31.07.2006 · Regisseur Dimiter Gotschef zeigt bei seiner Salzburger Inszenierung von Molières „Tartuffe“ nicht die Zerstörung, von der das Stück handelt, sondern zerstört das Stück selbst und macht einen Heiner Müller daraus. Eine Kritik von Gerhard Stadelmaier.
Von Gerhard Stadelmaier, SalzburgSieh da, eine bürgerliche Familie. Der Vater, der superreiche Herr Orgon, legt sich eine Gandhi-Toga um, beklebt sich mit grünen Blättern, läßt sich von seiner Frau Elmire mit Haselnußzweigen peitschen, geht auf Pilgerreisen und träumt von glühenden Feuern, die auf die Erde fallen, zitiert aus dem Matthäus-Evangelium, singt hie und da - ohne Text - die Melodie des Horst-Wessel-Liedes, das er offenbar als religiös empfindet, und ist auch sonst ziemlich gaga.
Die Mutter ist ein total gelangweilter und sexuell frustrierter Bubikopf-Vamp im Charleston-Edelfummel der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, sucht nach „einem Verweser meiner Körperöffnungen“, klettert aber über die Zuschauerreihen und verkündet, sie wolle „die Milch meiner Brüste vergiften“ und sie stoße „den Samen aus, den ich empfangen habe“.
Müllere statt Moliere
Die Tochter Mariane ist ein pinkes Hot-Pants-Trutscherl, der Sohn Damis ein schielender, lallender, O-beiniger „Bettnässer und impotenter Kotzbrocken“ in Tennis-Shorts. Der Schwager Cleante terrorisiert im weißen Dandy-Anzug die Familie mit Einpeitsch-Chören („Alle auf mein Zeichen!“), in denen vernunftlos und geheuchelt für Vernunft und gegen Heuchelei gebrüllt wird. Großmutter Pernelle hält ein Kreuz hoch und jault. Dorine, das Dienstmädchen, die „kleine bulgarische Fotze“, redet gern davon, wer mit wem „fickt“, holt ihre Brüste raus („Husch, husch, ins Körbchen!“) und spielt in Anna-Netrebko-Perücke und im gepünktelten Pettycoat das Osteuropa-Girl, das zu allem zu gebrauchen ist, wenn man ihm nur eine österreichische Staatsbürgerschaft verspricht. Natürlich sind sie alle dumm, leer und verkommen. Man müßte sie sofort liquidieren. Aber dann brauchte man sie gar nicht mehr zu inszenieren. Was aber inszenierte man, hätte man die Bürger nicht?
Ursprünglich entstammen sie dem „Tartuffe“, einer Komödie von 1664, die Moliere schrieb. Hier aber heißt ihr Autor nicht Moliere, sondern eher Müllere (Vorname Heinere). Auf der großen leeren Fabrikbühne auf der Perner-Insel in Hallein, einer der Nebenspielstätten der Salzburger Festspiele, jagt sie der Regisseur Dimiter Gotscheff, der bei Brecht noch das Konzepttheater und bei Heiner Müller (laut Interview-Bekenntnis) das Whiskytrinken gelernt hat, in seiner Rolle als Freistilkonzeptcatcher vom ersten Auftritt an höhnisch durch eine müllersche apokalyptische „Tartuffe“-Maschine analog zu Müllers berühmter „Hamletmaschine“, in der Hamlet den berühmten Satz sagt: „Mein Drama findet nicht mehr statt“. Hier aber findet die Komödie nicht mehr statt. Gotscheff ringt sie nieder, nimmt sie in den Schwitzkasten, läßt aber zentnerweise Konfetti und Luftschlangen auf sie niederregnen, in und unter denen die Familie Orgon im Spaßgesellschaftsmüll debil grinsend herumrutscht. Müllers Esel - hämisch ausgestellte Materialbrocken einer Weltuntergangsdramatik, die so lange kostenlos die Apokalypse predigt, solange sie gut von ihr lebt.
Das Heil im Kaputten
Bei Moliere kommt eine Familie ideell, sexuell und materiell an den Rand eines Abgrundes: durch einen Eindringling, Tartuffe, den Herr Orgon ins Haus geholt hat, dem er sich ausliefert, dem er seinen Glauben, seine Tochter, sein Geld, sein Haus, seinen Besitz, beinahe noch seine Frau schenkt. Tartuffe ist ein Heuchler. Er nimmt, was er kriegt. Und verkleidet seine Gier, vor allem seine sexuelle, mit dem, was er einzig hat: Frömmigkeit, Religion, Fanatismus. Molieres Komödie heilt die Familie - gerade noch so. Immerhin hatte Tartuffe seine Hand schon weit unterm Rock von Elmire.
Aber bevor etwas geheilt werden kann, muß erst etwas kaputtgehen, also auch vordem irgendwann einmal heil gewesen sein. Moliere zeigt die Zerstörung von etwas Kostbarem: Treue, Liebe, Vertrauen, Vernunft, Tapferkeit durch Verrat, Haß, Mißtrauen, Unvernunft, Feigheit. Aber das Kostbare bleibt bei Moliere immer spürbar. Wenigstens als Utopie.
Ein Nichts für die Erste Welt
Gotscheff kennt nichts Kostbares und zeigt keine Zerstörung. Gotscheff zerstört. Er tritt lieblos und höhnisch auf lächerlichen kleinen schreienden Kläffern und Sabberern und Bettnässern herum. Und opfert sie Herrn Tartuffe. Dieser, in Gestalt von Norman Hacker in Anzug und T-Shirt ein kleines Double des ja längst verstorbenen Heiner Müller, betritt aasig lächelnd und apfelkauend die leere Bühne, macht kühl und unbeteiligt der Elmire Avancen, nimmt den Orgon auf den Schoß, murkst Madame Pernelle mit dem Messer ab, von dem er gut müllerisch empörungsekstatisch sagt, er wolle sich auch „ein Stück Kuchen aus dem Reichtum und der Armut der Welt herausschneiden - aber ihr, ihr habt die Messer!“ Als Fanatiker und Eindringling und Heuchler und Parasit liest er aus einem Reclamheftchen, auf dem groß „Tartuffe“ steht, vor, was das bedeutet, wenn einer Fanatiker, Eindringling, Heuchler und Parasit ist, nämlich „Ausgestoßener“, „Fremder“, „Ausländer“. Tartuffe hat hier also mehr als recht, wenn er mit Inländern und der ganzen Famillje abräumt.
Und wo bei Moliere Herr Orgon untern Tisch kriechen muß, um mit anzusehen, daß der heilige Tartuffe der Frau Elmire ganz unheilig an die Wäsche geht, und ihn dann aus dem Haus wirft, haben hier Tartuffe und Elmire ganz hinten ein nüchtern emphatisches Müller-Gespräch über Schenkel, Kotausgang und Orgasmen, was den im Vordergrund in Gandhi-Trance auf dem Boden herumlallenden Orgon offenbar in den Wahnsinn treibt und „hinaus!“ rufen läßt, was aber ganz unlogisch ist. Denn dieser Orgon hat vorher schon nie etwas mitbekommen. So findet also wirklich kein Drama mehr statt. Sondern man schaut lauter Hysterien zu. Diese aber bekommen Tonnengewichte angehängt: Müllers Schmuh.
Denn Herr Tartuffe verkündet ganz nebenbei, nachdem Elmire, über die Zuschauerreihen kletternd, von ihrem Schoß den eklen Samen und von ihren Brüsten die giftige Milch der Ophelia aus Müllers „Hamletmaschine“ brabbelnd abgesondert hatte, den Kampf der Dritten gegen die Erste Welt, wobei er selbst die Dritte Welt (der gute Neger) ist und die Orgons die Erste Welt (die bösen Weißen) sind. Und die „Späher Attilas schweifen gierig durch den Supermarkt, den Raub der Kolonien, den übers Jahr die Hufe ihrer Pferde küssen werden, heimholend in das Nichts die Erste Welt“. Daß die Erste Welt hier aber tatsächlich ein Nichts erlebt hat, wollen wir gerne bestätigen.