist. Zusammen mit dem Architekten des Projekts Francis Kéré, der aus Burkina Faso kommt, aber die Hälfte des Jahres in Deutschland lebt, wird sie Köhler durch das Operndorf führen, das sich noch im Bau befindet.

Es ist ein heißer Tag, vierzig Grad im Schatten, und Köhler und seine Entourage lassen auf sich warten. Zeit für erste Eindrücke.

Aino Laberenz © dpa Vergrößern Aino Laberenz auf dem Gelände

Das Operndorf befindet sich vierzig Autominuten nordöstlich von Ouagadougou, mitten auf dem Land. Ein Schild weist den Weg zum „Village Opéra“ (die offizielle Landessprache ist Französisch), über einen unbefestigten Weg erreicht man eine Ansammlung von roten Häusern, gebaut aus mit Zement angemischtem Lehm. Das größte Gebäude, ein langgezogener Bau, beherbergt eine Schule. Seit Oktober läuft der Unterricht. Fünfzig Grundschüler aus den umliegenden Dörfern und Gehöften, 25 Mädchen und 25 Jungen, lernen jetzt Schreiben und Lesen, Französisch und Rechnen, der Lehrplan entspricht den staatlichen Vorschriften; außerdem gibt es einen Extralehrer für Kunst.

Das Fundament ist gegossen

Weiter oberhalb auf dem leicht ansteigenden Gelände sind einige kleinere Gebäude. Kéré hat so gebaut, dass zwischen Grundmauern und Wellblechdach ein Freiraum bleibt, der für eine natürliche Lüftung sorgen soll - tatsächlich geht innerhalb der Häuser ein angenehmer, leichter Wind. Hier werden einmal Magazine und Werkstätten untergebracht sein, möglicherweise werden die Häuser auch bewohnt. Dahinter liegt die Kantine, ein Speisesaal mit angeschlossener Küche. Hier bereiten die Mütter der Schüler täglich eine warme Mahlzeit zu.

Einen Hügel hinab geht es zur aktuellen Baustelle: Hier entsteht eine Krankenstation. Sie ist wichtigster Bestandteil der zweiten Bauphase, in der sich das Projekt gerade befindet. Um keine Konkurrenz zu den Krankenhäusern der Umgebung darzustellen, soll dort nicht operiert werden; vorgesehen sind medizinische Erstversorgung und eine Geburtsstation. Das Fundament ist gegossen, die Bauarbeiten schreiten täglich voran. In Bauphase drei wird dann das Festspielhaus entstehen.

„Das Endergebnis ist offen“

Von jenem ist bislang nur zu sehen, dass es einen runden Grundriss bekommen wird, „ähnlich einem Schneckenhaus, so hat Christoph sich das ausgedacht“ - aber sollen dort allen Ernstes Opern aufgeführt werden, ein kleines Bayreuth mitten in der Savanne von Burkina Faso? Aino Laberenz schüttelt freundlich den Kopf.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Friedrichswerdersche Kirche Zerstörung mit Ansage

Die Friedrichswerdersche ist die einzige noch ganz erhaltene Schinkel-Kirche in Berlin. Bald ist sie voll hinter Luxusbauten verschwunden – und durch die Bauarbeiten vermutlich noch stärker beschädigt als ohnehin. Mehr

06.02.2016, 11:24 Uhr | Feuilleton
Viele Tote Islamisten-Angriff auf Hotel in Burkina Faso

Die Angreifer nahmen Geiseln und verschanzten sich in dem Hotel. Während eine Geiselnahme im bei Ausländern beliebten Hotel Splendid beendet werden konnte, haben die Islamisten offenbar ein neues Ziel ausgemacht. Mehr

17.01.2016, 18:41 Uhr | Politik
Weltbevölkerung Die Grenzen des Wachstums

Bald könnte es elf Milliarden Menschen geben. Aber das Wachstum der Weltbevölkerung verlangsamt sich schon. Und dann könnte sie auch ganz schnell wieder schrumpfen. Mehr Von Florentine Fritzen

31.01.2016, 16:43 Uhr | Politik
85. Academy Awards Zwei Oscars für Österreicher

Christoph Waltz wird als bester Nebendarsteller ausgezeichnet, Michael Hanekes Liebe als bester fremdsprachiger Film. Mehr

04.02.2016, 15:20 Uhr | Feuilleton
Millionen-Transfers Chinas Fußball im Kaufrausch

Die chinesischen Fußballvereine kaufen plötzlich ein, was der Transfermarkt hergibt. Die Summen sind dabei ziemlich hoch. Auch bekannte Spieler aus der Bundesliga standen im Fokus. Mehr Von Philipp Laberenz

04.02.2016, 10:49 Uhr | Sport
Glosse

Hochhackig

Von Kerstin Holm

Ob man damit ein neues Publikum anzieht? Zumindest bringt man das Publikum dazu, sich hohe Schuhe anzuziehen: In Moskau gewährt eine Galerie freien Eintritt für Absätze über zehn Zentimetern. Mehr 6

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“