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Sängerin Youn Sun Nah : Was sie anfasst, wird zu Jazz

  • -Aktualisiert am

Sie wusste nicht, was Jazz ist

“Lento“, die neue Platte von Youn Sun Nah, ist zwar im Studio entstanden, ist aber quasi ein Live-Album - es wurde in zwei Tagen aufgenommen, einige Nummern hat die Band vorher nie geübt. Es klingt, als wenn da ein paar hervorragende Musiker mit viel Spaß experimentiert hätten. Selbst an die durch Johnny Cash bekannte Countrynummer „Ghost Riders in the Sky“ wagen sie sich, einen Song, zu dem man sich nicht gerade eine zierliche Sängerin denkt. Die lässt mit herber Stimme den Old Cowboy unter zerfurchtem Himmel reiten, sie gibt alles, sie schreit. Haben wir nicht alle auf die neue Janis Joplin gewartet? Auch das kann endlich ein Ende haben.

Die 43-Jährige hat in Seoul in der Mode gearbeitet. Nebenbei schrieb sie sich bei einer Ausbildung zu Comedy und Musical ein. Singen gefiel ihr. Irgendwer sagte ihr, sie solle es mit Jazz versuchen. Youn Sun Nah wusste nicht, was das ist. Erst in Paris, wo sie seit 1995 lebt, hörte sie zum ersten Mal Miles Davis und John Coltrane. Die derzeit interessanteste Jazzsängerin der Welt hat erst mit Ende zwanzig die Musik kennengelernt, der sie nun neues Leben gibt.

Alle großen Preise

Wenn die Franzosen „Charlie Parker“ sagten, klang es wie „Scharli Pakehr“, Youn Sun Nah verstand schon wieder nichts. „Ich war wie ein Schwamm. Ich nahm einfach alles auf, sagte alles nach.“ Sie spielte mit Deutschen, Iren, Israelis, sang Schwedisch und hin und wieder Folklore aus ihrer Heimat. Der Eklektizismus wurde ein Teil von Youn Sun Nah. Bis heute singt sie alles, aber alles wird bei ihr zu Jazz. Auch eine Nummer der Nine Inch Nails, etwa, auf der neuen Platte.

In ihrer Wahlheimat Frankreich spricht sie in Talkshows und ist auf Magazin-Titelseiten abgedruckt. Dort verkaufte sie mehr als hunderttausend Alben, das ist sehr viel für Jazz, auf diesem Niveau verkauft in Deutschland Max Raabe. Sie hat mit Wynton Marsalis in New York gespielt, sie hat alle großen Jazzpreise bekommen. Jetzt werden die Deutschen sie entdecken - das neue Album ist erst wenige Tage auf dem Markt und führt schon alle Jazz-Charts an.

Ein großartiger Jazz

Youn Sun Nahs Erfolg passt auch zum rasanten Aufstieg Südkoreas als Kulturnation. Da war der Technopop „Gangnam Style“, der Ende 2012 das meistgesehene Youtube-Video der Geschichte wurde. Und die meisten Smartphones verkauft nicht Apple, sondern die koreanische Firma Samsung. In den Szenevierteln Berlins sind plötzlich die koreanischen Restaurants angekommen. Und die 20-jährige Hyeyoon Park spielt Beethovens Violinsonaten kraftvoll und farbig wie lange niemand. Eine Nation, kaum so groß wie das alte Westdeutschland, erobert die Welt. Youn Sun Nah glaubt, das Geheimnis sei die gute Laune: „Die Koreaner sind die Südamerikaner Asiens. Wir singen gern, wir tanzen gern, wir betrinken uns.“

Auch wenn das alles gar nicht zu dem kühlen Tom Waits passt - heute liebt sie die Musik, die sie damals nicht verstand. „Seine Stimme klingt wie ein Instrument, nicht wie ein Mensch.“ Genau das ist auch zu ihrem Konzept geworden: „Eine Stimme sollte untergehen und verschwinden in der Musik. Ich mag es nicht, wenn sich eine nach vorn drängt, wie das viele Sängerinnen heute tun. Das ist nicht Jazz.“ Man kann das anders sehen als diese faszinierende Südkoreanerin. Aber ihr Jazz ist ein großartiger Jazz. So viel hat sie bewiesen.

Youn Sun Nah: Lento (Act).

Quelle: F.A.S.

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