13.12.2004 · Kitschbombe explodiert! Dramaturgie getroffen! Thomas Ostermeier bringt an der Schaubühne am Lehniner Platz Marius von Mayenburgs neues Stück „Eldorado“ zur Uraufführung.
Von Gerhard StadelmaierGeschwader nachtschwarzer Kampfflugzeuge über Berlin. Terroristen sprengen Kreuzberg in die Luft. An jeder Bushaltestelle ein Giftgasanschlag. Der Bahnhof Zoo ein Krater, der botanische Garten weggebrannt. Die Tiere des Zoos irren in den rauchenden Ruinen des Kanzleramts umher. Die westlichen Armeen haben Charlottenburg praktisch aufgegeben. Krankenhäuser sind bis auf den Boden zerbröselt, Kinderleichen liegen in den Straßen. Und dann und wann ein blasser Jungdramatiker.
Bisher nämlich hat der zweiunddreißig Jahre junge Stückebastler Marius von Mayenburg in seinen Dramen junge, wilde Leute wie Kurt ausgeschickt, die Kirchen und Schulen und Amseln und Eltern mit Benzin übergießen und anzünden ("Feuergesicht", 1998), oder hat in den "Parasiten" (2000) ein paar verrückte Kinder zusammen mit Ratten und Schlangen und erbrochenem Kartoffelsalat "die Welt verpesten lassen mit unserem Gestank", oder hat im "Kalten Kind" (2002) die debilen Nachwuchsmonster der exhibitionistischen Generation der Dreißigjährigen ("Vom Grund der Kloschüssel starrt mich ein verschrecktes Tier an") sich gegenseitig mit ihren nie gesäuberten Windeln peitschen und quälen lassen. Aber alles im reizenden Schreib-Ton eines studierten höheren Sohnes, der den Schrecken und den Schmutz der Welt mit parfümierten Fingern aus dem Karteikasten zitiert. Und sie dann wieder zurücksteckt. Nun aber, in "Eldorado", seinem neuesten Stück, kennt von Mayenburg kein Pardon mehr. Karteikartengefangene werden nicht mehr gemacht: Die Apokalypse sei total. Und der Weltuntergang muß mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar sein.
„Freischütz“ statt Weltuntergang
Was aber macht in dieser Welt- und Hauptstadt-Katastrophe die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, die "Eldorado" uraufführt? Sie füllt den Bühnenraum mit unendlich viel welkem, staubgrauen Herbstblattwerk. Läßt sechs dicke, runde Eichen in den Bühnenhimmel wachsen. Es bellt kein Maschinengewehr. Dafür pocht der Specht. Es heult keine Sirene, sondern nur ein Käuzchen. Es fallen keine Bomben. Nur die Kesselpauke macht bummbumm.
Man scheint dort im Bühnenbild von Jan Pappelbaum irgendwie auf den "Freischütz" gefaßt, nicht auf den Weltuntergang. Außerdem ist vorne im Wald ein mattschwarzer Ledersessel, rechts hinten aber ein schwarzgleißender Steinway plaziert, auf dem ein blondes Mädchen Bach, Debussy und Schumann herzlich schlecht klimpert, jedoch mit entsetzt romantischem Aug' Löcher in den deutschen Wald stiert. Es werden also, das die trostvolle Botschaft des Abends, auch wenn Hekatomben von Leichen den Kosmos verklagen, deutscher Wald und Musik und Kultur und Klavierstunde und zu viel Pedal jedwede Apokalypse überleben.
Zum Verzweifeln niedlich
Thomas Ostermeiers liebe, trauliche Regie formuliert sozusagen einen ernsten Idyllenvorbehalt: die Kulturgartenlaube mitten im Feuersturm. Die Schaubühne als exterritorialer Schutzraum. Früher zog man bei einem Atombombenschlag die Aktentasche übern Kopf. Und machte sich im Kabarett darüber lustig. Heute spielt man Schumann. Und verdrückt in der Schaubühne treuherzigst eine Träne der Rührung (ohne von Schumann irgend etwas zu begreifen). Gegen das knallharte Realitätsprinzip, dem sich das ewig junge Team der Schaubühne verschrieben hat, darf dies schon als versuchter Kitschanschlag gelten.
Das Stück selbst aber, das in der Realität, nicht im deutschen Wald spielen möchte, erweist sich dann in der Schaubühne als Einschlag einer ausgewachsenen Sentimentalitätsbombe. Zwar nichts weiter als ein prätentiöses Tischfeuerwerk. Läßt aber von der Schaubühnen-Dramaturgie trotzdem nur noch Zuckerbrösel übrig. "Eldorado" tut so schrecklich, ist aber zum Verzweifeln niedlich. Es führt den Namen des sagenhaften glücklichen, utopischen Gold- und Honigflußlandes im Titel und meint natürlich, daß es ums Anti-Eldorado zu gehen habe: Die Welt geht unter - und sucht dabei noch nach Schlupflöchern. Und diese Schlupflöcher verstopfe ich euch mal, Herrschaften!, tönt Herr von Mayenburg dramatisch-jugendlich. Aber er reißt sie dabei weit auf: Der Verstopfer als Verdünner. Er verdünnt die Apokalypse mit dem Sozialdrama, das Sozialdrama (Hilfe, ich bin arbeitslos!) mit dem Künstlerdrama (Hilfe, ich kann nicht weiter!), das Künstlerdrama mit dem Generationendrama (Mami, ich bin dreißig, bitte hilf mir nicht mehr, das tut so weh!). Das Drama des einundzwanzigsten Jahrhunderts sucht Zuflucht beim neunzehnten: Naturalismus mit Apokalypsenzuckerguß auf Jugendproblemtortenboden.
Bleibt eigentlich nur eine Frage
Das geht so: Aschenbrenner (sprechender Name!) spekuliert mit Milliardensummen bezüglich des Wiederaufbaus der zerbombten Stadt: Dieter Mann läßt ihn sehr soigniert durchs Laub schlurfen und hält sich diese Figur ansonsten sehr seriös vom Leib. Anton hat Aschenbrenners Unterschriften gefälscht und viel Geld abgezweigt. Wird von Aschenbrenner rausgeschmissen. Kann seiner Frau nicht sagen, daß er arbeitslos ist. Verbringt seine Tage im Wald und in einsamen Hotels. Und tut seiner Familie gegenüber so, als ob er ins Büro gehe. Matthias Matschke, der Luftakrobat unter der deutschen Schauspielern, läßt ihn tänzelnd ein Treuherz-Gesicht machen wie ein Teddy-Bär, der staunend aus dem ungewaschenen Klischee herausguckt. Seine Frau Thekla, Pianistin in der Krise mit einem "Anschlag wie ein Pferd", wittert Unrat und Ehebruch. Stephanie Eidt legt sie an wie eine üppig beleidigte Diätleberwurst.Thekla wird von ihrer Klavierschülerin Manuela verehrt: Judith Engel deutet in wechselnden Blusen die Zicke in der Hysterikerin und die Liebessüchtige in der Zicke an.
Theklas Mutter Greta, ein geiles altes Stück, die sich den jungen Lover Oskar hält, hat Geld in Antons betrügerischem Projekt stecken, will es wiederhaben. Die liebliche Ingrid Andree zeigt die lebens- und liebesgierige Alte ganz reizend mit ironischem Oberton. Aschenbrenner erhängt sich, sitzt in Antons Schrank und redet als Toter zu Anton, der auf dem Schrank sitzt, bis sich Anton auch erhängt, aber weiterlebt und jetzt "vorsichtig mit seinem Hals sein muß", weil Thekla ein Kind kriegt und nicht mehr von der reichen Mama abhängig sein will, sich auszieht, im Schlüpfer dasteht: halbnackt, aber unabhängig, während Manuela die "Goldberg Variationen" spielt, der Zoo brennt, Bomben fallen. Der Specht tackt. Und alles, alles wird wieder gut.
Bleibt eigentlich nur noch die Frage: Hat die Schaubühne noch alle Apokalypsen im Schrank?
Weitere Aufführungen im Dezember:
Samstag, 18., 20 Uhr
Sonntag, 19., 20.30 Uhr
Montag, 20., 20 Uhr
Dienstag, 21., 20.30 Uhr
Mittwoch, 29., 20 Uhr