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Salzburger Depeschen (V) Geh' ma Handke vergiften

11.08.2009 ·  Daniel Kehlmann liefert sich ein Fernduell mit Peter Handke, stellt einen Kanon der Unterschätzten auf und gibt allerhand Missmut zu Protokoll. Gott sei Dank hat er noch einen Bestseller geschrieben, bevor auch das Buch den Bach runter geht. Das tägliche Salzburger Protokoll von Patrick Bahners.

Von Patrick Bahners, Salzburg
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Wer kulinarisches Regietheater liebt, sollte den Goldenen Hirschen meiden. Die Speisekarte bietet ausschließlich Klassiker, keinen davon in dekonstruktivistischer Interpretation: die Schinkenmousse mit Sauce Cumberland, die Frittatensuppe, das in zwei Gängen gereichte, saftige Backhendl, den pochierten Lachs mit Chablis-Mousseline oder die Räucherlachsrosette mit Beluga-Kaviar für 98 Euro. Das Gedeck kostet 3,90 Euro, die Berühmtheiten gibt es gratis hinzu. Die Hotellobby ist schlauchförmig, wer vom Herbert-von-Karajan-Platz kommt, betritt das Hotel durch das Gewölbe des Restaurants und lässt sich von den Obern zweimal die Tür aufhalten. Ein Musiker wie Daniel Barenboim, der in der Furtwängler-Nachfolge die hohe Kunst der impulsiven Temporückungen pflegt, möchte natürlich auch beim Mobiltelefonieren nicht stillsitzen.

In Walter Kappachers Salzburg-Buch „Touristomania“, einer Erzählung in der Tradition der schwarzen Utopie, kommt der Goldene Hirsch als Goldener Biber vor. Der Sohn des verstorbenen Hotelbesitzers, ein Heimkehrer, der Salzburg durch Umlenkung der Besucherströme in eine mit Repliken bestückte Erlebniswelt retten will, berichtet von einer Halbierung der Zimmergröße. Die Petersilienkartoffeln zum Backhendl scheinen nach diesem Prinzip abgezählt. Aber die übersichtliche Menge soll dem Ober Gelegenheit geben, einen Nachschlag, ja sogar die Zubereitung einer weiteren Portion anzubieten. Nach derselben Logik versorgt der Oberkellner alter Schule die Stammgäste mit Komplimenten und mit Anekdoten über andere Gäste: feine Dosierung bei unerschöpflichem Vorrat.

All you can read

Was bleibt von der Festspielidee in der Zeit unverzüglicher Einspeisung aller Kulturereignisse in einen Datenstrom, den man jederzeit und überall anzapfen kann? Die Bibliotheken werden vielleicht bald schon in Residenzen für residierende, das heißt für ein paar Tage anwesende Schriftsteller umgewandelt. Der Kulturtourist muss keine Bücher mehr einpacken, das Plastikbrett mit „All you can read“-Garantie genügt. Das von der Firma Amazon verkaufte elektronische Universalbuch ist so klein wie die Speisekarte des Goldenen Hirschen und fast so flach. Nach dem Dessert lässt sich ein deutsches Ehepaar das Gerät von der Tochter vorführen, die es aus Amerika mitgebracht hat.

Man behandelt es so vorsichtig und liebevoll wie ein Kind oder Haustier. „Jetzt schläft es, und so weckst du es wieder auf.“ Dass als Standard-Bildschirmschoner ein Porträt von Emily Dickinson installiert ist, sorgt für einen Moment der Irritation. „Wer ist denn das?“ Man will ja nicht stören, meint ein Poesiealbum oder ein Tagebuch in die Hand zu nehmen. Aufgeschlagen ist ein Buch, das erklärt, wie es zur Finanzkrise gekommen ist. Was davor geschah, steht in Ernst Gombrichs „Kurzer Weltgeschichte für junge Leser“. Zur Inspiration für den Fall, dass nach der Krise noch Finanzen existieren werden, ist die „Illustrated History of Furniture“ von Frederick Litchfield gespeichert.

Unendlicher Lesestoff

Auch bei der Bestückung einer virtuellen Bibliothek richtet man sich unter anderem nach historischen Assoziationen. Oscar Wilde stellt die Kindle-Besitzerin den Eltern als Absolventen des Magdalen College in Oxford vor. Es hätte ihn gefreut, dass die Salzburger Fama ihm das Eigentum an jenem Bären überschrieben hat, den Lord Byron in seinen Räumen im Trinity College von Cambridge gehalten haben soll. Alle solchen Referenzen kann man jetzt zwischen der letzten Petersilienkartoffel und den Salzburger Nockerln (ab zwei Personen) überprüfen. Und nie war es so leicht, immer sensationellen Lesestoff auf einer Zugfahrt dabeizuhaben.

Daniel Kehlmann, heuer der bei den Festspielen residierende Schriftsteller, der hier „Dichter zu Gast“ heißt, rechnet damit, dass das elektronische Lesegerät das gedruckte Buch im alltäglichen Gebrauch ablösen wird. Im Gespräch äußert er sich ohne kulturkritische Untertöne über diese Aussicht. Es sei eine faszinierende Vorstellung, jederzeit jedes Buch lesen zu können. Allerdings seien noch sehr komplizierte Fragen des Urheberrechts zu klären, der Übergang werde sich fünfundzwanzig bis dreißig Jahre hinziehen. Dann aber, prophezeit Kehlmann unter Verweis auf die Musikindustrie, wird das Zeitalter der großen Bestseller vorbei sein.

Schlagabtausch zwischen Showmännern

Er nennt es ein Glück, das ihm ein solcher Bestseller noch vergönnt war. Es seien Missverständnisse über seinen Erfolg in Umlauf, selbst bei Kollegen, sagt Kehlmann beim Pressegespräch zum Abschluss des Dichtergastspiels. Mehr als zehn Jahre lang habe er ohne öffentliche Resonanz geschrieben. Die Möglichkeit ungestörter Erprobung seiner Möglichkeiten sei entscheidend für seine Entwicklung als Schriftsteller gewesen. Der Erfolg präge die Wahrnehmung, aber nicht die Sache.

Giftig kommentiert Kehlmann das heute erschienene Zeitungsinterview, in dem Peter Handke ihn als Showman bezeichnet hat. Handke sei doch derjenige, welcher eben nicht zehn Jahre lang unbeobachtet publiziert, sondern von Anfang an auch das Schaubedürfnis von Betrieb und Publikum bedient habe. Es ist wohl nicht untypisch für Kehlmann, dass er diese notorischen literaturgeschichtlichen Tatsachen zusätzlich mit der mündlichen Überlieferung eines namhaften, leider verstorbenen Zeugen beglaubigt. Reinhard Baumgart, der bedeutende Literaturkritiker, habe ihm von dem Fernsehteam erzählt, das Handke nach der berühmten Princeton-Tagung auf die Aussichtsplattform des Empire State Building bestellt habe, um dort die Erklärung abzugeben, dass er der neue Kafka sei. „Was vielleicht ja stimmen mag.“

Letzte Worte zu einem leidigen Thema

Am Abend vorher hat Kehlmann, als er im Großen Saal des Mozarteums ein Gespräch mit Georg Kreisler führte, beklagt, dass dieser hauptsächlich als Meister der vollendet boshaften Spitze berühmt sei. Nach all den Unliebenswürdigkeiten zwischen Showman und Showman ist es nur noch kokett, dass Kehlmann seine Ansicht über Handkes soeben bei den Festspielen uraufgeführte Beckett-Paraphrase für sich behalten will. Es ist ihm wichtig festzustellen, dass er durchaus ins Theater geht, und nicht nur in London. Im Übrigen möchte er zur Debatte um seine Eröffnungsrede nichts mehr sagen.

Der Schauspielchef Thomas Oberender macht sich den Wunsch zueigen, dass danach bitte nicht gefragt werden möge. Es gehe hier und heute schließlich um die Bilanz des Programms „Dichter zu Gast“. Im Programmheft des Programms „Dichter zu Gast“ füllt der Abdruck von Kehlmanns Rede „Die Lichtprobe“ fünf Seiten. Die Journalisten nehmen das R-Wort trotz allem in den Mund. Oberender erhält dadurch Gelegenheit, sich im Stil heutiger Theaterbeamter über seine Befindlichkeit zu verbreiten. Kehlmann antwortet, schickt aber seiner Antwort jedes Mal den Satz voraus, das sei jetzt seine letzte Antwort zum Thema.

Mut eines Tabubrechers

Warum auf einer harmlosen Pressekonferenz ein Blockadeverhalten im Stil von Claudia Pechstein? Zwar gibt Kehlmann zu Protokoll, er sehe durch die „hysterischen und grellen Reaktionen“ aus dem geschlossenen Milieu der Dramaturgen die These seiner Rede bestätigt, dass er „eines der wirklich letzten Tabuthemen der deutschen Gesellschaft“ angesprochen habe. Mit den Gründern der Partei zur Integration der Frau und der Umwelt in den Karneval aus Loriots Film „Ödipussi“ gesprochen: ein ganz heißes Eisen!

Aber indem Kehlmann sich statt zur Sache der Rede über die Umstände des Auftrags verbreitet, nährt er unfreiwillig den Eindruck, so weit her sei es mit der Provokation vielleicht doch nicht, manche seiner kulturpolitischen Ansichten seien bei näherem Hinsehen wenig originell, um nicht zu sagen fad. Zu den Formfragen im „Genre Eröffnungsrede“ legt er dar, er habe sich nach der Devise gerichtet: „Gott bewahre uns vor Reden, die den hohen Ton der fünfziger Jahre weitertragen!“ Na, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen.

Kanon eines Missmutigen

Kehlmanns missmutiger Umgang mit Journalistenfragen verweist auf ein Missverhältnis zur Kritik, das im Selbstverständnis dieses Schriftstellers programmatische Bedeutung hat. In seinen Göttinger Poetikvorlesungen hat er die Erfahrung des Jahrzehnts der Nichtbeachtung zu der These verallgemeinert, die professionelle Literaturkritik verkenne sozusagen notwendig das Bedeutende und Eigentliche der literarischen Werke. In diesem Kontext erschließt sich, was er im Gespräch mit Oberender über die Auswahl der Gäste berichtet, die er als „Dichter zu Gast“ einlud.

Es geht ihm um die Etablierung eines Alternativkanons: So sollte die Welt den bekannten Literaturkritiker Michael Maar als bedeutenden, das heißt verkannten Schriftsteller kennenlernen, die von Kehlmann selbst praktizierte und in seinem ersten Roman „Beerholms Vorstellung“ behandelte Zauberei durch eine Vorführung von Juan Tamariz, der sonst in Las Vegas auftritt, als der Literatur und Malerei ebenbürtige Kunst - und Georg Kreisler als Lyriker, dessen wahrer Rang sich in den ernsten Versen ohne Klavierbegleitung zeige.

Im Pressegespräch erzählt Kehlmann, er habe Kreisler einmal für den Georg-Büchner-Preis vorgeschlagen. Albernerweise setzt er hinzu, er stehe noch immer dazu - als hätte es seinerzeit einen Sturm der öffentlichen Entrüstung mit Blog-Dauerfeuer von Broder und Eingaben an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegeben.

Kreislersche Medienkritik

Wie nennt man es, wenn der „Dichter zu Gast“ mit seinem Gast an einem Tisch sitzt und ihm mithilfe eines Stichwortzettels Fragen stellt? Interview. Es mag nur eine Frage der Zeit sein, bis Kehlmann uns darüber aufklärt, dass auch die Kunst der Gesprächsführung in ihren ästhetischen Potentialen sträflich unterschätzt wird und dass Roger Willemsen der Montaigne unserer Zeit ist. Kehlmann selbst kann noch etwas lernen. Nach anderthalb Stunden rückt er sogar mit der Frage an Kreisler heraus: „Woran arbeiten Sie gerade?“ Es fehlt nur die selbstironische Volte, um die Kehlmann sonst doch nie verlegen ist, die Zuspitzung zum Selbstzitat aus dem Roman „Ruhm“: Wie Kreisler denn auf seine Ideen komme? Das liegt allerdings auf der Hand und ist am Anfang ausführlich besprochen worden, anhand von Liedern vom Band, die mehr oder weniger unausdrücklich die Judenverfolgung und den fortwirkenden Antisemitismus erörtern.

Kreislers Lieder sind apokalyptisch, sind auf die Aufdeckung eines offenkundigen Geheimnisses aus. Nachfragen sind in der Welt dieser Lieder ein Symptom schuldhafter Begriffsstutzigkeit, was ein Interview fast unmöglich macht. Kehlmanns Haltung ist eine Naivität, die wohl halb echt und halb kalkuliert ist. Dem Gespräch ist sie in dieser Lage förderlich. Er stellt schlichte Fragen, will wissen, welcher Zeitgenosse in der persönlichen Begegnung den größten Eindruck auf Kreisler gemacht hat, und erkundigt sich sogar, wie Streicher und Göring, die Kreisler als amerikanischer Soldat verhörte, als Menschen gewesen seien. (Das Lied zu dieser Frage hat der als Lyriker gleichfalls unterschätzte Bernd Begemann geschrieben: „Hitler, menschlich gesehen“.)

Kreisler kann manches pointieren, korrigieren, sogar nuancieren. Es ist ehrenwert, dass Kehlmann an heiklen Stellen auf Nachfragen nicht verzichtet. So lässt er Kreisler bekräftigen, dass er seine Warnung vor dem Faschismus des Privatfernsehens wörtlich meint. Kreislers Feststellung, die Gleichschaltung des Fernsehens drohe nicht erst, denn wer beim Fernsehen arbeite, müsse schon gleichgeschaltet sein, ist die radikale Variante der Medienkritik, die Kehlmann kultiviert.

Glücklicher Volksgeist

Daran, dass der ORF die Veranstaltung mitschneidet, kann es nicht liegen, dass Kehlmann nicht positiv wird. Der angekündigte Beweis der Größe des Lyrikers Georg Kreisler ist im Format eines Gesprächs mit dem Dichter wohl schwer zu führen, wird aber gar nicht erst unternommen. Von einem Gedichtausschnitt abgesehen, den Kehlmann zu biographischen Zwecken anführt, fehlen die Beispiele. Die Mittel des Dichters werden nicht benannt. Als es um das prosaische und dramatische Alterswerk geht, macht Kreisler kein Geheimnis aus seiner Enttäuschung darüber, dass seine Stücke kaum gespielt und seine Bücher nicht von großen Verlagen gedruckt werden. Er gestattet sich auch, demselben Missverständnis aufsitzend wie Peter Handke, einen Scherz über den Erfolg seines Gesprächspartners.

Kehlmann macht sich nicht zum Anwalt dieser späten Werke. Hat er sie gelesen? Bei der Pressekonferenz am nächsten Tag gibt er an, er habe eine arbeitsreiche Zeit hinter sich. „Ich musste mich für Kreisler vorbereiten.“ Ebenso „für“ seine anderen Gäste. Wie er sich auf Kreisler vorbereitet hat, ist nicht so klar.

Im Goldenen Hirschen improvisiert um Mitternacht der Patriarch einer schweizerischen Familientafel, der auch der Witwe am anderen Ende des Gastraumes ein Glas Champagner ausgegeben hat, eine Vorlesung über die Volkspoetik seiner Heimat. „Lieber als eine Perlenkette / Hat sie einen Kerl im Bette.“ Dies die Luzerner Version des in jeder Nachbarstadt anders skandierten Aphorismus. Ach, der glücklichste Dichter bleibt doch der Volksgeist, auch wenn er es weder zum Bestseller bringt noch in den Kindle schafft. Er ist sein eigener Kritiker.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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