Während des Konzerts von Santi White alias Santigold im Berliner Astra Kulturhaus beginnt man sich zu fragen, wie wohl die Stellenausschreibung für die zwei singenden Tänzerinnen an der Seite der afroamerikanischen Musikerin gelautet haben mag. Vielleicht so: „Sie können singen, tanzen und boxen, haben Kenntnisse in afrikanischen Stammesritualen und waren auch mal Cheerleader? Sie haben in einer Marschkapelle getrommelt, können mit einem Lasso umgehen und ein Pferd kontrollieren? Dann sind Sie bestens geeignet für eine Rolle im Programm unserer ambitionierten und angesehenen Künstlerin! Und bringen Sie zum Vorsingen bitte einen Hammer, einen Regenschirm und Ihre dunkelste Sonnenbrille mit.“
Tatsächlich gehören alle diese Elemente zum Auftritt von Santigold, auch wenn natürlich kein echtes Pferd zum Einsatz kommt, sondern nur ein lebensgroßes Huftierkostüm: Für jedes Lied hantieren die beiden Frauen rechts und links des Bühnenrandes mit einer anderen Requisite, vollführen im Einklang je eine unterschiedliche Choreographie. Und selbst wenn es hoch hergeht - und das ist an diesem Abend häufig genug der Fall -, bleiben ihre Gesichtszüge absolut regungslos hinter tiefschwarz getönten Gläsern.
Ihre Offenheit ist entwaffnend
Santigold, die Sängerin und Komponistin in ihrer Mitte, wurde im Frühjahr 2008 mit ihrem Debüt schlagartig berühmt. Stücke wie „L. E. S. Artistes“, „Creator“ oder „Shove It“ bestachen mit einer so rotzigen wie eklektischen und mit einem Male selbstverständlich klingenden Mischung aus Hip-Hop und Indie, Dub Reggae und Post Punk und fanden sich zum Jahresende in allen relevanten Bestenlisten wieder. Entsprechend avancierte die Musikerin zu einer angesagten Kooperationspartnerin und Beatlieferantin, die sowohl mit der schwedischen Sängerin Lykke Li, den Rappern der Beastie Boys sowie den britischen Dance-Duo Basement Jaxx zusammengearbeitet als auch Lieder für Christina Aguilera geschrieben hat. Der eigene Nachfolger zum Erfolgsalbum brauchte lange. Erst vor einigen Wochen erschien mit „Master of My Make-Believe“ die zweite Platte aus der Feder der 35 Jahre alten Musikerin. Der Einfluss von Punk und New Wave ist in den elf Stücken nicht mehr so deutlich zu spüren. Dafür spielen afrokaribische Polyrhythmik, Reggae-Grooves und chorale Gesangsschichten eine größere Rolle in Santigolds Sound-Ästhetik.
Demgegenüber geht ihr ausverkauftes Konzert in Berlin erst einmal richtig rockig los. Begleitet von einer klassischen Trio-Formation aus Gitarre, Bass und Schlagzeug, merkt man, dass Santi White ihre Karriere in den neunziger Jahren als Frontfrau einer Ska-Punk-Band in Philadelphia begann: Die rohe Gewalt steht ihr jedenfalls besser als die Glätte und der Bombast von manchen neuen Stücken. Santi White mag zwar keine Vollblutperformerin sein, die die Bühne im Handstreich einnimmt. Doch mit jedem Stück wirkt sie lockerer. Ihre Offenheit ist entwaffnend, sie sprüht vor Charisma und Sympathie, so dass sie trotz der amüsanten Einlagen ihrer Tänzerinnen immer das Zentrum des Geschehens bleibt. Dazu kommt ein selbstbewusster Umgang mit dem bereits Erreichten. Für eine Musikerin, die über ein derart enzyklopädisches Pop-Verständnis verfügt wie White, wäre es ein Leichtes, dieses Wissen im Konzert durch Cover-Versionen vorzuführen. Stattdessen verweist sie lieber auf die Gegenwart und spielt auch schon mal die Titel aus ihrem Repertoire, die Kolleginnen und Kollegen inspiriert haben. Vor „Shove It“ zitiert sie beispielsweise „Brooklyn Go Hard“ von Jay-Z, dessen Refrain ebenjenem Lied von White entlehnt ist. Anstatt sich also der Geschichte unterzuordnen, zeigt Santigold lieber auf, wie sie die Historie vorantreibt.
Die Unmittelbarkeit der Darbietung sorgt dafür, dass das Publikum Santigold von Beginn an frenetisch feiert - und irgendwann auch sich selbst. Zu „Creator“ bittet White zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzer aus der Menge nach oben, verschwindet zum Ende des Stücks und überlässt ihren Fans das Rampenlicht. Ein sicherlich sehr treffendes Bild für eine Künstlerin ohne Berührungsängste, für die Hierarchien und Grenzen nicht zu bestehen scheinen.