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Salzburger Festspiele : Tagtraumbilder ohne Mimesis

Szene aus „Kasimir und Karoline“ der Performance-Gruppe 600 Highwaymen. Bild: dpa

Mit Individualität soll man es nicht übertreiben: Die Performance-Gruppe 600 Highwaymen inszeniert Horváths „Kasimir und Karoline“ bei den Salzburger Festspielen als lebendes Tableau.

          „Kasimir und Karoline“. Das könnte in einen Baumstamm oder eine Klotür eingeritzt sein und steht über einem 1932 uraufgeführten „Volksstück“ von Ödön von Horváth, das auf einem Volksfest spielt, einem der größten der Welt: dem Oktoberfest in München. Kasimir und Karoline sind zwei junge Festbesucher, die zusammen kommen, aber nicht zusammenbleiben. Am Anfang sind sie ein Paar, am Ende nicht mehr. Es ist eine alte Geschichte. In der Salzburger Festspielproduktion der 600 Highwaymen aus New York wird die Geschichte im Wortsinn erzählt: Sie wird mit epischen Mitteln auf die Bühne des Großen Studios der Universität Mozarteum gebracht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die erste Schauspielerin, die auf die leere, quadratische, an drei Seiten von einer hüfthohen Holzwand eingefasste Bühne tritt, beschreibt den Schauplatz der ersten Szene: den Parkplatz vor dem Festgelände. Dann werden die Hauptfiguren eingeführt, in der dritten Person. Ihr Dialog wird rezitiert, als würde das Textbuch vorgelesen. Kasimir sagt dies. Karoline sagt das. Am Anfang wird in der Rede noch bei jedem Wechsel der Sprechername eingefügt. Und Kasimir. Und Karoline. Und Kasimir. Aber irgendwann sind die Schauspieler in die Rollen geschlüpft, und ein normaler Bühnendialog läuft ab. Für kurze Zeit. Denn schon treten die Darsteller wieder rasch beiseite und aus den Rollen heraus, in die andere Mitwirkende eintreten.

          600 Highwaymen ist der Künstlername eines zweiköpfigen Regieteams. Abigail Browde und Michael Silverstone verpflichten für ihre Projekte Komplizen en masse. Sie arbeiten aus dem Pulk heraus: Erst wenn sie ihre Truppe beisammen haben, stellen sie die Aufführungsfassung des Textes her. In Salzburg wählten sie aus 350 Bewerbern 23 Akteure aus. Die meisten sind auf der Schauspielschule oder haben sie gerade hinter sich. Unter den älteren Teilnehmern sind ein paar Laien wie eine Musikkritikerin aus der Schweiz. Karoline den ganzen Abend über von derselben Schauspielerin verkörpern zu lassen, hieße die Individualität der Figur zu übertreiben – so die Prämisse des Regiekonzepts, die sich grandios bewährt.

          Alle können Karoline sein

          Die Büroangestellte ist ein Typus aus der Sozialstatistik. Sie lässt sich von einem Zufallsbekannten auf dem Festplatz weissagen, dass die Arbeitslosigkeit des Partners zur Untreue der Frau führt, und verhält sich dann im Sinne dieses ökonomischen Determinismus, denn Kasimir hat gerade seine Stelle als Chauffeur verloren. Alle Figuren, egal aus welcher Klasse, lässt Horváth in Versatzstücken reden, in sentimentalen Klischees. Das volkstümliche Material ist nachgesprochen, aufgelesen, zusammengekehrt. Karoline ist eine junge Frau wie jede andere. Das heißt umgekehrt: Jede junge Frau hat etwas von Karoline, und auch jede alte Frau, weil sie einmal jung war.

          Alle Arme hoch: Das Ensemble streckt sich.
          Alle Arme hoch: Das Ensemble streckt sich. : Bild: dpa

          Daher kann sich der Rollentausch im Ensemble ebenso zwanglos vollziehen wie der Übergang aus dem Erzählerbericht ins Rollenspiel. Von Kasimir oder Karoline zu erzählen, das bedeutet, Phrasen zu wiederholen und Posen zu markieren, die sich von selbst einstellen, die keine Einstudierung verlangen. Und Kasimir: Man kann sich schon vorstellen, wie es weitergeht. Schauspieler, die gerade nichts zu sagen haben, lungern herum, schlendern herbei, bilden ein Publikum auf der Bühne, so dass man sich neugierig fragt, wer wohl der nächste Kasimir sein wird. Jedermann kann im Handumdrehen vom Zuschauer zum Akteur werden und ebenso schnell wieder im Inkognito der Masse verschwinden. So entsteht die Atmosphäre eines Volksfests, eines Ereignisses der durch Anonymität intensivierten Geselligkeit, durch eine Regiesprache der konsequenten Abstraktion, ohne Trachten (außer einem Edeljanker und einer Lederhose) und ohne Blasmusik.

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