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Salzburger Festspiele : Schwein für Schwein, nicht Maß für Maß

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Gert Voss als Herzog Vincentino und Jenny König als Novizin Isabella in Shakespeares «Maß für Maß» Bild: dpa

Schlechtes Deutsch, aber gute Schauspieler in Shakespeares letzter Komödie „Maß für Maß“: Gert Voss und Lars Eidinger brillieren bei den Salzburger Festspielen in Thomas Ostermeiers Inszenierung.

          In „Maß für Maß“ erzählt William Shakespeare die Geschichte eines Mannes, der hingerichtet werden soll, weil er seine Freundin geschwängert hat. Im wüsten England um 1600 war das ein absurder Witz; in der Gesellschaft von heute, da sich Staat und Parteien mit Lockmitteln für werdende Eltern geradezu überbieten, wirkt die Konstellation der tödlich bestraften Vaterschaft arg wirklichkeitsfremd. Ein gütiger Mix aus Elternteilzeit, Kindergeld und Krippenplatz hätte es doch auch getan. Aber hat der große William in seiner letzten, bittersten, sadistischsten Komödie nicht auch die Parabel von der Doppelmoral erzählt? Die Satire auf den sittenlosen Sittenwächter, auf die speichelleckenden Höflinge und den launisch-bösen Herrscher? „Maß für Maß“ verbirgt hinter der Maske des Tugendmärchens so allerhand: barocke Leichenpredigt, staatsgläubigen Nihilismus, fromme Brunst.

          Der Berliner Schaubühnenchef Thomas Ostermeier indes kratzt und wäscht bei den Salzburger Festspielen so eifrig an der Oberfläche herum, dass wir das Dahinter ein bisschen aus den Augen verlieren. Im ohnehin schon kuschlig stuckierten Landestheater sind vor Beginn der Tragimödie schon alle da, als müssten sie in einem vergoldeten Guckkasten nochmal ihre Rollen proben: Da ist der Verurteilte Claudio in der Unterhose, in Gestalt von Bernardo Arrias Porras ein ziemlich rachitischer, pubertierender Lover, dem man zur verbotenen Schwängerung lieber erstaunt gratulieren würde. Seine Schwester Isabella empfängt uns gleich im blütenweiß gestärkten Nonnenhabit; von dieser Pose sittenstrenger, blauäuigiger Reinheit rückt Jenny König als Bittstellerin und Sexobjekt für den geilen Aushilfsfürsten Angelo den ganzen Abend nicht mehr ab. Das ethische Sauberfräulein hätte lieber einen Bruder im Grab als einen Mann im Bett.

          Windhündische Plaudertasche mit Berliner Schnauze

          Mit solcher Kopflosmoral ist sie auch nicht viel netter als Angelo selbst, den der großartige Lars Eidinger weniger als widerwärtigen Lüstling denn als getriebenen Behördenchef gibt: Sachzwänge, und lauerten sie in der Unterwäsche, gebieten dem modernen Politiker sein Handeln. Nach dem Schlussbeifall wird er sicher noch eine Pressekonferenz einberufen und dabei ein paar Tränchen verdrücken. Oder wir treffen Lucio, gespielt von Stefan Stern, die windhündische Plaudertasche mit Berliner Schnauze. Dass mit keiner dieser Figuren so rechtes Mitleid aufkommen will, hat naturgemäß mit dem Verursacher all der Liebeskalamität zu tun.

          Eigentlich geht es um Liebe: Lars Eidinger (Mitte) als geiler Aushilfsfürst Angelo

          Dieser Wiener Herzog Vincentio ist schon bei Shakespeare ein sinistrer Puppenspieler, der das blutige Sittengericht seinem Vize überlässt, indem er unbekannt verreist – und dann in der Mönchskutte das angerichtete Schlamassel heimlich mithört und auch noch genüsslich in die Länge zieht. Gert Voss ist in dieser Rolle der unumschränkte Chef, der den jovialen Landesvater ebenso mit links herunterspielt und dabei den eiskalten Boss nur mal aufblitzen lässt, wie er den Mönch heiser chargiert. Und nebenbei immer so unterfordert wirkt, als wollte er am liebsten in alle anderen Rollen auch noch schlüpfen, weil ihm dieses sein Kasperltheater noch nicht wild, nicht spannend, nicht verrückt genug ist.

          Routiniertes, karg möbliertes, cooles Regietheater

          Neben dem verschrobenen und gelinde unheimlichen Regisseur der Handlung auf der Bühne gibt es ja auch noch einen Regisseur dahinter. Thomas Ostermeier hat sich leider für die Textvariante von Marius von Mayenburg entschieden, die Shakespeares Mysterienspiel der verbotenen Lust und der unlustigen Verbotsherrschaft ins Neuschwachhochdeutsche übersetzt. Hier hat ein Herrscher eben keine Macht, sondern Handlungsspielraum, und alle Rhythmen und Reime werden zerrieben von der Melodie der Tischvorlage einer Powerpointpräsentation. Bei so viel grammatikalischer Moderne in einer durchweg antimodernen Geschichte sehnt man sich bald nach Blankversen und Schlegel-Tieck.

          Und dieser Entbeinung des Dramas auf eine Fastfoodmahlzeit, dieser souveränen Entzauberung einer Handlung, die nur als mittelalterliches Märchen erträglich wäre, kann auch Ostermeiers routiniertes, karg möbliertes, cooles Regietheater nicht entgegensteuern. Da helfen auch die Renaissancemadrigale wenig, die ein modernes Trio immer mal wieder in die Handlung einstreut – und ansonsten so hilflos wie überflüssig in der Staffage hockt.

          Allzu simpel auf Comedy reduziert

          Bis zur Schnürlregendusche für die ersten Sitzreihen strapaziert Ostermeier einen Wasserwerfer, der – aha! – die Reinheitsgebote der Sittenrichter und die Abkühlung allfälliger Geilheit symbolisiert. So etwas ist dann doch reichlich platt. Über weite Strecken baumelt am Kronleuchter eine vorgekühlte Schweinehälfte, an der die deklamierenden Heroen herumschnippeln, auf der sie herumknutschen, neben der sie ausrutschen und an der sie ihre lächerlichen Perücken befeuchten dürfen – und die am Ende schicksalhaft auch noch mit der Elektrosäge ersatzgeköpft werden muss. „Schwein gehabt“, kommentiert der Herzog am Ende die eigene großmütige Schweinerei gegenüber dem schweinischen Angelo. Was wohlfeile Lacher bringt, aber Shakespeare dann doch allzu simpel auf Comedy reduziert: „Schwein für Schwein“, nicht „Maß für Maß“.

          Nur in einer Szene kocht das alchimistische Brodeln in Shakespeares Hexenküche auf. Da macht Gert Voss, ein Mephisto in der Mönchskutte, dem todgeweihten, lebensgierigen Claudio das Sterben genüsslich schmackhaft: Was läufst du denn dem Ende weg, wenn du ihm dabei immer nur entgegenrennst? Lohnt doch nicht! Da kriegt der arme Kerl noch einen Klaps in den Nacken. Und wir merken ganz kurz, dass dieses Marionettentheater gar nicht von Politik erzählt oder von Liebe. Sondern vom theatralischen Zappeln eines Hampelmanns, der keine Chance hat.

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