Herr Professor Brückner?“ „Ja, bitte?“ „Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an mich erinnern. Wir sind uns vor Jahren einmal ...“ So eröffnet die Szene, die hier alle, mit diesem oder einem ganz anderen Text, spielen (müssen). Denn sie stellt die Fragen, auf die es ankommt: „Was ist er?“, „Worum geht’s?“ und „Weißt du, was du spielen willst?“. Botho Strauß beginnt seine Komödie „Besucher“ mit einer Theaterprobe: Max Steinberg, ein junger, aus der DDR geflüchteter Schauspieler, gibt einen windigen Reporter, der Bühnen-Titan Karl Joseph einen vermeintlich hochbedeutenden Professor. Fünfmal nimmt der kritisch geschulte Ossi Anlauf, fünfmal unterbricht der Kollege und belehrt ihn.
Klar, dass sich einer der vielen Absolventen, die am Vorsprechen der Schauspielschulen in Neuss teilnahmen, diese Szene nicht entgehen ließ. Denn wie keine andere, Hassenreuter und Spitta aus Hauptmanns „Ratten“ grüßen von Ferne, bringt sie Thema und Kommentar überein. Doch da der Darsteller des Max allein auftritt, ist nur eine Seite des Dialogs zu hören. Fünfmal spurtet er, jedes Mal anders abbrechend, im Keller des Rheinischen Landestheaters diagonal über die Bühne des Studios und landet einen vielbeachteten Überraschungscoup, denn so präsent ist das 1988 uraufgeführte Stück nicht mehr.
Für die Figuren geht es um Leben und Tod
Das „zentrale NRW-Vorsprechen“, das zum achten Mal stattfindet, ist längst über Nordrhein-Westfalen hinausgewachsen. Alle staatlichen Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum nehmen teil, vierzehn aus der Bundesrepublik, fünf aus Österreich, zwei aus der Schweiz. Nirgendwo lässt sich das Bewerberfeld so dicht und geschlossen beobachten. Das Vorsprechen ist öffentlich, die Tageskarte kostet fünfzehn, die Wochenkarte fünfzig Euro. Die hundert Plätze im Studio sind fast alle besetzt, die meisten Zuschauer sind Fachleute: Intendanten, Regisseure, Dramaturgen, die Anfänger suchen, Mitarbeiter von Agenturen und der Künstlervermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Jeder Abschlussjahrgang hat acht bis zwölf Studenten, jedes Vorsprechen gerät zur ein- bis zweistündigen Castingshow.
Mehr als sechs, sieben, höchstens zehn Minuten dauert keiner der Auftritte. Jeder Eleve hat zwei, um zu zeigen, was er kann: erst Goethes aufgewühlter Tasso mit Lorbeerkranz, dann Gogols durchtriebener Chlestakow mit Champagnerglas, erst Anouilhs standfeste Antigone, dann Shakespeares liebesverrückte Julia. Für die Figuren geht es um Leben und Tod, für die Eleven um die Existenz. Denn die beiden Talentproben können über ihren Einstieg in den Beruf entscheiden, darüber, ob sie in Berlin oder Bern, Braunschweig oder Bruchsal Theater spielen, nach Tarif (derzeit 1650 Euro brutto) oder etwas besser bezahlt, ein festes oder gar kein Engagement haben werden.
Fünfzehn aus fünfhundert
An diesem Tag fängt das Max-Reinhardt-Seminar an. Zehn Studenten, das macht zwanzig Szenen zwischen Seneca und Denis Kelly, Georg Büchner und Wolfgang Bauer. Der Raum ist leer und schwarz, mal ein Stuhl oder ein Tisch, selten ein Requisit, Kostüme werden allenfalls angedeutet. Handwerkliches Können - Stimme, Körper, Rolle - steht im Mittelpunkt, Ernst und Konzentration sind selbstverständlich, doch wie viel Spielfreude, Präsenz, Phantasie und Wandlungsfähigkeit jemand mitbringt, lässt sich in der Kürze nicht so leicht ausmachen. Marotten der Regie, so von Regie überhaupt die Rede sein kann, halten sich in Grenzen: Eine Yerma, die in ein fremd das „R“ rollendes Englisch verfällt, eine Medea, die Kaugummi schmatzt, ein Räuber Roller, der mit dem Feuerzeug zündelt. Als Ausblicke auf das Stadttheater von morgen genommen, geben die Miniaturen wenig Anlass zur Beunruhigung: Es wird so solide, vielseitig und breitgefächert sein wie heute.
Von Nervosität ist wenig zu spüren. Auch damit umzugehen, haben die Studenten in der vierjährigen Ausbildung gelernt. Die sehr viel höhere Auswahlhürde haben sie davor genommen: Fünfhundert oder noch mehr Bewerber verzeichnen die staatlichen Schulen jedes Jahr, zwei Tage geht die Aufnahmeprüfung, zehn, höchstens fünfzehn werden angenommen. In ihren Anforderungen und ihrer künstlerischen Ausrichtung unterscheiden sich die Schulen etwa in dem Maße wie die Theater in den Städten, denen sie - hier enger, dort lockerer - assoziiert sind.
Einen Augenblick für den nachhaltigen Eindruck
Als nächste ist die Hochschule für Musik und Theater Hannover an der Reihe, vier Damen, fünf Herren. „Alle sind noch zu haben“, sagt Bettina Jahnke, die Intendantin des gastgebenden Rheinischen Landestheaters, zur Begrüßung. Vom Landestheater Schleswig-Holstein bis zum Zimmertheater Rottweil, von Aachen bis Regensburg reicht das Feld der Bühnen, die ihre Talentspäher geschickt haben. Die kleinen und mittleren Häuser sind weitgehend unter sich, die großen Theater schauen sich gezielter um. Für den Absolventen geht erst einmal darum, auf sich aufmerksam zu machen. Auf den ersten positiven Eindruck hin wird er ins Theater eingeladen.
Die Abschlussklasse aus Hannover hat ihrem Vorsprechen einen Titel verpasst: „Apokalypse 2012 - das Ende ist nah.“ Fast alles hat darunter Platz, Schiller und Nicky Silver, Tschechow und Enda Walsh. Wieder stellen die Studenten sich einzeln vor, doch öfter als bei den Wienern huscht der Schatten der Anstrengung darüber. Die Chance, sich nachdrücklich zu empfehlen, ist kurz, und so hat jeder im Foyer eine bebilderte Visitenkarte mit Porträt- und Szenenfotos, Kurzbiographie, Rollenverzeichnis, Mobilnummer und Mail-Adresse ausgelegt, die weitere Fähigkeiten - Sprachen, Dialekte, Tänze - aufführt. Noch ist jeder sein eigener PR-Agent.
Etwa sechzig Anfänger stellen die öffentlichen Theater im deutschen Sprachraum jedes Jahr ein, doch rund 250 „fertige“ Schauspieler verlassen die staatlichen Schulen. Auch wenn nicht jeder ein festes Engagement sucht, sondern vielleicht lieber in Projekten oder frei arbeitet - alle finden keine Beschäftigung. Daneben gibt es private Schauspielschulen, die bis zu 24 000 Euro für die Ausbildung nehmen und mitunter die naiven Vorstellungen vom Traumberuf in ein florierendes Geschäftsmodell umgemünzt haben. „Privatabschluss, Hochschulabschluss, gar kein Abschluss - der beste Einstieg in die Schauspielkarriere“ fragte eine Diskussion, die zu einem wenig überraschenden Resümee kam: Die Absolventen der staatlichen sind besser ausgebildet als die der privaten Schulen, nur wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel.
Rivalen auf der Bühne, auf dem Markt Konkurrenten
Dass die Tonangeber des Regisseurstheaters den performativen Darsteller erwarten, der „Texte generieren“ kann, wird skeptisch beurteilt und nachdrücklich darauf bestanden, dass es vor allem auf umfassende handwerkliche Fähigkeiten ankommt. Sorge macht eine andere Entwicklung. Denn schwieriger als ein Erst- ist es, einen Folgeengagement zu bekommen. Die meisten kleinen und mittleren Bühnen pfeifen inzwischen derart aus dem letzten Loch, dass sie so viel wie möglich mit billigen Anfängern arbeiten. Längst schlägt die Sparschraube der öffentlichen Hand durch auf die Kunst.
Auf der Bühne gleicht jedes Vorsprechen einem Staffellauf, Kleist übernimmt den Stab von Hebbel, Goethe von Schiller, Sergi Belbel von Oliver Reese. Für die Zuschauer aber gerät es zum Marathonlauf, vier oder fünf „Aufführungen“ an fünf Tagen, von denen jede in zwölf oder noch mehr Fragmente zerfällt. Auch der Jahrgang der Hochschule für Darstellende Kunst und Musik Frankfurt am Main folgt einem Motto, das - „Mehr Licht!“ - noch allgemeiner, doch von Goethe ist. Jeder dritte Auftritt ist ein Lied. Die schwierige Finanzlage, auch das ein Trend, befördert die leichte Muse. Am besten beschäftigt ist der Mann am Klavier.
Viele Momentaufnahmen. Doch der eine Moment, in dem das Drama mitten durch die Figur geht und ihre Welt ins Wanken bringt, ist selten. Beim Vorsprechen der Otto-Falckenberg-Schule aus München ist er plötzlich da. Zwei junge Männer sitzen auf der Bühne, selbstverständlich und unauffällig gekleidet: Othello und Jago. Alltäglich und freundschaftlich klingt ihr Gespräch, doch Jagos scheinbar beiläufigen Bemerkungen reizen Othellos Zweifel und entzünden seine Eifersucht: Auf einmal ist sein Leben nicht mehr, wie es war.
Die Münchner setzen durchweg auf Zweier- oder sogar Dreierkonstellationen, das Spiel des Einzelnen erscheint runder, Paarszenen von Tennessee Williams und Lars Norén, Sarah Kane und Händl Klaus bevorzugt: Später wird sich der Othello in den Hippolytos aus „Phaidras Liebe“ und der Jago in den Herrn Hufschmied aus „Dunkel lockende Welt“ verwandeln. Auf dem Markt sind die Studenten, die auf der Bühne Rivalen waren, Konkurrenten.
Der Darsteller des Max aus den „Besuchern“ von Botho Strauß gehört zu den wenigen Glücklichen, die es schon geschafft haben und hier mit Namen genannt werden können: Laurenz Laufenberg wurde nach Graz engagiert. Sicher sein, dass er die Frage zwei Jahre und womöglich mehr als hundert Vorstellungen später so oder so ähnlich nicht wieder stellen muss, aber kann er nicht: „Herr Professor Brückner?“ „Ja, bitte?“ „Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an mich erinnern.“