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Salzburger Festspiele : Komm, flieg mit mir in höhere Sphären!

  • -Aktualisiert am

Christian Gerhaher bei den Salzburger Festspielen Bild: Salzburger Festspiele

Christian Gerhaher weckt Sehnsüchte: In Salzburg sang er jetzt Wolfgang Rihms neue „Harzreise“. Dabei verweben sich Goethes Verse mit variantenreicher Komposition. Etwas Kostbares entsteht: Klangliche Empfindsamkeit.

          Wer die Salzburger Festspiele besucht, muss nicht unbedingt in die Oper eilen, um in Feststimmung zu geraten. Dem musikalischen Feinschmecker bieten sich viele andere Kostbarkeiten dar: Konzerte berühmter Solisten, interessante Komponistenporträts, große Zyklen - diesmal Beethovens Klaviersonaten -, außerdem die traditionsreichen Matineen des Mozarteum-Orchesters und natürlich: die Liederabende, die in der Regel mit großen Namen aufwarten.

          Zum Beispiel mit dem Bariton Christian Gerhaher. Begleitet von seinem ständigen Klavierpartner Gerold Huber, besetzte Gerhaher mit seinem Programm aus Goethe-Vertonungen von Franz Schubert und Wolfgang Rihm gleich zwei Positionen im Programm: Außer unter den Liederabenden wurde das Konzert, zu Recht, auch als Beitrag zu „Salzburg Contemporary“ geführt, der honorigen Festspielreihe mit zeitgenössischer Musik.

          Keine Verdoppelung brachte dagegen das Nachspiel: Christian Gerhaher erhielt im Anschluss an sein Liedprogramm die „Nachtigall“ überreicht, die Ehrentrophäe des „Preises der deutschen Schallplattenkritik“, begleitet von kurzen, heiteren Worten der Jury-Vorsitzenden Eleonore Büning, zugleich Musikredakteurin dieser Zeitung. Die von dem Künstler Daniel Richter gestaltete „Nachtigall“ ist tatsächlich ein „schön singender Goldener Vogel“, wie es im Märchenbuche steht. An diesem Abend fand er im vollbesetzten Haus für Mozart einen würdigen Gesangspartner auf Erden, der sich, dem Vogel gleich, in höhere Sphären aufzuschwingen vermochte.

          Die Verschmelzung von Vokalität und Wortausdruck gelingt

          Thema des vom Publikum enthusiastisch gefeierten Konzerts war Goethe - in zweierlei musikalischer Gestalt, bei Schubert und Rihm. Dass der Dichter die Vertonungen Schuberts kaum zur Kenntnis genommen hat, ist bekannt. Er spürte wohl, das sich hier ein anderer Olympier in gleiche Höhen aufschwang, aus Texten und Noten neue, eigenständige Kunstwerke schaffend. Um das zu verdeutlichen, braucht es allerdings den adäquaten Interpreten. Dass Christian Gerhaher ein solcher ist, hat er immer wieder bewiesen.

          Wie Dietrich Fischer-Dieskau weiß er, worauf es beim Liedgesang ankommt: auf die Gleichwertigkeit der Ausdrucksmittel. Inhalte und Bedeutungen der dichterischen Vorlagen müssen klar erfasst und geistig durchdrungen werden. Zugleich aber ist es notwendig, die Übertragung und Umsetzung in die Musik genauestens zu studieren, um die Intentionen des Komponisten zu erkennen. Dazu zählen Klangfarben, formale Strukturen, rhythmische Akzentuierungen, Ausdrucksnuancen. Das ganze dichte Geflecht zwischen Text und Komposition bedarf der gleichsam analytischen Zergliederung, um im fertigen Lied das eigenständige Kunstwerk hervorzuheben.

          Christian Gerhaher hat in dieser Hinsicht einen faszinierenden Standard gesetzt, wobei er, um noch einmal Fischer-Dieskau zu erwähnen, dessen Neigung zur deklamatorischen Überbetonung, der vor allem im Alter oft etwas Manieristisches anhaftete, vermeidet. Die Linearität des Singens, die Verschmelzung von Vokalität und Wortausdruck - darin hat Christian Gerhaher eine Perfektion erreicht, die schwerlich zu überbieten wäre, es sei denn vom Musikdenker Gerhaher selbst. Dessen Reflexionsniveau über den Sinn des Singens ist so überdurchschnittlich ausgeprägt, dass man schon Sorge haben muss, dieses Nachdenken über Musik könnte seine Kunst irgendwann lähmen.

          Ein mit Seelen- und Sehnsuchtsschwingungen durchwirkter Gesang

          Dennoch gerieten an diesem Abend namentlich die großen Vertonungen - der „Prometheus“, „Ganymed“, „An Schwager Kronos“ - ganz natürlich, weil Gerhahers Interpretationen nicht darauf abzielen, aus den Liedern Dramen en miniature zu destillieren, sondern sie als geschlossenes, eigenständiges Kunstwerk zu erfassen. Dass er dabei von Gerold Huber einfühlsam begleitet wurde, versteht sich bei dieser langjährigen Künstlerpartnerschaft von selbst.

          Mit Wolfgang Rihm war ein führender Liederkomponist unserer Tage in das Programm aufgenommen worden. Rihms Affinität sowohl zu Goethe als auch zu Schubert ist bekannt. Ebenso seine spezifische Begabung für das Melodische: das Ausspinnen melodischer Linien, gestenreich geführt, mit einer individuellen Klanglichkeit und Expression überzogen. Als Erstaufführung brachten Gerhaher und Huber die am 1. Juni 2014 beim Würzburger Mozartfest uraufgeführte „Harzreise“ nach Österreich.

          Goethes Text ist weniger ein streng geformtes Gedicht als eine Folge von Beobachtungen und verinnerlichten Reflexionen, die sich gleichsam szenisch aneinanderreihen. Rihm entwickelte dazu eine entsprechend variable kompositorische Struktur, plastisch in Ausdruck und Stimmführung. Gerhaher durchwirkte die Empfindungen mit Seelen- und Sehnsuchtsschwingungen, die derzeit wohl nur er so subtil in Gesang zu verwandeln vermag.

          Quelle: F.A.Z.

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