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„Don Giovanni“ in der Ostukraine : Schlag mich doch, Geliebter

Und sie liebt ihn doch: Jasmin Etezadzadeh als Donna Elvira (Mitte) verzeiht Janis Apeinis als Don Giovanni alles. Bild: Stefan Volk

Im Land der unerfüllten Frauenwünsche: Eine deutsch-ukrainische Produktion von Mozarts „Don Giovanni“ durchbricht im ostukrainischen Krisengebiet soziale Mauern.

          Don Giovanni, Mozarts unsterblich unwiderstehlicher Opernschürzenjäger, mag 231 deutsche Frauenherzen erobert haben, hundert französische, 640 italienische, wie sein Diener Leporello prahlt; doch jetzt muss man noch etliche neue Fanatikerinnen in der ostukrainischen Stadt Sewerodonezk unweit der selbsternannten Volksrepublik Luhansk hinzurechnen, wo das Werk soeben in einer deutsch-ukrainischen Produktion auf die Bühne gebracht und vom Publikum, in dem das schöne Geschlecht eine deutliche Mehrheit stellte, enthusiastisch gefeiert wurde. Sewerodonezk, wo vor vier Jahren Eroberungsversuche prorussischer Rebellen rasch gescheitert waren, ist heute Hauptstadt des ukrainisch kontrollierten Teils der Region Luhansk und als solche zugleich Schmerzzentrum des russisch-ukrainischen Konflikts und Zukunftslabor.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der gut hunderttausend Einwohner zählenden Stadt fanden Teile des Theaters von Luhansk eine neue Heimat, hier sitzen der Luhansker Gouverneur und ein Büro der UN-Entwicklungsprojekte, das Trainingsprogramme zur Vermeidung von häuslicher Gewalt und Polizeiwillkür abhält. Und der Berliner Kulturentwicklungs- und Völkerverständigungsenthusiast Peter Schwarz, der hier schon ein gesamtukrainisches Dokumentartheaterstück organisiert hatte, besorgte nun mit seiner Produktionsgesellschaft Vladopera und unterstützt vom Auswärtigen Amt die erste Opernaufführung, die zeigt, wie sehr die Menschen sich nach – zumal erotischer – Freiheit sehnen, mit der sie als soziale Wesen dann aber nicht zurechtkommen.

          Ein immersives, interaktives Stück

          In dem prächtig renovierten stalinistischen Kulturpalast, der Spielstätte des Theaters, erlebte man ein immersives, stellenweise interaktives Stück, wie es ukrainische Opernbühnen sonst nicht kennen. Der deutsche Regisseur Thorsten Cölle und seine ukrainischen Mitschöpfer Olexi Doritschewski und Igor Biliz lassen Don Giovanni nach Sewerodonezk kommen, das von postsowjetischer Depression und Bandenherrschaft gezeichnet ist. Tatsächlich habe sich an Eigentumsverhältnissen und Geschäftspraktiken seit der Majdan-Revolution praktisch nichts geändert, versichern Sewerodonezker.

          Der Komtur tritt als mittlerer Mafiapate mit schwarzgekleidetem Leibwächtertrupp auf, aus dem Bauern Masetto wird ein Spross des kleinstädtischen Prekariats. Das minimalistische Bühnenbild von Jakob Michael Birn besteht aus zwei betongrauen Gebäudekästen, die mit Schwarzweißfilmen von Sewerodonezk und seinen Bewohnern illuminiert werden und jene Mauern vergegenwärtigen, die nach dem Motto des Projekts durch Musik überwunden werden, vor allem aber, so muss man hinzufügen, von der Figur des Don Giovanni. Denn der gewissenlose Verführer kommt erstaunlich gut weg in Sewerodonezk, das als Stadt der unterdrückten weiblichen Sehnsüchte geschildert wird.

          Der Komtur tritt auf und stirbt als mittlerer Mafiapate.

          Verkörpert wird er von dem lettischen Bariton Janis Apeinis, dessen virile Stimme und gebieterisch sinnliches Agieren der Damenwelt ungekannte Gefühlsdimensionen eröffnen. An diesem unabhängigen Mann von international geschultem Geschmack zerbrechen die patriarchalischen Tabus wie Streichhölzer. Sein Zweikampf mit Donna Anna bei seinem ersten Auftritt wird als heißes Liebesspiel mit Dirty Talk inszeniert. Die Kiewer Sopranistin Valeria Tulis, die die Tochter der lokalen Autorität mit hellstrahlender Intensität nicht ohne Verzweiflungsvibrato singt, beschimpft und herzt ihren Belästiger, nur mit Miederwäsche angetan, und spielt mit einer Fesselschleife, die sie ihrem braven Bräutigam Ottavio geben wird, der damit aber nichts anfangen kann.

          Von herzzerreißender Tragikomik ist die Hochzeit des Fortschrittverlierers Masetto, den die Kostümbildnerinnen Christina Lisak und Zhanna Malezka mit silberglänzendem Nylonanzug und Geltolle herausgeputzt haben und dessen Braut Zerlina (mit betörendem Unschuldssopran: Xenia Jarowa) bei Apeinis’ Avancen augenblicklich schwach wird. Der Kiewer Nachwuchssänger Eugen Rachmanin, der Masetto seinen sowohl nobel kraftvollen wie beweglichen Bass leiht, führt vor, wie häusliche Gewalt und Alkoholismus auch entstehen: Schwankend, die Flasche in der Hand und mit „betrunkener“ Intonation tadelt er Jarowa, die seinen fahrigen Schlägen ausweicht und mit ihrer bezaubernden Arie ihn zum Schlagen auffordert, wobei sie zärtlich seine Hände führt – denn auch in der Ukraine gilt das Sprichwort, dass es ein Zeichen von Liebe sei, wenn einem die Hand ausrutscht.

          Das bäuerliche Hochzeitspaar entstammt dem kleinstädtischen Prekariat.

          Um das Drama lokal zu verwurzeln, lässt die Regie immer wieder Statisten oder Chormitglieder an die Rampe treten und die Ereignisse, die italienisch gesungen und in ukrainische und englische Übertitel übersetzt werden, auf Russisch, das hier Gebrauchssprache ist, retrospektiv kommentieren. So erklärt ein Leibwächter aus dem Gefolge des Komturs, man habe beschlossen, diesen Todesfall mit eigenen Kräften zu regeln; vor der Hochzeitsfeier im ersten Finale verrät eine Chorsängerin, die die Brautmutter sein könnte, Don Giovannis Erscheinung bei jenem Fest habe selbst sie umgehauen, um sich sogleich verschämt zu entschuldigen.

          Die Rache am Wüstling vollziehen ukrainische Waldgeister, denen zu begegnen tödlich ist.

          Die Feier, zu der zwei Zuschauer auf die Bühne geholt werden und bei der die Klänge eines eleganten Menuetts und eines deftigen Ländlers sich verschränken und die Überwindung von Standesgrenzen tanzmusikalisch vergegenwärtigen, gerät zum ukrainischen Karneval mit exzessivem Wodkagenuss. Da Apeinis’ Held schon wieder mit der Braut flirtet, versucht Rachmanin als Bräutigam sich gegenüber einer Glitzergrazie auf seine grobe Art ähnliche Freiheiten herauszunehmen. Doch da versteht seine Angetraute keinen Spaß. Mit ihrem Hilferuf versucht die hier keineswegs vom Don Vergewaltigte der Trotzuntreue ihres Gatten den Riegel vorzuschieben.

          Doch der absolute Publikumsliebling ist die Sopranistin Jasmin Etezadzadeh in der Rolle der Donna Elvira. Wie diese am Rand zum dramatischen Fach stehende Sopranistin ihre Eingangsarie in der fünften Parkettreihe beginnt und mit dem Blick einer griechischen Tragödin das Publikum ansingt, wo denn dieser „Barbaro“ stecke, wie sie Jarowas fast Verführte vor einem Verlassenenschicksal wie dem eigenen warnt, wie ihre für Umarmungsversuche nur Spott und Schläge einsteckende Figur schließlich in abgeklärten, an eine Bachkantate erinnernden Koloraturen akzeptiert, dass sie von diesem Mann nicht loskommt, darin konnten viele Sewerodonezkerinnen die eigene Art zu lieben offensichtlich wiedererkennen. Etliche Zuschauerinnen gestanden jedenfalls, sie seien in Etezadzadeh geradezu verliebt.

          Beim Showdown zwischen Don Giovanni, der die Frauen ihren Männern abspenstig macht, und der Gesellschaft verlieren daher beide. Der lyrische Tenor Sergej Ledenev macht aus dem Juniorpatriarchen Ottavio, gegen dessen Berührungen seine Opernpartnerin eine ähnliche physische Allergie zur Schau stellt wie Melania bei Donald Trump, zum noblen Tragöden des Gesichtwahrenmüssens. Die Rache vollzieht Rachmanins der ukrainischen Natur am nächsten stehender Masetto, der anstelle des Komturs mit seinen Kumpels als verkleidete Waldgespenster, denen zu begegnen tödlich ist, beim Wüstling einbricht.

          Ein besonderes Lob verdient der großartige Sängerschauspieler Konstantin Krimmel, mit seinem klangschönen Bass und der quecksilbrigen Bühnenpräsenz des Haupthelden komischer Zwillingsbruder. Verdienter Jubel auch für Robin Engelen, unter dem das Luhansker Philharmonieorchester, in dem Instrumentalisten aus anderen Landesteilen, aus Deutschland, aber auch eine Russin mitspielen, die Mauer zu Mozartischer Brillanz durchbrochen hat.

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