31.01.2005 · Punkt, Satz, Sieg für Purcell: Sasha Waltz hat die Oper „Dido and Aeneas“ des Barockkomponisten inszeniert. Die Choreografin hatte für ihre erste Opernregie gleich zwei ehrgeizige, freilich schon oft gescheiterte Ideen.
Von Eleonore Büning, LuxemburgNiemand steigt zweimal in den gleichen Fluß, aber naß werden kann man dabei schon. Nicht sprichwörtlich, nur buchstäblich. Sasha Waltz ist zurückgekehrt zum Narrativen. Sie hat ein Aquarium auf die Bühne des Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg gestellt. Worin Tänzerinnen und Tänzer des Waltz-Ensembles untertauchen und das alte Pan-jagt-Nymphe-Spiel spielen, während oben auf dem Dach der Naßzelle eine hagere Venus steht und mit Sonnengott Phoebus ein Täßchen Tee trinkt, schönverschraubte Reden schwingend über den Frühling, die Liebe und so fort.
Die Verse, gedichtet irgendwann zwischen 1678 und 1689 von Nahum Tate, gehören zum Prolog der Oper "Dido und Aeneas" von Henry Purcell. Man hätte sich dafür bessere Sprecher gewünscht. Bessere Tänzer aber als Charlotte Engelkes und, einen Kopf kleiner, Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola sind schwerlich zu finden. Das ungleiche Götterpaar leistet sich vorn an der Rampe ein atemraubend asynchron verhäkeltes, kastagnettenbewaffnetes Pausenclown-Ballett auf der Stelle, während hinten das Vorspiel-Wasser abgelassen und das Planschbecken entsorgt wird. Bühne frei, die Oper kann beginnen.
Leichtes Entree ins Reich der Oper
Es war abzusehen, daß die ideenreiche Choreographin Waltz nach Ablösung aus dem Kollektiv der Berliner Schaubühne auch den Kreis raumgreifender Weltanschauungsornamentik ausgeschritten hat. Nun fängt sie wieder damit an, Geschichten zu erzählen. Gute, alte Es-war-einmal-Geschichten, die sich beinahe wie am Schnürl von selbst abspulen, weil ihnen eine alte, gute Musik gehorsamster Diener ist. Nach einem ersten Schritt mit Schubert ("Impromptus", 2004) wagte Waltz nun nach intensiver Probenzeit erstmals den Sprung ins Reich der Oper. Kein Stück, das dazu leichter Entree gewährte als Purcells blitzkurze, an bunten Tänzen, bitteren Lachern und schwarzer Chaconne-Klage reiche "Dido and Aeneas" - im Untertitel zu Recht und Unrecht genannt: "An Opera".
Zu Recht, weil sie vom ersten Arioso "Shake the cloud" bis hin zum seufzerdurchwehten Schlußchor "With dropping wings ye Cupids come" tatsächlich durchkomponiert ist. Zu Unrecht, weil es sich in der Bühnenpraxis stets um ein Pasticcio handelte, zusammengeklebt aus Deklamation, Tanz, Chor und Gesang. Seit "Dido" (etwa in den Fünfzigern von Britten) wiederentdeckt und aufgeführt wurde, hat man sie laufend umgearbeitet. Das Libretto liegt vollständig vor - Purcells Musik dazu ist nur lückenhaft und in Kopie vorhanden. Folglich hat jeder Regisseur, jeder Dirigent die Freiheit, sich sein eigenes "Dido"-Patchwork zu basteln.
Mit Oper hat das nichts zu tun
René Jacobs beispielsweise lieh sich den fehlenden Schluß zum zweiten Akt aus der "Fairy Queen" aus. Sein vormaliger Schüler und Assistent Attilio Cremonesi hat nun für die Luxemburger Waltz-Produktion Musikstücke aus diversen "semioperas" Purcells ausgeborgt, vorne den (gesprochenen) Prolog wieder angesetzt und mit Kontrafakturen von Chören aus "King Arthur" durchwebt, dazu den ersten Akt erweitert um ein karnevalesk ausgestattetes, tanzdurchwirktes Festbankett. Da die bis auf Schlagzeug, Cembalo, Theorben und Gitarre nur aus einem Streicherconsort bestehende Akademie für Alte Musik unter Cremonesis Leitung zauberhaft durchsichtige Klangbilder ausbreitet und rhyhthmisch gestochen scharfe Tänze abliefert, da überdies das Vokalconsort Berlin die Chöre mit höchster Präzision und Verve singt, freut man sich bald über jedes Stück Musik, das neu hinzukam - woher auch immer: Punkt, Satz und Sieg für Purcell. So wächst sich das kurze Werk aus auf abendfüllende Länge, und man hat nie genug davon.
Sasha Waltz ihrerseits flickt und kittet die verflixten Fugen des Gesamtkunstwerks, die alle Nase lang aufbrechen wollen in den Übergängen von Sprache zu Tanz und Tanz zu Gesang, mit ihrer elegant-eloquenten Körperzeichensprache. Sich verselbständigende Einlagen erzählen ulkige kleine Geschichten in der Geschichte: wie man einen Bogen spannt im Sprung; wie man einen Hofknicks macht; wie man sich in ein Pferd verwandelt, einen Vogel, eine Königin. Und immer wieder: Wie man haltlos liebt und Halt sucht in der Liebe, wie man verzweifelt, sich versteckt, untergeht, stirbt und aufersteht.
In ihren intensivsten Momenten gewinnen diese poetischen, quasiorganischen Metamorphosen der bewegten, nur mit hautfarbenen Slips oder schillernden Satinfähnchen bekleideten Körper eine zweite, bei abgedunkeltem Graben auch musiklos in der Stille sich ausspinnende Realität. Mit Oper hat das zwar nichts zu tun. Auch zu der kühl-kurzen Story eines angekündigten Todes, wie Purcell sie erzählt, hängen die bestürzend schönen Waltz-Bilder über die Lustqual der Liebe oft nur haarfein am Rande zusammen.
Gleich zwei ehrgeizige Ideen
Gerade darin aber liegt der dialektische Reiz dieser Produktion. Das kann ja wohl nicht alles gewesen sein: Dido liebt Aeneas, der leider Rom gründen gehen muß, auf Geheiß des Jupiter - der bei Purcell, very british, durch schaurige Shakespeare-Hexen ersetzt wird, dann stirbt sie an gebrochenem Herzen, und Karthago geht unter. Die Aussicht auf Untergang ist der Musik vom ersten Moll-Ton an eingeschrieben, nicht umsonst sind es gleich drei auf ostinate Baßlinien gegründete Lamenti, die das Stück Akt für Akt zum Tryptichon gliedern: Didos erste und letzte Arie sowie die der "Second Woman", die mitten im fröhlichen Jagen an das Schicksal des von den Hirschen zerrissenen Acteon erinnert.
Céline Ricci verleiht der anonymen Unglücksbotin eine glockenklare, ausdrucksstarke Stimme. Deborah York als Belinda steht ihr kaum nach - während Reuben Willcoex das wenige, was er als Aeneas zu sagen hat, mit mannhaftem Nachdruck poliert und Aurore Ugolin zu blaß bleibt mit ihrem milden Mezzosopran, als daß sie Königin Dido tatsächlich tragisches Profil geben könnte. Und dann hatte Waltz für ihre erste Opernregie gleich zwei ehrgeizige, freilich schon oft gescheiterte Ideen: erstens, daß jemand diese schönklingenden Sängerstandbilder endlich einmal richtig auf Trab bringen müsse. Zweitens, daß man ihnen sicherheitshalber auch noch Tänzerdoubles zur Seite stelle.
Es steckt also viel Knochen- und Koordinationsarbeit in dieser aufwendigen Produktion, die man zu sehen nicht versäumen sollte, demnächst in Montpellier oder ab Mitte Februar in der Berliner Lindenoper. Manchmal knirscht es noch, und man wundert sich über die schnöde, blöde Verdoppelung der Affekte. Oft aber klappt es, wie ein Wunder, und die Sänger gehen auf und unter, fließend wie Milch und Honig, in den Wogen der bewegten Menschenform.
Eleonore Büning Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin
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