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Tsangari inszeniert „Lulu“ : Drei Lolitas aus dem Automaten

Lulu, das sind hier mehrere Projektionsflächen für Männerphantasien: Anna Drexler als eine, Isolda Dychauk als eine zweite und zwischen ihnen Maik Solbach. Bild: Barbara Gindl/APA/dpa

Durch emotionales Desinteresse in die Knie gezwungen: Die griechische Filmregisseurin Athina Rachel Tsangari inszeniert bei den Salzburger Festspielen Frank Wedekinds „Lulu“. Ohne Gott und Geschlecht.

          Natürlich: Mit „Weibern“ muss sich heute niemand mehr herumschlagen. Die Kategorie ist abgeschafft, glücklich überwunden im Zuge hart erkämpfter Moralreformen. Offen bleibt nur, ob sich nach der erfolgreichen Abschaffung des „Weibes“ deswegen nicht auch die Frage nach „Weiblichkeit“ erübrigt. Oder ob hier doch die beharrenden Kräfte ihre Stellung behaupten und die alte Geschlechtsbezeichnung immer noch eine Bedeutung behält.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Interesse an diesem Problemfeld scheint jedenfalls nicht zu erlahmen. Sonst würde man heute, im Jahr 2017, nicht auf die Idee kommen, „Lulu“ aufzuführen. Frank Wedekinds „Monstretragödie“, in der ein männermordender Vamp sein Unwesen treibt und uns drastisch vor Augen führt, dass der weibliche Sexualtrieb nicht als liebliche Leidenschaft, sondern als zerstörerische Elementargewalt verstanden werden sollte.

          Geschrieben in den letzten Atemzügen des neunzehnten Jahrhunderts, direkt beeinflusst von Nietzsche und dessen „Todfeindschaft der Geschlechter“, fordert Wedekinds „Lulu“ den Betrachter trotz der historischen Anbindung noch immer heraus. Bringt ihn und sein Weltbild ins Wanken. Wenn Silvia Bovenschen 1979 in einem Essay bemerkte, dass die Spekulationen über das Wesen Lulus häufig noch einmal das nachvollziehen, was die im Stück auftretenden Männer unablässig tun, nämlich an der Figur „lediglich die Spiegelbilder ihrer eigenen Weiblichkeitsvorstellungen wahrzunehmen“ – dann gilt so viel noch immer: Jeder, der diese Lulu beschreibt, der sie inszeniert und deutet, verrät auch etwas über sich selbst. Und über den Nerv seiner Zeit.

          Ein selbstsicheres, auch irritierendes Bedürfnis

          Die griechische Filmregisseurin Athina Rachel Tsangari, die „Lulu“ in der Pariser Urfassung jetzt bei den Salzburger Festspielen neu inszeniert hat, besitzt einen besonderen Blick auf die Welt. In ihrem aufrührenden Film „Attenberg“ von 2010 erzählt sie mit einfachsten Mitteln die Geschichte einer jungen Frau, die nicht weiß, was ihr der eigene Körper bedeuten soll. Wie das geht mit der Liebe, was richtig ist und was falsch. Es gibt eine Freundin, die ihr die Abläufe technisch erklärt, und einen Mann, der ihr im Bett seltsam teilnahmslos begegnet. Erotisch im herkömmlichen Sinne ist hier nichts. Die Trostlosigkeit der Umgebung – eine heruntergekommene Arbeitersiedlung – hat auf die innere Haltung der Figuren abgefärbt. Sie glauben an nichts mehr, weder an einen Gott noch an ein Geschlecht.

          Diese teilnahmslos-melancholische Grundstimmung hat Tsangari – die hier zum ersten Mal am Theater Regie führt – direkt auf ihre „Lulu“ übertragen. Kein emanzipatorischer Furor, nicht der Drang, Lulu als Opfer einer ausbeuterischen Gesellschaft darzustellen, bestimmt ihre Inszenierung, sondern das selbstsichere, auch irritierende Bedürfnis, ihr Schicksal symbolisch und leicht ironisch zu fassen.

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