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Schauspielhaus Düsseldorf : Ich muss hier raus

Hier kommen wir nicht lebendig raus? Xenia Snagowski versucht es trotzdem Bild: Sebastian Hoppe

Mutprobelauf einer Frau ins richtige Leben: In Düsseldorf wurde Martin Heckmanns' Theaterstück „Hier kommen wir nicht lebendig raus“ uraufgeführt - quirlige Szenen aus dem Bionaden-Biedermeier.

          Die offene Bühne, auf der Seile die Konturen eines Hauses andeuten, ist mit wenig mehr als einer Reihe von acht Parkettsesseln möbliert. Nacheinander schlurfen sechs Schauspieler herein, machen es sich bequem und fixieren die Zuschauer. Nur eine junge Frau strotzt vor Energie, findet keinen Halt und keine Haltung, hibbelt und zappelt, rutscht auf dem Sitz herum und, die Beine verkeilend, aus ihm hinaus. Eine, die keine Ruhe gibt; eine, die es nicht aushält so, wie es ist; eine, die auf- und buchstäblich aus der Reihe fällt.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber hat sie deshalb schon die Statur für ein Drama? Martin Heckmanns setzt sein neues Theaterstück „Hier kommen wir nicht lebendig raus“, das am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, in die Erfolgsspur von „Kommt ein Mann zur Welt“, das hier - ebenfalls als Auftragswerk - vor drei Jahren deren Licht erblickte. Wieder hat er ein schlankes, schnelles Episodendrama geschrieben, „Versuch einer Heldin“ nennt er es im zweiten Teil des Titels, denn diesmal ist sein Jedermann eine Frau, die nicht gleich durch ein ganzes Leben, sondern, so jedenfalls meint ihre Mutter, nur mal eben zum Einkaufen geschickt wird: „Bringst du ein Brot mit auf dem Rückweg?“ Dass der Mensch davon nicht allein lebt, ist auch schon der Punkt, um den es (ihr) geht, und so wird sie am Ende zwar kein Brot, aber - „Ich habe mich verändert“ - die Erfahrungen von verpassten Chancen und gescheiterten Lebensentwürfen mit zurückbringen. Ihr Name gibt die Richtung vor, denn Irina nennt sich Ira, was übersetzt Zorn heißt.

          Raus aus der digitalen Welt und hinein in das richtige Leben

          Ausbruch aus dem Web, Anspruch auf „richtiges“ Leben. Denn Ira arbeitet als digitale Kundenberaterin einer Telekommunikationsfirma von zu Hause aus: „Bereich ,Junges Telefonieren'.“ Wohnt in einem Plattenbau in Neuss bei ihrer Mutter, die immer noch Wert darauf legen muss, dass nicht Iras Vater sie, sondern sie Iras Vater verlassen hat. Eines Tages wird die Tochter, das ist der Mutter klar, flügge werden und ausziehen, und da ist es auch schon so weit: „Ich muss hier raus“, schreit Ira und beginnt eine „Reise in ein anderes Leben“.

          Der alte Mann, den sie als Mentor anspricht, kann ihr nur von Enttäuschungen berichten, und ihren eigenen Weg zu finden fällt ihr, ist sie doch „anders, als ihr mich haben wollt“, schwer. So vieles will sie werden, dass sie, größte Auswahl an Rollen, Schauspielerin wird. Elektra hat sie vorbereitet, genau tausend Tage hält sie es aus im Stadttheater Hiddeshausen, dann büchst sie in eine alternative Spaßfabrik aus und verirrt sich in der Ökoszene. Einar, der bankrotte Kreativdirektor, ist keiner für sie, dafür aber Jakob. Ira gerät in Clinch mit einem Bankomaten und überfällt mit Jakob einen Tante-Emma-Laden, dessen Besitzerin ein Herz für Anfänger hat und das Geld herausrückt, wenn sie damit tatsächlich „etwas Neues anfangen“.

          Wie man an einer Überdosis Aufregung stirbt

          Auf der Flucht vor falschen Sicherheiten und harmonischen Geschichten streift Ira eine Nudisten-Kommune und eine Schrebergartenkolonie, taucht in Wunschwelten und in ein „Bionadenbiedermeier“, versucht sich als Lyrikerin, tauscht ihre Verse gegen kleine Brötchen und trifft ihren unbekannten Vater, der als feister Bademeister übers Planschbecken schwebt und von ihr niedergestreckt wird. Schließlich ist sie, alles vergebens, mit einem Sparkassenangestellten verheiratet, töpfert und hat einen dicken Sohn. Aber „lieber eine schiefe Bahn als ein betonierter Bürgersteig“: Ira verlässt die Familie und stirbt „an einer Überdosis Aufregung“.

          In zwanzig knappen Kapiteln erzählt Martin Heckmanns keine Erlösungsgeschichte, sondern eine Art Mutprobelauf. Das „elektrische Mädchen“, wie Ira sich nennt, wird zum Reflektor auf einem Parcours der Ziellosigkeiten und Abschweifungen, der das „Glück der Enttäuschung“ herausfordert. Denn keine Rolle passt, die Muster sind verbraucht: „Hier kommen wir nicht lebendig raus.“ Überraschende Spiegelungen und Wendungen, Theater im Theater und epische Kommentare, Wortwitz und Verfremdungskomik entheben Iras Abenteuer, Verwirrungen und Verstörungen dem Alltag und lassen sie mit Windmühlen kämpfen: Doña Quijotita aus dem Plattenbau. Doch mit der Vielzahl der Verweise und Versatzstücke entwickelt das Stück auch eine Gefahr der Geläufigkeit: Wirklichkeit wird nur mehr angetippt statt in Konflikten erschlossen.

          Xenia Snagowski sichert der Inszenierung Zug

          Auf der Rückwand der Bühne, die Michaela Springer im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels angelegt hat, lassen bunte Glühbirnen das Wort „Hero“ aufblinken: Wie Xenia Snagowski als Ira es mit Verve, virtuoser Vitalität und androgyner Wendigkeit darstellerisch ausbuchstabiert, sichert der Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer Zug und Zusammenhalt. Umgeben von versierten Chargen, die im Absatzumdrehen die Typen wechseln, verteidigt die Schauspielerin die Möglichkeiten, sich als Heldin zu versuchen, auch eindrucksvoll gegen eine Aufführung, die hektisch und laut dem Stück von Martin Heckmanns keinen Raum zum Räsonieren und für poetische Verschnaufpausen lässt.

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