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Salzburger Festspiele : Der attraktivste Hausmeister im Museum

  • -Aktualisiert am

Der Troubadour und die unglücklich Liebende: Anna Netrebko als „Leonora“ und Plácido Domingo als „Il Conte di Luna“ Bild: dpa

Alvis Hermanis inszeniert Verdis „Il Trovatore“ in Salzburg als großen Bildertraum. Anna Netrebko und Plácido Domingo machen daraus ein wahres Sängerfest.

          Die Diva sitzt links unterm Bild. Man bemerkt sie kaum. Anna Netrebko trägt Brille, Uniform, eine unsägliche Perücke. Eigentlich ist sie gar nicht da, so unscheinbar langweilt sie sich am Bühnenrand im Großen Festspielhaus. Dabei hütet sie gerade das Kunsterbe der Menschheit, als einer der guten Geister, die zu Tausenden in den Museen der Welt Wache halten für all die Rembrandts, Botticellis und Raffaels, die mit ähnlich souveräner Gleichgültigkeit auf die Besucher blicken wie ihre Wärter. Wenn nur einer von ihnen erzählen könnte: von den Phantasien, die das tägliche Betrachten der immer gleichen Szenen entzündet; von den Geschichten, die passieren, wenn gerade niemand hinschaut oder wenn die Meisterwerke nachts allein mit sich sind: Opernstoffe gäbe das genug.

          Als einen großen Bildertraum hat Alvis Hermanis „Il Trovatore“ von Giuseppe Verdi bei den Salzburger Festspielen inszeniert. Das Ausstellungskonzept ist nicht das neueste, das Gebäude auch nicht, es regnet durch. Für die Sanierung fehlt das Geld. Doch dafür hängt einfach alles an der Wand, was Wert und Namen hat in der Renaissance-Malerei, seltsam, hat man diese Prunkstücke nicht schon anderswo gesehen? In den Uffizien? Im Louvre? Egal, es naht die nächste Reisegruppe, nämlich der Wiener Staatsopernchor, und unser Touristenführer, der heute Ferrando heißt.

          Da kommt schon die nächste Touristengruppe ins Museum, wie es aussieht, restlos begeistert, es ist der Wiener Staatopernchor. Und so greift die Kunst ins Leben und wird Musik.
          Da kommt schon die nächste Touristengruppe ins Museum, wie es aussieht, restlos begeistert, es ist der Wiener Staatopernchor. Und so greift die Kunst ins Leben und wird Musik. : Bild: Salzburger Festpiele/Forster

          Ferrando (Riccardo Zanellato) macht seine Sache hinreißend: Vor einem Gemälde mit einer dämonischen Alten bannt er sein Publikum mit der Geschichte einer Zigeunerin, die aus Rache für den Flammentod ihrer Mutter einen der beiden Söhne des alten Grafen Luna geraubt habe. Der Entführte wuchs zum Sänger heran und eroberte das Herz der schönen Leonora, auf die es auch der andere Luna-Sohn abgesehen hatte, woraus Verwicklungen erwachsen, die nicht einmal Verdi-Fans so recht durchdringen; aber Ferrando erzählt so plastisch, dass plötzlich echte Flammen zucken, den Touristen angst und bange wird - da, zum Glück, fällt der Strom aus. Und das ruft den wahrscheinlich bestaussehenden Aushilfsrentner in Museumsdiensten auf den Plan: Hausmeister Luna alias Plácido Domingo.

          Eine Oper für „die vier besten Sänger der Welt“

          Der Jahrhunderttenor singt seit einiger Zeit lieber Baritonrollen, seine Stimme geht mit diesem Fachwechsel nicht immer konform. Anfangs knarzt es, aus vielen gräulichen Tönen ist kaum das einzigartige Domingo-Timbre herauszuhören. Aber dieser Hausmeister ist auch ein Knarzkopf, der üble Machenschaften betreibt, es etwa abgesehen hat auf die neue Aufseherin, die so charmant russisch dreinblickt. Sie tut am liebsten Dienst in dem Saal, in dem ein bekannter Renaissance-Jüngling mit Laute von der Wand herunterlächelt. Erst neulich hat er sie ertappt, wie sie den Knaben leidenschaftlich anschmachtete: „Qual voce . . .“ Ja, was für eine Stimme! Luna, entschlossen, den Laffen mit gleicher Waffe zu schlagen, vollzieht hinter einer Wand den schnellsten Kostümwechsel aller Zeiten und taucht in Renaissance-Robe auf. Auch Anna hat derweil ihre Uniform abgetan und sich in eine der prächtigen Museums-Madonnen verwandelt. Und schon sind wir mittendrin: in der Bilderbuchgeschichte vom Troubadour und seiner unglücklichen Liebe.

          Hermanis, als sein eigener Bühnenbildner, hat diesen Coup nach allen Regeln der Kunst eingefädelt. Schon sein „Best of Art“-Museum ist preisverdächtig, zudem hat sich die Kostümabteilung unter Nadelführung von Eva Dessecker mit malerischen Roben und Zigeunerlumpen selbst übertroffen. Im vierten Teil der Oper aber lässt Hermanis das Museum räumen: Da sind die Figuren gefangen zwischen Phantasie und Realität, vor den leeren Wänden gibt es kein Zurück in den Bildertraum.

          Plácido Domingo vor einem Gemälde der Renaissance: Hermanis „Best of Art“-Museum ist preisverdächtig.
          Plácido Domingo vor einem Gemälde der Renaissance: Hermanis „Best of Art“-Museum ist preisverdächtig. : Bild: dpa

          Parallel dazu verliert die Personenregie leider an Präzision, die Sänger verfallen, je mehr sie musikalisch aufdrehen, in klischeehaftes Rampensingen. Allein damit ist diese ärgste Räuberpistole aus Verdis reicher Sammlung freilich nicht in den Griff zu bekommen. Mit perfektem Schöngesang hingegen schon. Enrico Caruso hatte recht, als er für den „Troubadour“ kurzerhand die „vier besten Sänger der Welt“ verlangte. Zumindest von Leonora wurde seine Forderung diesmal erfüllt.

          Gesang, der keine Bildverstärkung braucht

          Anna Netrebko hat sich mit dieser Rolle eine neue Glanzpartie erarbeitet. Ihr Sopran ist dunkler geworden, doch er blüht wieder in allen Registern, in den Koloraturen leuchtet die Stimme hinauf bis in höchste Höhen. Eine kleine Rauigkeit in der Mittellage überspielt sie gekonnt, die Töne sprechen leicht an, sie klingen ebenso edel-gerundet aus. In Wunderphrasen wie „Sei tu dal ciel disceso“ formt sie den Sprachklang fast lustvoll, in den Ensembles setzt sie gekonnt die dramatischen Impulse. Ohnehin sind die Ensembles und Concertati das eigentliche Ereignis dieser Aufführung. Hier kann auch Domingo seine ganze Erfahrung ausspielen. Und als er gegen Ende dem Luna immer mehr Tenorklang zugesteht, gibt es, im Zusammenspiel mit Netrebko, ein Sängerfest.

          Francesco Meli hat als Manrico noch nicht die Statur eines Franco Corelli, der 1962 bei der letzten „Troubadour“-Produktion der Salzburger Festspiele sang. Er gleicht durch Mezza-Voce-Zauber aus, was ihm, am deutlichsten bei „Di quella pira“, an Durchschlagskraft fehlt. Hierbei müsste ihn Dirigent Daniele Gatti unterstützen, der die Wiener Philharmoniker nach uninspiriertem Beginn immer energischer anleitet, leider auch zur Lautstärke. Dabei kann Gatti Sänger einfühlsam begleiten, wie er in den anrührenden Szenen zwischen Manrico und Azucena zeigt. Marie-Nicole Lemieux singt die Zigeunerin ohne Druck aufs Brustregister - ihre Stärke ist eine Dämonie der leisen Töne, gerade im leitthematischen „Stride la vampa!“. Wenn sie Luna am Ende „Er war dein Bruder!“ entgegenschleudert, hat das eine tragische Größe, die keinerlei Bildverstärkung mehr braucht.

          Quelle: F.A.Z.

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