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Bob Dylan konzertiert : Wer ist der Onkel?

Ein Abend wie eine Zeitreise: Was dieser Bob Dylan aus seiner Stimme herausholt, ist kaum in Worte zu fassen. Wir versuchen es trotzdem. Bild: AP

Dylan oder nicht Dylan, das ist hier die Frage: Der amerikanische Sänger gibt in der Frankfurter Festhalle ein Oldschool-Konzert mit bestens eingestelltem Sound und hohem Ironiefaktor.

          So hatte man sich die Tanzband auf einer westfälischen Hochzeitsfeier in den fünfziger Jahren vorgestellt: Schwof und Swing im Showanzug, ein Schlagzeuger wie ein dressierter Hund, der alle Tricks beherrscht, aber doch immer dezent sitzen bleibt, selbst wenn der Sänger vorne mal „Stormy Weather“ ansagt und die Kinder fragen: Mutti, wer ist der komische Onkel da vorne? Dieser Sänger ist angeblich Bob Dylan – oder vielleicht doch Helge Schneider, der sich einen gelben Hut aufgesetzt hat und eine neue, große parodistische Rolle ausprobiert, wie er da so mit angefangenen, aber dann doch auf halbem Weg verhungerten Rockabilly-Gesten den Mikrofonständer umarmt und gefährlich biegt?

          Das leicht betrunken wirkende Nuscheln und die seltsame Intonation der Revue-Nummern aus dem Great American Songbook sprechen eher für Helge als für Bob; aber ganz sicher sein kann man ohnehin nicht, denn für die meisten Besucher der Frankfurter Festhalle ist der Sänger durch die Entfernung zur Bühne wohl nur ein hüpfender kleiner Fleck, und Videoleinwände gibt es auf diesem Oldschool-Konzert ohne jeglichen technischen Schnickschnack nicht, was ja auch wieder erfreulich ist.

          Froh sein, wenn der Sound stimmt

          Bei Dylan-Konzerten kann man schon mehr als froh sein, wenn der Sound stimmt, und der ist an diesem Abend, nach einer kurzen Aufwärmphase, in der offenbar das Mikrofon noch nicht an war und der schöne Text von „Things Have Changed“ leider unterging, bestens eingestellt – die Band mit ihren glänzenden Instrumentalisten an Kontrabass, Gitarre und vor allem Pedal-Steel-Gitarre sowieso, und, was das Wichtigste ist: Dylans Stimme liegt meilenweit über allem und wird so hervorgehoben, dass man jeden Seufzer hört. Wie er etwa das Wort „why“ singt, als öffne sich rasselnd eine verstopfte Wasserleitung – „whhaaachhh“ –, ist ein Ereignis für sich.

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          Wie ernst Dylans Idee gemeint war, im höheren Alter diese Stimme noch auf nicht einfach zu singende Jazz-Standards und Sinatra-Klassiker loszulassen, was er nun ja schon auf mehreren Platten getan hat, gerade wieder auf der 30-Song-Kollektion „Triplicate“, konnte man vorher nicht recht wissen – jetzt im Konzert zeigt sich, dass wohl doch ein ziemlich hoher Spaß- und Ironiefaktor dabei ist, wenn er da näsel-croonend durch die Sehnsuchtsmelodien von „That Old Black Magic“ oder tatsächlich auch „Autumn Leaves“ mäandert.

          Aber ob man das nun zum Lachen oder Weinen findet, es ist doch nur der kleinere Teil eines Konzerts, das ansonsten auf einige der schönsten von Dylans Eigenkompositionen setzt. Und so nachlässig er manche davon auch singt: Als tauchten sie aus dem Nebel auf, sind Stimme und Phrasierung bei „Tangled Up In Blue“ dann auf einmal so hammerpräsent, so wütend auf dem Punkt in jeder einzelnen Silbe („We always did feel the same / We just saw it from a different point of view“), dass es wie eine Welle durchs Publikum geht und man denkt, so schön, so stark und druckvoll hat man dieses Lied noch nie gehört. Und angeschossen, wie man da schon ist, gibt er einem dann mit einer noch besseren Version von „Love Sick“ den Rest.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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