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Salzburger Festspiele : Masochisten, seid willkommen!

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Der hat gut schreien: Marc Hosemann in Salzburg. Bild: AFP

Satt wird man von diesem irrsinnigen Abend sicher nicht, doch die Texttreue nötigt Respekt ab. Frank Castorf inszeniert „Hunger“ von Knut Hamsun in Salzburg.

          Pünktlich zum 159. Geburtstag Knut Hamsuns am 4. August fand bei den Salzburger Festspielen die Premiere von „Hunger“, benannt nach dessen erstem Roman aus dem Jahre 1890, statt. Auf die Bühne der weitab von den berüchtigten Sehenswürdigkeiten des „Roms des Nordens“, wie Salzburg manchmal genannt wird, gelegenen Perner-Insel in Hallein gebracht hat diesen inklusive Pause rund sechsstündigen Abend Frank Castorf – nunmehr ehemaliger langjähriger Intendant der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz. Auch an diesem Abend, so viel sei jetzt schon gesagt, spürt man jede einzelne Minute, vor allem in den Sitz-, weniger in den Lachmuskeln.

          Neben „Hunger“, dem autobiographischen Debüt Hamsuns über seine Jahre als unterbezahlter, meist arbeitsloser Journalist und Lohnschreiber, aber auch als Straßenbahnschaffner in Chicago rekurriert Castorf auch noch auf dessen zweiten Romanerfolg, „Mysterien“ (1892). Und wie so oft bei Castorf ist es nicht entscheidend, die Vorlagen selbst gelesen zu haben, um die Vorgänge auf der Bühne auch nur halbwegs einordnen zu können. Es sei denn, man beteiligt sich an dem unter Castorf-Verehrern gängigen Rätselspiel „Erkenne das Zitat“. Immerhin erweist er diesmal sowohl dem – die Salzburger werden es verzeihen – österreichischen Aufführungsort Reverenz, indem einmal der für seine angebliche Blendwirkung berüchtigte Uhudler-Wein erwähnt, ein anderes Mal aus „Der Herr Karl“ von Carl Merz und Helmut Qualtinger rezitiert wird.

          In kahlen Szenen ein eindrucksvolles Gebilde

          Bleibt die Frage, was hier eigentlich vorgeht. Ins Zentrum der ansonsten kahlen Szene hat Aleksandar Denic ein eindrucksvolles Gebilde gestellt: Zu drei Vierteln gleicht es einem nordischen Holzhaus, inklusive grasbewachsenem Schrägdach, Telegraphenmast und Werkstatt, zu einem Viertel ist es einer Imbissbude des Weltkonzerns mit dem goldgelben „M“ nachempfunden. Mal vor, oft aber auch innerhalb der Wände geschehen die seltsamsten Dinge – wobei freilich die sich drinnen abspielenden Szenen auf Videowände fürs Publikum übertragen werden.

          Das Hunger-Ensemble besteht aus Kathrin Angerer, Marc Hosemann, Rocco Mylord, Josef Ostendorf, Sophie Rois, Lars Rudolph, Lilith Stangenberg und Daniel Zillmann: allesamt Volksbühne-Veteranen, die ihrem einstigen Intendanten wohl überallhin folgen. Beinahe jeder darf für kurze Zeit Hamsuns Ich-Erzähler aus dem Roman oder irgendeine Figur aus beiden Romanen sein – oder wer auch immer.

          Damit das Publikum nicht vergisst, dass Herr Hamsun kein Guter war, der sich von allem Deutschtum, besonders aber von Hitler und dem Nationalsozialismus beinahe bis zum bitteren Ende begeistert zeigte, kleben überall Werbeplakate aus der Weltkriegszeit – „Med Quisling for det nye Norge“ -, Aufrufe, die SS, norwegische Division, zu unterstützen – „Germanske SS Norge“ – oder: „Dr. Oetker – Puddingpulver für die Wehrmacht“ Ach ja, und wie lautet wohl die Hausnummer des Imbisses? „88“, wie auch sonst! Das ist in seiner Penetranz vielleicht gerade noch lustig, aber nicht mehr aufklärerisch.

          Wie so oft gäbe es vermutlich auch an diesem Abend Geistreiches zu entdecken, aber die platte Brachialität überwiegt bei weitem. Gleich zu Beginn beklagt sich der Hungerleider Ostendorf drastisch über das ungerechte Schicksal: „Gott hatte seinen Finger in mich gesteckt!“ und streckt dazu den Mittelfinger aus. Damit ist die Richtung des Abends vorgegeben.

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          Zwischen den einzelnen Blöcken werden Filme verschiedener Genres (darunter auch Mafiafilme) etwa durch Musikuntermalung aus ebendiesen Filmen parodiert. Das erinnert derart stark an einzelne Inszenierungen von René Pollesch, dass man sich unweigerlich fragt, wer da nun bei wem abgekupfert hat. Und wenn man schon einen Burger-Grill auf der Bühne hat, dann kann man ja auch ohne weiteres Rocco Mylord als Hotdog und Ostendorf als Pommesfrites-Portion (originellerweise „Fritte“ genannt) verkleiden.

          Wahrlich, satt wird man davon kaum! Der Publikumsschwund hielt sich zwar in Grenzen, begann allerdings schon lange vor der Pause, nämlich nach einer knappen Dreiviertelstunde. Am Ensemble mag es, trotz teils mediokrer schauspielerischer Leistung, nicht gelegen haben. Denn das immerhin kann man nicht leugnen: Die Texttreue nötigt Respekt ab. Überprüfen ließ sich das an den unnötigerweise fürs Publikum in englischer Sprache als Übertitel eingeblendeten Zeilen. Dennoch sei gewarnt: Es lohnt nur für Castorf-Masochisten, den weiten Weg nach Hallein und die langen Stunden wirren Zitatenreigens auf sich zu nehmen.

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