17.08.2005 · „Penthesilea“ und „Törleß“: Den noch nicht fertig zivilisierten Menschen, den grausamen Nöten junger Leute haben sich gleich zwei Regisseure an zwei Salzburger Theaterabenden gewidmet. Mit unterschiedlichem Erfolg.
Von Erna Lackner, SalzburgDen noch nicht fertig zivilisierten Menschen, den grausamen Nöten junger Leute, die ihre Körper und Liebessehnsüchte entdecken und in den Griff bekommen müssen, haben sich gleich zwei Regisseure an zwei Salzburger Theaterabenden gewidmet. Daß eine Dramatisierung von Robert Musils Entwicklungsroman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" einschlägig in das Fach des Erwachsenwerdens fällt, war natürlich zu erwarten, aber schon weniger, daß auch Heinrich von Kleists kriegerische und blutrünstige Amazonenkönigin "Penthesilea" und ihr Achilles als selig verliebte Halbwüchsige betrachtet werden können, die aber mit sich selbst und der über sie hereinbrechenden Liebe nicht richtig umgehen können. Sie wissen nicht, was sie tun. Wenn sie einander umarmen wollen, balgen und verkeilen sie sich auch schon im Clinch. Und Wasserschlachten, die als spielerische Machtkämpfe beginnen, geraten ihnen im Handumdrehen zu tödlichem Ernst.
Es ist eine schillernde, eine gefährliche Lebensphase, die der Regisseur Stephan Kimmig aus dem als unspielbar geltenden Kleist-Drama herausfiltert. Alle Gewaltexzesse, Sexorgien, Kriegeraufmärsche und Blutsudeleien literweise hätten sich leicht rechtfertigen lassen mit dem wüsten, exaltierten Stück. "Penthesilea" hätte alle Effekte und theatralischen Ausschweifungen, wie sie auf deutschsprachigen Bühnen im Überangebot ausgespielt werden, erlaubt. Doch kaum davon an diesem Abend. Kein Tropfen Blut. Ein diesbezüglich enthaltsamer Kimmig inszenierte die tragödische Liebesraserei auf einem Schlachtfeld vor Troja als ein zügiges Kammerspiel, in dem zwei Königskinder zueinander nicht fanden.
Die perfekte Amazone
Seine Penthesilea und auch sein Achilles sind herrlich blutjunge und kraftvolle Leute. Kein Trauerspiel zwischen gefestigt reifen Charakteren tut sich hier auf, sondern in dieser knapp zwei Stunden kurzen Aufführung, einer Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, wird gezeigt, wie jähe Affekte und fatale Mißverständnisse zwei eigensinnig stolze Menschen zugrunde richten. Eine Schmalspur-Penthesilea, könnte man sagen, aber doch ist es eine dichte, spannende Liebesgeschichte, wie sie sich auch heute abspielen könnte.
Da ist die perfekte Amazone Penthesilea, ganz Königin von Gestalt, hochgewachsen und schön, athletisch und biegsam, vom verliebten Achilles "halb Furie, halb Grazie" genannt: ein göttliches junges Weib, im schwingenden Seidenkleid, mit langer Mähne und strahlend weißen Zähnen, wenn sie lacht, Pferd und Weib fast in einem, wundervoll verkörpert von Susanne Wolff. Eine launische Kindfrau, ein Frauentyp unserer Zeit, bestens ausgebildet, karriereorientiert, selbstbewußt: Sie weiß, woher sie kommt und was sie will. Mit selig naiver Freude im Gesicht, als sie Achilles bekommt. Forsch und munter holt sie ihn sich ran: "Komm mal her! Na, komm her, du Süßer!" Eine faszinierende, erotische, aber auch befremdliche Penthesilea, die Männern ewig angst macht - außer dem einen ebenbürtigen Kämpfer aus dem Griechenvolk, der sich ergibt für sie, die "sich in ihrer Seele nicht berechnen läßt".
Erstarrt im Todestanz
Auch dieser knackig prachtvolle Achilles, geschmeidig gespielt von Alexander Simon, steht der Bühnenerscheinung der Amazonenkönigin nicht viel nach. Als ein französisches Chanson erklingt, sind die beiden auch schon in einen ersten Liebestanz verschlungen - aber schon bald, zur harten Discomusik und unter heftigem Kampfgeschrei, wird daraus ein klatschnasser Kampf auf Leben und Tod. Liebe? Haß? Immer wieder changiert das Spiel - "Voll Kampflust sie ihm entgegentanzt!", heißt es bei Kleist. Als einen lasziv trunkenen Tanz gestaltet der Regisseur auch den Tod des Achilles. Er wird nicht blutig gebissen und zerfleischt, sondern erstarrt in einem Todestanz, während sie ihm langsam und zärtlich den Rock auszieht. Mehr nicht. Am Ende steht Achilles mit nacktem Oberkörper da. So leicht hat sie dem liebenden, wehrlosen Helden seine Kraft, sein Leben genommen - dem Mann die Rüstung. Eine Entmannung? Ist das die Methode der Gewaltweiber von heute?
Odysseus und Diomedes, die Mitstreiter des Achilles, sitzen nur noch matt auf einer Mauerbank und greifen sich resigniert an den Kopf. Ihr Held unterliegt endgültig, als Penthesilea sich auf ihn legt. Aber Kimmigs Inszenierung läßt sich auf eine platte Modernisierung des alten Amazonen- und Geschlechterkampfes nicht ein; die Lesart des seltsam unblutigen Todes, der wie die ganze Aufführung Konzentration und Vorstellungsvermögen verlangt, bleibt rätselvoll offen. Den grandios poetischen, aber auch schwierigen Dramentext von Kleist hat Kimmig natürlich stark gekürzt. So erzählte das Trauerspiel zwischen dem abgeblätterten Mauerputz eines antikischen Bunkerhauses, das Katja Haß auf die kleine Bühne des Landestheaters gestellt hat, eine furiose Liebesgeschichte, der man gebannt folgte.
„Törleß“: eine verwirrend schlichte Übung
Von puristischer Machart, die mit den einfachsten Mitteln, mit einem Overhead-Projektor und einem Plattenspieler, auskommt, war hingegen der vierte Beitrag zum Young Director's Project der Salzburger Festspiele, eine neue "Törleß"-Fassung von Dusan David Parizek, die der Leiter des Prager Kammertheaters zusammen mit dem Deutschen Theater Berlin inszenierte. Auf der schwarzen Podestbühne im weiten, ziegelrohen Raum des früheren "Republic"-Kinos stehen vor einer vielseitig nutzbaren Wand fünf Schauspieler, Musils Romanfiguren Törleß, Beineberg, Reiting, Basini und das leichte Mädchen Bozena, und berichten dem Publikum von den Machtverhältnissen und grausamen Spielen im Internat, als läsen sie die Texte aus ihren Köpfen heraus, als wäre jegliche Theatralik Gift.
Nach dieser drögen, steifen Exposition, gegen die jede Lektüre ein dramatisches, empfindsames und imaginatives Vergnügen ist, kamen die dauernd aus ihren Hosen und dann wieder hinein schlüpfenden jungen Männer doch noch etwas in Fahrt, nachdem Törleß, gespielt von einem schnell redenden Alexander Khuon, den Kopf des gemobbten Außenseiters Basini so lange in einen Wasserkübel taucht, daß dem Zuschauer angst und bange wird. Als Schülertheater wäre dieser "Törleß" ganz groß, aber für die Salzburger Festspiele war es denn doch eine verwirrend schlichte Übung.