Ein junges Paar steht an einer Bushaltestelle und zankt, wie es Paare tun, wenn Zweifel an der Liebe nagen. Sie hat ein Geheimnis, das sie um keinen Preis verraten will, weil sie die Folgen ihrer Indiskretion ahnt. Er kommt mit dem Klischee, dass Paare keine Geheimnisse voneinander haben sollten und lässt nicht locker, bis sie ihm schließlich doch ins Ohr flüstert, was sie für sich behalten wollte. Wir erfahren das Geheimnis nicht. Für die Beiden ist jedoch im Handumdrehen alles anders. Ihre Welt liegt in Scherben. Die Kenntnis hat eine tiefere Kluft geschlagen als die Unkenntnis.
Um Wissen und nicht wissen wollen, um die mentale Verarbeitung von Wissen in einer informationssüchtigen Gesellschaft und um die Wirkung dieser Faktenschwemme auf Gefühl und Verstand geht es Caryl Churchill in „Love and Information“, ihrem ersten abendfüllenden Stück seit ihrer sarkastischen Allegorie über die Großmacht Amerika („Betrunken genug zu sagen ich liebe dich“) vor sechs Jahren. Im Londoner Royal Court Theatre werden die verschiedenen Arten zu Wissen in knapp sechzig, meist Zwei-Personen-Vignetten dargeboten von sechzehn Schauspielern in mehr als hundert namenlosen Rollen.
Befindlichkeiten in Dur und Moll
Manche Szenen dauern nur einige Sekunden, andere mehrere Minuten. Sie spielen in einem weißen Kubus, der mit seinem Kachelraster ein Labor oder die gepolsterte Zelle eines Irrenhauses beschwört. Mit geringem Aufwand und großem Geschick suggerieren Miriam Buethers Bühnenbilder immer wieder neue Standorte: ein Fitnessstudio, eine sommerliche Terrasse, ein Schlafzimmer, eine Cocktail-Bar, ein Büro. Der Übergang wird durch Blackouts ermöglicht, als schließe sich nach jedem Bild die Blende einer Kamera.
Caryl Churchill bietet denn auch lauter Schnappschüsse momentaner Befindlichkeiten in Dur und Moll: die unheilbare Kranke, die wissen will, wie viel Zeit ihr bleibt; der Informant, der der Polizei einen heimlichen Hinweis gegeben hat; die Frau, die ihr Gedächtnis trainiert, indem sie die Einrichtung ihres Elternhauses Zimmer für Zimmer, Gegenstand für Gegenstand durchgeht und bei dieser nüchternen Aufzählung durch eine plötzliche Erinnerung an den Vater von Gefühlen übermannt wird; die Familie, die sich ein altes Hochzeitsvideo anschaut und merkt, dass nur die von der Kamera festgehaltenen Bilder in der Erinnerung haften bleiben; der Mann, der sich in eine virtuelle Frau verliebt hat; die Frau, die einem Jungen, der keinen Schmerz kennt, zu erklären versucht, wie sich Schmerz anfühlt; der Alzheimerkranke, der behauptet, nie Klavier gespielt zu haben und sich dann mit aus der Tiefe des Gehirns quellendem Spiel widerlegt; die störrische Alte, die mit der Strickdecke im Sessel sitzt und rätselt, ob das Schicksal oder der freie Wille das Leben steuert; das Kind, das ungewusst machen will, was es gerade erfahren hat, nämlich dass die Frau, die es für seine Schwester gehalten hat, tatsächlich seine Mutter ist.
Die menschliche Komödie
In einer Variation zum Thema „Liebe und Information“ schildert eine Frau ihrem Freund beim Picknick minuziös, wie sie die mit radioaktiver Flüssigkeit gespritzten Hirne von Versuchshühnern entfernt, um zu ermitteln, wie Informationen gespeichert werden. Die klinische Darstellung lässt finstere Untertöne mitschwingen und beißt sich mit der lauen, erotisch knisternden Stimmung auf der Picknickwiese.
Caryl Churchill hat die in Satzfetzen komponierten Dialoge mit keinerlei Regiehinweisen versehen, weder der Standort noch die Figuren sind gekennzeichnet. Unter den Händen eines geringeren Regisseurs als James Macdonald hätten diese Mosaikbilder leicht zu moralisch-biederen Lehrstücken geraten können. Macdonald arbeitet jedoch mit seiner glänzenden Besetzung die Zwischentöne heraus und präsentiert eine bunte Melange von Figuren und Situationen aus der menschlichen Komödie, darunter die schöne Karikatur eine älteren Dame im Café, die sich mit höflicher englischer Neugier von einem jungen Kellner vorführen lässt, in wie vielen Sprachen er das Wort „table“ kennt. Nachdem er sein Kunststück in etlichen Sprachen vorgeführt hat, erwidert die Dame bestimmt, und trotzdem könne sie nicht umhin zu denken, dass es tatsächlich „table“ heiße. Da hat man die britische Inselmentalität in einer Nussschale.