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Salzburger Festspiele Ein beinvoller Premierenabend

30.07.2007 ·  Vor vierzig Jahren haben die Salzburger Festspiele Thomas Bernhards erstes Drama abgelehnt. In diesem Jahr durfte Christiane Pohle „Ein Fest für Boris“ dort inszenieren. Bernhards frühe Krüppelhölle hat sie dafür allerdings glattgeschmirgelt.

Von Gerhard Stadelmaier, Salzburg
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Von allem Wichtigen, was diese Aufführung am Drama streicht, ist der gestrichene Schluss am wichtigsten: das „fürchterliche Gelächter“. Es ist das Gelächter zum Tode. Also zur absoluten Verzweiflung. Eben noch hat sich Boris, der beinlose Krüppel, in seinem Rollstuhl zu Tode gefressen und mit einer Kindertrommel zu Tode getrommelt. Die dreizehn beinlosen Krüppel aus dem Krüppelasyl, die zu einem Fest für Boris gebeten waren, das die beinlose reiche Dame, genannt „Die Gute“, veranstaltet hat, sind von ihren Pflegern hinausgeschoben worden. Und da ereignet sich dieser Selbstmord auf die tollste, widerständigste Art. Ein Aufstand des Todes gegen das tödliche Leben. Darüber bricht „Die Gute“ in das „fürchterliche Gelächter“ aus. Stellt der Dramatiker sich vor.

Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters bricht „Die Gute“ an dieser letzten Stelle dagegen in Tränen aus. Ausgerechnet sie zeigt Nerven. Die Königin des tödlichen Lebens, die Boris aus dem Krüppelasyl heraus- und in ihren Herrschaftsbereich hineingeheiratet hat. Die ihre Dienerin Johanna, die als Einzige im Drama Beine hat, tyrannisiert. Die Menschen kauft, um sich noch als Person fühlen zu können - denn „eine Person ist eine Person, die in eine andere Person verhasst ist“. Die in ewigen Wiederholungen und Tiraden von Befehl und Gehorsam (diesen Handschuh! jenen Hut! aufheben! herbringen! wegnehmen!) gegen den Tod anredet und anvegetiert wie gegen eine dunkle Wand. Diese Seelenlose badet hier in Seelenschmalz. Außerdem hat sie ihre Beine noch. Alle hier haben ihre Beine noch. Der Abend ist ziemlich beinvoll.

Liebes- statt Selbstmord

Als Thomas Bernhard „Ein Fest für Boris“, sein erstes Theaterstück, vor vierzig Jahren für die Salzburger Festspiele schrieb, lehnten es diese mit der Begründung ab, man könne beinlose Krüppel den Festspielbesuchern nicht zumuten. Dabei scheint es geblieben zu sein. Denn die junge Regisseurin Christiane Pohle lässt den Beinlosen die Beine, führt diese Beine aber als gelähmt vor. So bringt sie ein existenzielles Höllenzeichen auf ein neurologisches Phänomen herunter. Die Regie ist zu freundlich zu diesem bösen Stück. Also streicht sie auch den freien Tod von Boris als letzten Akt des Aufruhrs und Protests.

Sie macht daraus einen Liebesmord, also den letzten Akt eines Kitschdramas. Johanna, die Pflegerin, die hier ihrer Herrin küssend und kuschelnd wohl mehr lesbisch als höllisch zugetan, aber auch irgendwie in Boris verknallt zu sein scheint, drückt dem armen Kerl, der krampfhaft versucht, an Fauteuils oder Tischchen Halt zu finden und den aufrechten Gang zu lernen, in ekstatischer Mitleidsumarmung die Gurgel zu. Wo Thomas Bernhard die Nachtseite einer rebellischen Tragödie ohne Hoffnung in Grellschwarz ausmalt, da versucht die Regie dieser Schwärze ein Lore-Roman-Rosa beizumischen. Die Farbmischung ergibt Grau.

Schweinskopf im Königinnenschoß

Nadine Geyersbach spielt denn auch die Johanna im fettigen Haar der aufbegehrend unterwürfigen Kreatur in Kellnerweste und -hose als Gefühlsserviererin. Sie setzt auf ihrer Herrin Befehl, die in der zweiten Szene, wo die beiden gerade von einem grotesken Maskenball kommen, eine Königinnenkrone trägt, sich nicht nur eine Schweinsmaske auf, damit der Mensch im Karneval der Tiere sein wahres Gesicht zeige, das dann an der Maske schmerzhaft kleben bleibe.

Johanna muss hier auch nach Perlen und Ketten, die von der Herrin auf den Boden geworfen wurden, mit riesigem Schweinsmaskenmaul voller Lust so lange schnüffeln und sabbern und schnappen, bis sie den Schweinskopf traulich in den Königinnenschoß bettet - und um Erniedrigung förmlich bettelt. Was sie mit einem deftigen Schmatz auf die Lippen der „Guten“ innig besiegelt. Der Lore-Roman, den die Regie im lesbenkitschigen Auge hat, wird so um einen Einfallspinselstrich erweitert. Bei Bernhard herrscht Eiseshöllenhitze, bei Christiane Pohle laue Wohltemperiertheit.

Gemütsschaf im Wolfspelz

„Die Gute“ müsste denn auch hier „Die Allerbeste“ heißen. Man sieht auf der geheimnisvoll tuenden leeren Bühne der Annette Kurz unter zwei unendlich langsam und bedeutungsvoll kreisenden Kronleuchtern eine Frau in den schlechteren Jahren breithüftig in einem Sessel sitzen. Typ verschlampter Hausdrachen mit Herz. Wuschelhaar. Leicht aus der Form gelaufener Körper. Schmuddeliges Nachthemd. Intaktes Beinpaar. Eine gut gelaunte Ordinäre mit dem Drang zum Höheren. Bevor noch ein Wort fällt, legt diese lustige Schlampenwitwe immer wieder verschiedene Schallplatten mit diversen Fassungen von Richard Wagners Wesendonk-Liedern auf. Gesänge einer Einsamen, sich vergeblich Sehnenden, die da durchs weite „Tristan“-Feld endharmonisch taumelt. So bekommt der Lore-Roman, den die Regie hier im Ohr hat, seine schwarmkitschige Tonspur.

Viviane de Muynck gibt im hart singenden flämischen Akzent, der ihrer Figur immerhin etwas unbedarft Künstliches verleiht, „Die Gute“ als das Gemütsschaf im Wolfspelz. Wenn sie Johanna unterdrückt, dann mit Güte. Wenn sie Boris, den Thomas Wodianka lakenzerbeißend und apfelkauend in einem großen Bett als stummen, psychotisch debilen Leidensjüngling im braunen Jackett brummeln und grummeln lässt, dazu zwingt, sich einen Mittelscheitel ziehen zu lassen, dann mit der Allüre einer Mami, die doch nur das Beste für den Jungen will. Johanna darf ihr sogar Dutzende von Schuhschachteln mit grotesken Pumps präsentieren - wobei Schuhe für eine Beinlose eine von der Regie nicht genügend bedachte Absurdität wären, würden sie hier nicht für die gelähmte Beinvolle unter Gegirr und Geseufze zu einem geilen Fetisch. Ruckediguh, Schmock ist im Schuh.

Die Erstlingshölle bleibt die ungehobelste

So geht und weilt das lange hin. Das Fest, das in der dritten Szene des Stücks die dreizehn beinlosen Krüppel für Boris bestreiten, wird zur sessellümmelnden Zigarrenparty von sechs beinvollen, naturgemäß ihre Kuchenteller auf den Boden pfeffernden, recht biederen Machochargen des Düsseldorfer Schauspielhauses, mit dem die Festspiele kooperieren. Dass hier ein Chor aufbegehrender Verzweifelter stillzusitzen hätte, macht dieser Chor der Spießer sofort vergessen.

Und dass Johanna sich die Beine abbinden und die Bagage humpelnd bedienen muss, damit sie unter lauter eigentlich Beinlosen eine Gleiche unter Gleichen wäre und eine Ungeheuerlichkeit vorspielte, die für die anderen grausame Normalität wäre, wird hier unter lauter Beinvollen zum grinsend kommentierten Selbstdemütigungskitsch einer Unterwerfungssüchtigen. Die Regisseurin lässt sich für derartige Psychoverkleinerungen viel Zeit und das Stück völlig im Stich.

Es hat in den vergangenen vierzig Jahren (trotz der Hamburger Uraufführung 1970 durch Claus Peymann) kaum nennenswerte Lebensspuren auf dem Theater hinterlassen. Die frühe Krüppelhölle wurde von Thomas Bernhard in späteren Stücken durch elegantere, wütendere, philosophischere, weltverbesserungsvernichtendere, theatervernichtungsmacherischere Salon- und Gesellschaftshöllen ersetzt. Aber „Ein Fest für Boris“ bleibt wie alle Erstlingshöllen die ungehobelste. In Salzburg hat man sie fade glattgeschmirgelt.

Quelle: F.A.Z., 30.07.2007, Nr. 174 / Seite 27
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