http://www.faz.net/-gqz-76aim
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.02.2013, 18:07 Uhr

Schläpfer choreografiert Brahms Neu bewegte Gemälde erobern den Schwanensee

Martin Schläpfers Ballett am Rhein tanzt in Duisburg die Uraufführung „Johannes Brahms - Symphonie Nr. 2“ und Werke von Antony Tudor und Frederick Ashton.

von Wiebke Hüster
© Ballett am Rhein So sieht sie also aus, die zweite Symphonie von Johannes Brahms: Biegsam, kraftvoll, dialogisch und klar genug aufgebaut, dass man sich nichts tut.

Wäre Antony Tudors Ballett „Jardin aux Lilas“ ein Bild, bemerkte Hans van Manen nach der Premiere des Balletts am Rhein am Samstagabend, dann würde der 1936 im Londoner Mercury Theatre uraufgeführte Liebesreigen unter Fliederbäumen bei Christie’s oder Sotheby’s sicherlich fünf Millionen erzielen. Das ist gut geschätzt. Zum Vergleich: Max Beckmanns wenige Jahre später entstandenes Porträt „Anni (Mädchen mit Fächer)“ erzielte 2005 in der Villa Grisebach 3 911 500 Euro. Falls es gekauft wurde, um jeden Tag betrachtet zu werden, welchen unermesslichen Wert wird es seither für seinen neuen Besitzer erreicht haben? Nun, ein vergleichbar bereicherndes Ballett ist Tudors „Jardin aux Lilas“! Man wünschte, es könnte einem so gegenwärtig sein wie Anni ihrem Käufer.

Wer aber Tudors „Fliedergarten“ tanzen will, riskiert eine ganze Menge. Eine Compagnie von heute wie das Ballett am Rhein ist für die Einstudierung auf einen achtzig Jahre alten Ballettmeister angewiesen, dessen Verehrung für den 1987 gestorbenen Choreographen über die Zeit ins Unendliche gewachsen ist. Kein Choreograph hinterlässt Notationen und Erklärungen, die ausreichend wären, Werke unabhängig von ihm einzustudieren.

Eine gelungene Wiederbelebung

Es ist also ein Wagnis, in die Tanzgeschichte hinabzutauchen und ihre Schätze an die Oberfläche zu holen. Hat man die richtigen Tänzer? Wird zwischen ihnen und dem beschriebenen Ballettmeister (und alt gewordenen Star) ein Band entstehen, anhand dessen sich der geschichtliche Abstand ausmessen und überbrücken lässt?

Faszinierende Fragen - wer je erlebt hat, wie ein in der Literatur als interessant geschildertes Ballett zum ersten Mal vor den eigenen Augen Gestalt annimmt und dann nicht mehr als sachliche, verstandesmäßige Achtung auslöst, fürchtet sich auch ein wenig vor Abenden wie Martin Schläpfers „b 14“. Es wurde aber ein vierteiliger Glücksabend.

Was man, wenn es um Bilder geht, so leicht erreichen kann, indem man ein Museum aufsucht, darauf muss man im Ballett oft lange warten und hoffen. Hier in Duisburg, wo angeblich den Leuten das Ballett fremd ist, das Theater aber ausverkauft war und viele demonstrativ zum Applaus aufstanden, hier gelang die Wiederbelebung derart, dass man nicht nur die berühmte Nadel hätte fallen hören können, sondern nicht einmal der Luftzug von Wimpernschlägen spürbar schien: nicht blinzeln, nicht rascheln, nur nichts verpassen!

Bis der Vorhang fällt

Allein Ernest Chaussons „Poème“ für Violine und Orchester op.25 ist zu schön für Unkonzentriertheit - es wurde mit aller romantischen Intensität erfüllt von den Duisburger Philharmonikern unter Generalmusikdirektor Axel Kober. Im Fliedergarten begegnen sich beim „Jungfernabschied“, einem Fest, mit dem sich die Braut von ihrer Mädchenzeit verabschiedet, in sommerliche Pastellfarben und Ausgehuniformen gekleidete junge Leute der guten Gesellschaft. In knappen Gesten und ungeheuer freien Bewegungen entwirft Tudor sein zentrales Figurenquartett, dessen Beziehungen so schwierig und schmerzhaft sind, dass die Bühne wie unter Strom steht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zweiter F.A.Z.-Spendenlauf Hart, härter, #Nilsläuft

Er ist gelaufen und gelaufen und gelaufen. Unser Bildredakteur Nils Thies hat auf der 230 Kilometer langen Tortour de Ruhr Spenden gesammelt, dem Wetter und seinen Muskeln getrotzt. Zur Belohnung gab es noch einen besonderen Ehrentitel. Mehr Von Christian Palm

16.05.2016, 09:10 Uhr | Rhein-Main
Japan Drohnen-Ballett am Mt. Fuji

Vor dem rund 3770 Meter hohen Vulkan Fuji südwestlich von Tokio wurde kürzlich ein sogenannte Drohnen-Ballett aufgeführt. Dabei malten zwanzig Drohnen beeindruckende Lichtkunst an den japanischen Nachthimmel. Bei der Performance wurde dazu live Musik auf traditionellen japanischen Instrumenten gespielt. Mehr

12.05.2016, 14:46 Uhr | Gesellschaft
Fürstendynastie der Ernestiner Auch Goethe zählt zu ihrer Hinterlassenschaft

Eine Ausstellung in Gotha und Weimar ehrt die Fürstendynastie der Ernestiner: Was ihnen an realer Macht fehlte, machten sie als Mäzene und Bauherrn wett. Mehr Von Andreas Kilb

18.05.2016, 23:14 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Anthologie Johann Gottlieb Fichte: Petrarka’s 63stes Sonett nach Laura’s Tode

Petrarka’s 63stes Sonett nach Laura’s Tode von Johann Gottlieb Fichte, gelesen von Thomas Huber. Mehr

06.05.2016, 16:40 Uhr | Feuilleton
Technologie-Export China exportiert Atomkraft in den Sudan

Die Volksrepublik drängt auf die Energiemärkte im Ausland. Der Hualong-Reaktor kommt nicht nur im Sudan zum Einsatz. Doch die massive Expansion erhöht auch die Risiken. Mehr

24.05.2016, 07:51 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Hut ab!

Von Thomas Thiel

Vorsicht Unfallgefahr: In England soll jetzt Schluss sein mit der kollektiven Unsitte, beim Universitätsabschluss Doktorhüte in die Luft zu werfen. Und noch andere Maßnahmen zum Schutze aller tun Not. Mehr 10

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“