Soll Jedermann sich eine Frau nehmen? Jedermanns Mama ist sehr dafür. Wie auf dem Salzburger Domplatz an einem glutheißen Abend jetzt wieder zu erleben ward, plädiert sie („Und Frauenlieb steht dir wohl an“) allerdings so knittelig fürs Sakrament der Ehe: „Wodurch, was also dich ergetzt, / Verwandelt wird und kehret sich um / Aus Wollust in ein Heiligtum!“, daß dies wohl nicht nur einem Jedermann das Heiraten vergällen möcht'.
Ein Typ, der sich im „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ erst kurz vorm Exitus zu einem heiligmäßigen Leben bekennt, das er nie geführt hat, um als guter existentieller Kapitalist auch noch die himmlischen Zinsen einzustreichen - so ein mittelalterlicher Barock-Playboy hat einfach keine Ehefrau. Nur Freundinnen.
Die naturgemäß letzte von ihnen kann man seit über achtzig Jahren in Salzburg erleben, dort „Buhlschaft“ genannt. Eine kleine Rolle, die viel plappert und nichts sagt: Die Dame muß lieb sein - mehr hat sich ihr Schöpfer Hugo von Hofmannsthal für sie nicht ausbedungen.
Ein Superweib
Seit vor dreißig Jahren aber Senta Berger sie übernahm, muß die Buhlschaft, die soviel buhlt, wie sie schafft, ein Star sein. Ein Superweib. Es gehört zu den durchdringlichen Geheimnissen des Salzburger Festspielsommers, wie die hauptsächlichen Verkörperinnen dieser Nebenrolle, angefangen mit der Berger, über die Trissenaar, die Melles, die Crippa, die Rois, die Lyssewski bis hin zur Ferres soviel Aufhebens wert sein sollten, daß dieses Buhlschafterl zum stets ausverkauften Mittelpunkt aller Salzburger Stern- und Untern-Rock-Gucker wird.
Begackert von den Adabeis wird da öffentlicher Sex-Appeal, also Körperbau (inklusive Körbchengrößen), aber sozusagen stets unterm Strahlenschutz metaphysischen Überbaus. Schließlich spielt die Buhlschaft bei einer Himmelfahrt mit. Fromm sabbernde Projektionsphantasie aller Tartüffs.
Im feuerroten Kleid
Insofern ist Nina Hoss, die diesjährige Buhlschaft, das groteske Dementi dieser Rolle: Der Star, der an Appeal mehr mitbringt als alle seiner Vorgängerinnen (allerdings wohl auch mehr an Hirn), läßt die Buhlschaft aufblühen - indem sie diese Figur total abkühlt. Im feuerroten Kleid, das sie trägt, als gehe es sie nichts an, nimmt sie sich die Küsse des Jedermann, als bestimme sie deren Preis und Güte.
Sie legt sich einen „grünen Buben“ übern Tisch, an dem sie handgreiflich demonstriert, wie man mit solchen unreifen Kerlen umgeht: indem man sein Kleid über sie hinweggleiten läßt. Und am Ende sagt sie zu Jedermann, der sie mit auf seine Todesreise nehmen möchte, klar und überlegen und kurz angebunden: „nein“. Kein Spielzeig. Eine freie, autonome Frau, die nur beim Wort, nicht bei der Ausstrahlung genommen werden will. Eine kalte Dusche für alle Hofmannsthalsche Schwüle. Die Anti-Jedefrau.
Sitzt man dann anschließend in einem der schönsten und verwunschensten Jugendstilrestaurants Salzburgs und hört eine Dame am Nebentisch, die offenbar analog zu Jedermann jede Menge Lusthäuser in allen schönen Gegenden der Welt hat und ihre Kinder auf alle möglichen Internatsinseln verschickt, wie sie die Vokale knautscht und findet, daß „da ,Jeddamaaan' scho a bißl häääwi“ (sie meint englisch „heavy“) sei, „a kommunistische (!) Moralpredigt, nöt woa, wo a jeda sei Gööööld de Oarme geben sollt, wo kämmat ma do hüüün?“ - dann hätte man das Ideal der Jedefrau. Weniger als Buhlschaft. Mehr als perfekte Ehefrau des Jedermann. Ganz nach Wunsch der Mama. In Salzburg bleibt halt keine Rolle unbesetzt.