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Salzburger Festspiele So schwer wiegt heiße Luft

01.08.2011 ·  Viel Wind für eine Luftnummer: Roland Schimmelpfennigs „Die vier Himmelsrichtungen“, das jetzt in Salzburg uraufgeführt wurde, trägt schwer an seiner Mythenlast. Drei Dramenideen treten sich ständig auf den Füßen herum.

Von Gerhard Stadelmaier
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Das neue Stück des inzwischen schon sehr berühmten, sehr etablierten und ziemlich alten (Jahrgang 1967) deutschen Märchen- und Weltverrückungsdramatikers Roland Schimmelpfennig heißt „Die vier Himmelsrichtungen“ und geht so: Zwei Männer schlagen sich in einer Kneipe um eine Frau (Kellnerin). Der Schmächtigere der beiden bricht dem Stärkeren das Nasenbein. Der Stärkere boxt dem Schmächtigeren in Leber und Niere. Der Schmächtigere stirbt. Die Frau (Kellnerin), die schon die ganze Zeit an rasendem Kopfweh litt (Tumor), trotzdem es gern, aber herzlos mit dem Stärkeren trieb („oder fickte, wie sie immer sagte“), den Schwächeren aber nie an sich ran ließ, geht ins Krankenhaus und ward nicht mehr gesehen (womöglich Exitus). Die ältere Freundin des Schwächeren, eine Madame Oiseau (Vogelfrau auf französisch?), mit der er zwölf Jahre zusammen war und die eine Art Wahrsagerin ist, steigt in den Zug und haut ab. Der Stärkere bleibt versteinert zurück. Vier Leute in einem Endspiel. Womöglich ist das ein Drama.

Das neue Stück Schimmelpfennigs geht aber auch so: Der Stärkere ist ein „Mann aus dem Norden, der brachte Regen mit“. Die Kellnerin ist die „Frau aus dem Westen, die brachte Wind mit“. Der Schwächere ist ein „Mann aus dem Süden, der brachte Nebel mit“. Die Wahrsagerin ist die „Frau aus dem Osten, die brachte Eis mit“. Dabei hatte der Wetterbericht immer etwas ganz anderes vorhergesagt. Vier Leute als metereologische Dementis. Womöglich ist das ein Drama.

Das neue Stück Schimmelpfennigs geht aber auch so: Die Kellnerin, die Frau mit dem Kopfweh und dem vielen Wind und den vielen Locken, die „ihr in den Kopf hinein wachsen“, soll Medusa sein, die Mythenfrau mit dem Schlangenlockenhaupt, die jeden, der ihr ins Angesicht schaut, in Stein verwandelt. Der Schwächere, der Mann aus dem Süden mit dem Nebel, sieht sich deshalb als Perseus, Sohn der Danae und des Zeus, der einst der Medusa das Haupt abschlug, das er allen möglichen mythischen Königsschuften entgegenhielt, so dass ein großer Teil der vorgeschichtlichen Welt uns heute in versteinerter Form (auch in Form von Gebirgen, siehe den König Atlas) überkommen ist. Es könnte die Wahrsagerin Madame Oiseau eine Art Andromeda sein, die reguläre Frau des Perseus, und der Stärkere womöglich der fiese König, der dem Perseus Knüppel zwischen die Beine wirft und hier halt einen finalen Leberhaken versetzt. Vier Leute als Mythenzitat, wobei die Kopfwehheilung in Form einer Kopfabschlagung den Zitiermodus doch etwas arg strapaziert. Aber womöglich ist das ein Drama.

Von aller Vernunft verlassen

Alles zusammen aber ist das kein Drama. Wenn sich – mindestens – drei Stücke in einem Stück auf die Füße treten, in dem auch nicht gehandelt wird, sondern in dem die vier Personen nur einzeln oder auch gerne durcheinander aufsagend berichten, was ihr oder den anderen damals oder jetzt handelnd widerfährt, und mit ihren insgesamt zweiundfünfzig Berichten und Erzählungen vor und zurückspringen im Zeitverlauf und sich lähmen und behindern, und nichts recht vorangeht. Es ist ein Ragout aus der windigen Ecke. Der Schmock als Schicksalsmythenkneipenwetterbericht. Mit vierfachen Liebes- und Todesfolgen. Nachbarin, euer Löschpapier!

Roland Schimmelspfennigs stückeschreiberischer Charme besteht in seinen guten Werken darin, dass er die alltägliche Welt ins Traumhafte, zeitlupenhaft Versehrte, märchenhaft Abgründige verrückt, aber ihr einen klaren, hellen Vernunftspiegel hinterherträgt. In seinen schlechteren Werken besteht Schimmelpfennigs stückeschreiberische Crux darin, dass er den hellen Spiegel weglegt, dafür aber seinen dunklen Verrückungen Zentnerlasten an Anspielungen, Gerauntem und Bedeutendem auferlegt, das sich schnell als Doppelzentnerlast von Beliebigem entpuppt.

Könnerschaft in Schubladen

In den „Vier Himmelsrichtungen“ besteht die metereologisch-mythische Doppelzentnerlast naturgemäß aus Luft. Der Stärkere nämlich, ein LKW-Chauffeur, hat seinen Brummi in den Straßengraben gesetzt. Die Ladung, vierhundert Kisten mit Luftballons, bleibt im Graben liegen. Der Schwächere kommt, reißt sie sich unter den Nagel und lebt fortan davon, aus den Luftballons auf Märkten und Straßen Tiere zu formen: Frösche, Schweine, Vögel, Katzen, Hunde und dergleichen. Der Stärkere haut ab, kauft sich eine Pistole, überfällt einen Schnapsladen, erschießt einen Schlachthofdirektor, schläft mit der Kellnerin, haut den Schwächeren zu Todesbrei. Und die Wahrsagerin sieht das alles voraus. Aber keine dieser Figuren hat mehr an Substanz in sich, als in einen der skulpturalen Ballone des aufbläserischen Tierbildners passt: heiße Luft, die im Lauf des Stücks immer lauer wird.

Im Salzburger Landestheater, wo der Autor als sein eigener Regisseur sein Stück uraufgeführt hat, wabert denn auch viel Nebel über einer großen, wüstenartigen Hügelfläche aus echtem, feuchtem, modernd stinkendem Sand, den der Bühnenbildner Johannes Schütz dort hat aufschütten lassen. Mitten drin ein Podest, auf das vier ganz fabelhafte Schauspieler treten und virtuos von Wetter, Liebe, Tod und Luftballon nacheinander und manchmal auch miteinander oder gegeneinander aufsagend berichten. Wobei Kathleen Morgeneyer als Kellnerin Medusa im kurzen roten, weißgeblümten Kleidchen die Panik einer Kopfmoribunden in kratzbürstig-widerständige Hysterie überführt; Ulrich Matthes als Luftballontierbildner-Schwächling Perseus im Sternenanzug des Vergeblichkeitszauberers die Liebessehnsucht eines Verlorenen als glutdurchpulsten Irrsinn sanft auf sich nimmt; Almut Zilcher als Wahrsagerin im goldbordierten schwarzen Kleid die Trauer einer abgelegten, aber starken Frau locker stemmt; Andreas Döhler als jovial-vitaler Brutalo die grinsende Gemütsgewalt des Stärkeren samt Pistolenknall und Strumpfhosenmaske beim Schnapsladenüberfall genießerisch abschmeckt. Schauspielerische Könnerschaften. Aus besten Allzweck-Schubladen.

Alles schön und gut. Nur wofür?

Doch wohl für nichts als eine Luftnummer.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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