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Veröffentlicht: 15.05.2017, 14:11 Uhr

Klassik im Autosalon Mozartmechanik

Das Auto, sagt mancher, ist der beste Freund des Mannes. Entsprechend empathisch zeigt sich Mensch auch mit dem Vehikel. Schließlich braucht solch ein Wunderwerk der Technik auch einen zartfühlenden Arzt. Und klassische Musik.

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© dpa Mehr als nur Handwerker: Automechaniker können auch Poeten und Klassik-Liebhaber sein. Kerstin Holm traf einen Mozart-Fan in einer kleinen Tüftlerwerkstatt nahe Moskau.

Wenn die Kunst das Medium ist, in dem Formen frei durchgespielt werden, die man dann in Technik und Industrie umsetzt, so wäre es eigentlich erwartbar, dass klassische Musik einen Automechaniker inspiriert. Doch als ich in einem russischen Dorf, dreihundert Kilometer südöstlich von Moskau, einen leidenschaftlichen Autobastler in seiner Garage besuchte, wo er zu den zart drängenden Klängen von Mozarts g-Moll-Symphonie einen Lada auseinandernahm, war ich doch beinahe bestürzt. Denn in diesem Nest hört niemand je etwas anderes als russischen Rock und derbe Chansons, doch der junge Familienvater bekannte, er lege, wenn er arbeite, fast immer Mozart auf, und zeigte mir die CD in dem kleinen Kassettenrekorder, der an der schiefen Wand hängt.

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Pascha, so heißt der Mozart- und Motorfan, gehört zu jenen Technikfreaks, die Automobilen fast physisch verfallen sind und ganze Tage damit verbringen können, deren Innereien zu reparieren und zu reinigen. Seine Verwandten und Kollegen steckt er mit seinem für diesen Ort exotischen Musikgeschmack freilich nicht an. Nur ein koreanischstämmiges Ehepaar aus der Nachbarschaft, das eines Abends bei ihm in der Garage vorbeischaute, um noch ein wenig zu plaudern, schmolz von den unerwartet schönen Tönen aus dem Gerät dahin und fing an zu weinen. Der bodenständige Pascha erklärt das damit, dass die beiden zu viel Wodka getrunken hätten, den Asiaten oft schlechter vertragen würden als Einheimische. Das nächste Mal, als ich Pascha traf, der außerdem in einem Laden Autoersatzteile verkauft, hatte er gerade im Netz für einen deutschen Wagen einen passenden polnischen Auspuff gefunden. Aus dem Radio neben ihm flossen leise anmutig-abgründige Klänge aus der Ouvertüre zu Mozarts „Don Giovanni“. Er lade sich seinen Mozart im Internet herunter, erklärte Pascha, dem natürlich ganz egal ist, worum es in der Oper geht. Er brauche das.

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Unter seinen Kunden im Autoreparaturgeschäft seien nämlich nicht wenige ungehobelte Leute, die ihn anbrüllten, übrigens auch Frauen, verriet der Handwerker. Und nur die selbst höchst nervöse, feingliedrige, aber harmonische Musik von Mozart bringe seine Nerven wieder ins Gleichgewicht. Über die wundersame Macht der Musik im Leben eines Mechanikers war dann aber auch ein Kompositionsprofessor am Moskauer Konservatorium, dem ich die Geschichte erzählte, fast zu Tränen gerührt. „Sag Pascha“, bat mich der Tonkünstler, „wenn er jemals in Moskau sein sollte – was auf absehbare Zeit allerdings unwahrscheinlich ist –, dann soll er mich doch besuchen.“ Er würde dem sensiblen Landsmann gern zeigen, sagte der Musiker, dass Mozarts Werke nicht schlechter konstruiert seien als die von ihm so geliebten Maschinen.

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