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Schauspiel Frankfurt : Mein Gott, wir müssen alle, alle sterben!

  • -Aktualisiert am

Ein toter Vater stiftet Chaos: Sebastien Jacobi und Thomas Huber als überforderte Söhne in Stockmanns Drama Bild: Birgit Hupfeld

Eine Leiche soll ein Drama zusammenhalten. Das geht nicht gut in Nis-Momme Stockmanns neuem Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“, uraufgeführt in Frankfurt.

          Der bittere Witz an diesem Uraufführungsabend in den Frankfurter Kammerspielen liegt darin, dass der junge Dramatiker Nis-Momme Stockmann, der über der letzten Saison aufging wie ein kleiner, seltsamer Komet, sich sozusagen vor sich selber gewarnt hat. Denn in seinem vorletzten Stück, „Kein Schiff wird kommen“, lässt er selbstironisch einen jungen Dramatiker auftreten, der daran verzweifelt, dass die Intendanten das ganz große Thema (die deutsche Wiedervereinigung) von ihm dramatisiert haben wollen, ihm aber der Tod seiner Mutter, damals, als die Mauer fiel, viel näher ging. Und so, wie er den Tod der Mutter vorkommen ließ, beiläufig fast, erinnernd befühlt als Schmerz, der im Verborgenen haust und nichts Großes von sich hermacht, aber unendlich Tiefes berührt, war „Kein Schiff wird kommen“: ein rührendes Stück. Das im Kleinsten das Größte ganz leicht enthüllte. Denn was könnte größer sein als der Tod? Den man spürt, aber nicht sieht.

          Jetzt hat sich Stockmann als Hausautor des Frankfurter Schauspiels in einem Auftragswerk namens „Die Ängstlichen und die Brutalen“ gleichsam in den Spieß gestürzt, den seine Jungdramatiker-Figur in „Kein Schiff wird kommen“ noch umgedreht hatte. Als hätte ihm der Frankfurter Intendant befohlen: Stockmann, jetzt machen Se mal was ganz Großes, Tod und Kosmos und so! Und der junge Stockmann würde die Dramatikerhacken zusammengenommen und ein Drama entworfen haben, das von einer Leiche zusammengehalten wird, die einerseits einen toten Vater darstellt, andererseits die ganze Zeit auf der Bühne herumliegt und also das Drama voranzutreiben hat. Weil alles, was passiert, als Reaktion auf die Leiche passiert. Der Tod - und was gibt es Größeres als den Tod? - ist hier da. Man sieht ihn. Aber man spürt ihn nicht. Er ist nicht mehr als Größe vorhanden. Sondern als aufgeblasene Makabrität.

          Wohin mit der Leiche?

          Wobei der Grundfehler dieses Stücks in einem Telefonat liegt. Das nicht stattfindet. Denn die beiden Söhne, die Berg und Eirik heißen und gleich zu Beginn ratlos vor dem toten Vater stehen, müssten einfach den Bestatter anrufen. Der würde das Drama erledigen, das die Leiche angeht: Waschen, Beerdigen, Behörden etc. Wohin mit der Leiche? wäre dann nicht mehr die Frage, von der die beiden Jungs einzig bewegt werden. Das Stück hätte sich erübrigt: Der Bestatter hätte ihm einen Dienst erwiesen. Die beiden Jungs aber, von denen nicht mehr rauskommt, als dass der eine keinen Führerschein hat und von seiner Freundin verlassen ward und der andere dauernd von Spinnen träumt, sind zu schwach, einen Bestatter anzurufen. Wenn sie aber selbst dazu zu schwach sind, sind sie nicht stark genug für ein Drama.

          Nach der furiosen ersten Saison verläppert es sich: Der Intendant des Schauspiels Frankfurt, Oliver Reese

          Zudem sie keine Biographie, keine Geschichte, keinen Halt haben außer in ein paar Schwächlingslaunen, die sich in wechselseitigen Aggressivitäten matt austoben: Schau her, was du mit mir gemacht hast, gleich weine ich! oder: Mein Gott, wir müssen alle, alle sterben! oder: Mein Gott, das Universum! - so in der Art. Eirik und Berg hängen in einer lächerlichen Schwächlingsluft. In der sie nichts hält außer der überanstrengten Mutwilligkeit ihres Autors, der sie lauter Andeutungen machen lässt - bis am Ende Berg die Andeutung macht, dass er Eirik zusammenschlage und zum toten Vater ins Bett lege. Was aber außer den beiden niemanden (außer eventuell die Polizei) etwas angeht. Sie verweisen auf keine Welt, keine Wirklichkeit, nur auf sich selber. So langweilen sie sich - und uns - förmlich zu Tode. Greifen aber zum Höchsten.

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