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Veröffentlicht: 05.08.2017, 11:25 Uhr

Salzburger Festspiele Ausgestoßen vom Zucken der Lust

Romantik in Ausnahmesituationen: Bei den Salzburger Festspielen feierte Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ Premiere.

von , Salzburg
© Barbara Gindl/APA/dpa Schreiende Schauspieler, zerstörte Kopfkissen: Schostakowitschs Oper in Salzburg

Man könnte es leicht nehmen wie Cole Porter: „Die Vögel in der Höhe tun es, selbst wohlerzogene Flöhe tun es. Alle tun es: Sei mal verliebt!“ Aber für Katerina Ismailowa wird es nur schwerer, wenn sie sieht, wie leicht es alle mit „der Liebe“ nehmen: Die Mägde und Knechte auf dem Hof, im blauen Licht der Nacht, im Stehen, im Liegen, von vorne, von hinten – sie tun es. Und der Regisseur Andreas Kriegenburg schafft es, die Not dieser Frau dazwischen still ins Bild zu setzen.

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Nina Stemme steht als Katerina, leuchtend schön, mit eigener Würde, dem stummen Zucken der Lust gegenüber als Begehrende, zugleich als Ausgestoßene. Fünf Jahre an der Seite ihres zeugungsunfähigen, vielleicht paarungsunwilligen Mannes Sinowi war ihr Liebesleben vermutlich so körperbetont wie das der Hildegard von Bingen. Nun, in dieser warmen, nach Staub, Schweiß und Pheromonen duftenden Nacht, liest man an ihren Augen und an ihrem zögernden Schritt ab, wie laut ihre Haut nach Berührung schreit. So hat es Kriegenburg formuliert, und es ist schön zu erleben, dass die Behauptungen des Programmbuches auch einmal auf der Bühne eingelöst werden.

Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzenzk“, die als zweite Opernpremiere der diesjährigen Salzburger Festspiele im Großen Festspielhaus gezeigt wird, liegt verkrustet unter den Riten der Rezeption. Immer wieder wird hergebetet, wie satirisch und politisch riskant das Stück in Stalins Sowjetunion gewesen sei, ohne dass wir heute noch den besoffenen Popen oder die dumme, dumme Polizei wirklich lustig finden könnten.

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Immer wieder bemühen sich die Regisseure, über die Psychologie der Figuren oder ihre physiologischen Motive hinaus etwas Grundsätzliches zum Stück zu sagen. Die Beischlafmusik im ersten Akt, wenn der Landarbeiter Sergej rammelnd seinen Mann steht, um die sexuelle Notdurft Katerinas zu stillen, illustrierte Peter Mussbach 2001 in Salzburg mit Bildern eines Getriebes aus Kolben, Riemen und Wellen, um die Nähe des Stücks zum Futurismus zu betonen. Das musikalische Mickeymousing von Schostakowitsch, der das Erschlaffen des Penis nach dem Orgasmus durch ein Posaunenglissando genauso deutlich malt wie das Verröcheln des Gatten Sinowi, der von Katerina und Sergej erwürgt wird, durch die Bassklarinette, nahm Peter Konwitschny kürzlich in Kopenhagen zum Anlass, die ganze Oper wie einen Trickfilm zu inszenieren. Das alles hilft dem Stück nicht.

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Kriegenburg tut in Salzburg das einzig Richtige: Er setzt auf die unvergleichliche Ausstrahlung seiner Hauptdarstellerin Nina Stemme. Für Herzenswärme, Güte, Sehnsucht nach Mutterschaft und Lebensfreude hat sie Stimme und Haltung. Manchmal, in der Höhe, wenn es leise sein muss, spricht diese Stimme schwer an. Aber das fällt nicht ins Gewicht. Stemme schafft es – unterstützt vom hochsensiblen Mariss Jansons, der am Pult der Wiener Philharmoniker sein Debüt als Operndirigent bei den Festspielen gibt –, für die Aufrichtigkeit ihres Sprechens, die Rechtmäßigkeit ihrer Sehnsucht einen Ton zu finden – inmitten all der Menschen, die Schostakowitsch zu Karikaturen verzwergt und in seine parodistische Musik eingeschweißt hat.

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