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Schauspiel Ein Mann, ein Boot, ein Abschied

23.02.2009 ·  Matthias Hartmanns letzte Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus nimmt Jon Fosses „Ich bin der Wind“ zur Meditation über die Angst und Lust des spurlosen Untergehens. Am Ende der Saison wird der Lotse selbst Richtung Burgtheater verschwinden.

Von Martin Halter
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Auf hoher See ist jeder mit sich allein in Gottes Hand, und so ist die klaustrophobische Situation an Bord eines Segelboots in Filmen und Romanen schon oft beschworen worden: Die Bootsleute gehen sich auf die Nerven, an die Gurgel oder unfreiwillig über Bord; es geht um eine Frau, Geld, Robinsonaden oder existentielle Metaphern. Bei Jon Fosse geht ein Mann freiwillig über Bord, so grund- und absichtslos, dass wir uns den depressiven Trauerkloß beinahe als glücklichen Menschen vorstellen müssen.

Der schwerblütige norwegische Melancholiker ist der Minimalist unter den europäischen Dramatikern; selbst Becketts Monaden im Müll machen ihm noch zu viele Worte und metaphysisches Gewese. Unbeirrt von Terror und Krieg, Klima-, Finanz- und Theaterkrisen zieht er seine Bahn: Im Auge seiner Seelenorkane herrscht Windstille; jedes Wort ist zu schwer und zu viel.

Die Haltung des Schweigenden

„Ich bin der Wind“ ist eigentlich schon kein Stück mehr, nur noch eine Meditation über die Furien des Verschwindens, über Angst und Lust des spurlosen Untergehens. Zwei Männer segeln auf einem Boot durch die Schären, wo der Nebel grau und schwer wie eine Betonwand ist: Der Horizont und selbst die Zuschauer sind nur vage Schemen im fahlen Licht des Zürcher Schiffbaus. Sebastian Rudolph, „Der Eine“ – Fosses Figuren sind wie immer namenlos –, will untergehen wie ein Stein. Der Grund für seinen Lebensüberdruss und Sprachverdruss liegt irgendwo im Nebel: Das Leben zu Lande erscheint ihm grau und schwer, das Meer wie die letzte Zuflucht vor den Geräuschen der anderen.

Er mag weder sich noch die Menschen, aber auch nicht das blanke Nichts und das Alleinsein. Verständlich, so genau, wie er es gern wollte, kann er das alles allerdings nicht ausdrücken: „Alles, was ich sage, sollte man irgendwie nicht sagen.“ So gehen die Wörter wie Steine im Meer der Missverständnisse unter, das Sprechen bricht ab, versinkt in nebulösem Schweigen. Fosses neues Stück besteht vor allem aus den Regieanweisungen „Pause“ und „Ziemlich kurze Pause“. Für den Regisseur Matthias Hartmann ist das Schweigen kein Ausdruck, sondern eine Haltung, die man nicht eigens betonen muss.

Einfach fort

„Der Andere“, den Tilo Nest spielt, will „Den Einen“ verstehen; er fürchtet das Meer, „aber das Leben ist doch gar nicht so schlecht“. Eine Segelpartie (nahe am Ufer), ein „Ankerschnaps“ oder auch mehr (den dritten verschmäht er freilich schon), ein Abendessen an Bord (Hundefutter aus der Dose), ein ernstes Gespräch unter Männerfreunden (die sich fremd bleiben): das ist doch nicht nichts. Dass er beim Vertäuen des Boots stürzt und beim Auslaufen nur mit Mühe wieder an Bord klettern kann, tut nichts zur Sache: Der Kapitän hat immer recht, auch wenn er nur ins Blaue navigiert und kommandiert.

So gehen die Stummelsätze und das Schweigen hin und her, bis „Der Eine“ immer weiter hinausfährt und „Der Andere“ in See- und Seelennot das Ruder abgibt. Am Ende geht der Lotse einfach wortlos über Bord und weist alle Rettungsringe ab. Vielleicht ist er schon immer oder nur im Gedanken über Bord gegangen, denn im Nebel lösen sich auch Zeit und Chronologie auf. Auf die bange Fragen „Wo bist du?“ kommt von fern her nur noch das triumphierende Echo: „Ich habe es einfach getan. Ich bin fort.“

Imagination durch Reduktion

So fährt Fosse weit aufs Meer der schwankenden Wörter und unzulänglichen Bilder hinaus, bis sie nicht mehr tragen. „Ich bin der Wind“ ist ein lebensmüdes Untergeher-Stück mit weithin hallendem Bedeutungsraum. Es spielt, wie es in einer Vorbemerkung heißt, „in einem gedachten, imaginierten Segelboot“, und auch die Nicht-Handlung soll nur gedacht und nicht ausgeführt werden: eine schwere Vorgabe und ein gefundenes Fressen für Hartmanns dritte Fosse-Inszenierung und seine letzte Regiearbeit am Schauspielhaus überhaupt. Es ist sein Vermächtnis geworden. Das letzte Wort des Einen gilt allen Zurückbleibenden: „Ich habe keine Angst mehr. Ich bin nicht mehr schwer. Ich bin Bewegung. Ich bin fort mit dem Wind. Ich bin der Wind.“

Hartmann hat in Zürich selbst eine Schrumpfkur durchgemacht: Vom kulinarisch-kunstgewerblichen Regisseur zum spröden Minimalisten, der mit vollen Segeln vorwärts zurück zu den Wurzeln des Theaters segelt: Herstellen imaginärer Wirklichkeit durch Reduktion der Mittel, Zauberei mit klarem, konzentriertem Verstand. Das Boot ist in der Schiffbau-Spielstätte eine metallene Raute im Dunst, ein Geisterschiff auf dem Trockendock reiner Vorstellungskraft. Wenn Tilo Nest seine zaghaften Fragen, heimlichen Ängste und aufmunternden Phrasen in den Raum stellt, kommt die Antwort klar, nüchtern und ohne Verzug. Der Schnapsausschank ist eine pantomimische Geste, das Gluckern, Rauschen und Knattern sind Geräusche vom Band. Das Meer hat keine Balken, nur im Zwielicht treibende Steine, Positionslichter und ein in Kopfhöhe gespanntes, leuchtendes Tau mit einem geheimnisvoll wandernden Knoten. Das ist nicht viel, aber magisch, berührend, manchmal auch von leiser Komik.

Am Ende der Saison wird der Lotse Richtung Burgtheater verschwinden, mit gerefften Segeln, aber nicht unglücklich oder resigniert und auch nicht ganz spurlos: Er kam laut und stürmisch wie der Wind und geht nun als traurig-schönes, leises Lüftchen.

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